Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1901)
- Date
- 1901-06-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42 Jahrgang. Erste Aeikage zu M 48 des „Israelit." leitender Artikel. Atiifiislimhtl i>> neuer BtlciMW.ft?y r a n t f u r t a. M., im Tamus. ■Tos a.rone Drama, „Affäre Dreyfus" genannt, das einige dabre hindurM die ganze Welt in Spannung dielt, hat leider eine unbefriedigende Lösung erhalten; so ungefähr mie ber blbschluss eines realistischen Stückes van heutzutage, das die Ungerechtigkeit sozialen Seins in grellen Farben uns gibt, schwierige Probleme vor unseren 'Augen entrollt, die aber nicht gelöst werden, weil der moderne Dichter mH den wirklichen Menschen rechnen mit fr, denen die Kraft heiligen Wollens fehlt, denen es an Math gebricht zur konsequenten Durchführung einer 'nähren, grasten Idee. Doch noch ist die Affäre nicht abgeschlossen!! ,.L;i verite esst, en lmnrhe;" langsam, aber ge wist. Schon zuckt es wieder mit leuchtenden Blitzen hinein in d'e graue, grause Gewitterschwüle. Wir erinnern nur an. die Esterhazy'sehe jüngste Beichte in einer grosten, belgischen Zeitung u. s. f. Da erscheinen nun zwei Bücher — scheinbar nur Bergan.gew's, längst Bergangenes wiedergebend, und darum auch ohne Interesse, thätiges Interesse für den gegenwärtigen Stand der Sache — zwei Bücher von zwei Juden, von dem „Berrä.ther," dem grossen Märterer selbst und dem Geisteskämpser und wackeren und treuen Wafsengesährten Joseph R e i n a ch : „Das Dagesbnch Dr^ysus während seiner Gefangenschaft", mit allen schriftlichen Auszeichnungen während dieser Zeit, vor Allem den Briesen an seine Frau — und dann das Meistertverk, „Die Geschichte der Affäre," von ihren Anfängen an in den kleinsten Details — aber nach grossen Gesichtspunkten dargestellk von Reinach. Wenn tvir Ihrem geschätzten Blatte diese beiden Werte gerade aus der schier unerschöpflichen Litteratnr über die „ >fffärc" empfehlend übermitteln, so ist der nach unserer Ueberzeugung bleibende historische Werth dabei Ausschlag gebend, so fällt dabei die Bedeutung, die die Bücher Für die Zukunft haben werden, in's Genncht - und nicht in letzter Linie der Umstand, dass es Juden sind, unsere Brüder, die theils offen, theils nnbevonsst hier alte, jüdische, und doch höchst „moderne t) Dreyfus, Alfred. Cimj annees «lo ma vie (1804—189!)) iu —8. Paris, Hibliotlic<iuc—Charpeutier, 1901. Fr. 3.50. Bemach, Joseph, Geschichte der Affaire DrepfnS „Der Prozess von 1804". Anf Grnnd des amtlichen Akkenmaterials dargestellt. Deutsche Ausgabe, 2. Ausl, in —8, Berlin und Leipzig, Fr. Luckhardt, 1001, brosch. 0 M., geh. 7 Bt. Klagelieder" uns gegeben! Denn was anders sind die die Diese unseres Herzens aufwühlenden Schmerzensansbrüche und Unschuldsversicherungen des in schauderhaster Einsamkeit schmachtenden Gefangenen Dreyfus. was anders die unbezwingbare, und darum für ihn lebenserhaltende Sehnsucht nach Frau und Kindern und Heim, seine zähe Ausdauer im Leiden und unverwüstliche Hosfnungsfreudigleit in allem Weh, die auf jedem Blatt dieses Tageshuches uns sich bieten — was anders als die nur dem Juden eigenen Züge? Ein altes, jüdisches Lied in moderner Gewandung! Und dieses Lied, es!vird nicht spurlos an uns vorüberziehen, es wird die Schuppen vor unseren Augen lösen, wirkt besser und gemüthsreinigender auf die Farce von Centenorseiern. die ein in das Grab gesunkenes Kulturjahrlmudert verhimmeln, zeigt klar und deutlich die wegwerfende Art, in der oft jüdische, geistig-hervorragende Männer bei jeder Gelegenheit Anschluss suchen in den Kreisen, die im Grunde ihres Herzens den Juden hassen, zeigt der grosten Masse jüdischen Volkes, was die Folge buhlerischer Kriecherei ist, die darnach geizt, eines böslichen Grusses von einem Nichtjuden gewürdigt zu werden. Ach, welches ilnglück hat darin gerade die Emanrivation bei uns angestiftet! Man schämt sich seines einstigen, aber doch noch einmal die Welt erobernden, idealen Kosmopolitimus, der grade bei dem alten Inden aut das Mast des Natürlichen durch eine frei von jedem Chauvinismus vernünftige Vaterlandsliebe gebrachr war. Gebt Enern Kindern diese Bücher in die Hand, und die Zukunft wird wissen, was sie zu thun hat. D a ist ein Jude, der war wiithender Patriot — und wollte doch Jude am wenigsten sein! — und den Lohn des allen Inden erhielt er. Was Drevftis ängstlich in seinen ..einlp nnn6U8 cke nia vie“ zu sagen vermeidet, vielleicht auch, zu seiner Entschuldigung gesagt, in einer leisen Anwandlung von Schau: anzudenten sich scheut — das spricht aus dem phänomenalen Werke Reinachs, der ja von Anfang an ans der Warte stand und kämpfte, klar und deutlich, dass, der Jude ttnd nur der Jude das Opfer jenes entsetzlichen Lügengewebes wurde: „Allein es war der Jude," „man traf den Inden," „also empfand man die Wohlthal. wieder frei athmen zu können, und man athmete tiefer, weil ein Jude, einer der Eindringlinge, vor den Schranken stand. Der lang genährte Hass brach aus: man jubelte, dass er es war." „Er war Jude, das fnqt Alles." , Wer Reinach's Buch.denkend gelesen— und es zwingt durch die Macht der'Tbatsachest zum Denkest—• der athmet als Jude freier. Nicht weil sein Glaube an die Menschheit optimistischer geworden wäre — nein,