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Der Israelit · 1901-06-20 · Heft 48 (20.6.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 48 (20.6.1901)
Date
1901-06-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1065 strömte in die uralten Gebete hinein, all' die übermenschliche Last, die auf ihr ruhte, ward leichter und leichter und der fromme Beter wurde ein neuer Mensch. Die Kerze war dem Verlöschen nahe. Simon Wahl stellte das Auch wieder an Ort und Stelle. Dann griff er docb wieder nach dem Schowuausband. Er hatte ja noch gar nicht das Abendgebet gesprochen. In der Snnagoge hatte ihn der Schmerz und der Schrecken überwältigt, aber jetzt, jetzt hatte er ja Zeit! Er schlug den Band aus und trat zum Tische hin, denn die Kerze flackerte nur noch unruhig: er mußte sich beeilen. Als er mit dem Gebete fertig war, blätterte er noch ein wenig weiter und plötzlich — ein tödtlichcr Schreck durchfuhr ihn — plötzlich sah er zwischen zwei Blättern eine Anzahl Papiere liegen, mit einer Schrift be schrieben, die er unter tausenden erkannt hätte, mit der Schrift des Vaters! Die Papiere lagen nicht in Ordnung, sondern lreuz und quer, auch waren sie non ungleicher Länge. Simon versuchte zu lesen, aber er fand keinen Anfang; noch suchte und probirte er krampfhaft — als mit einem Male die .Kerze erlosch. Da war er im Finstern und hielt die theuren Blätter in den Händen. Inbrünstig führte er das vergilbte Papier an die Lippen, dann legte er es sorgfältig in das Buch zurück und begab sich zu Bett Doch von Schlafen war keine Rede. Die Fülle von Aufregungen, die auf ihn eingestürmt, seit er den Boden der Heimath wieder betreten hatte, sie war zu groß! Er fand keine Ruhe! Die Gedanken wirbelten nur so durch sein Gehirn. Vor allem aber beschäftigte ihn jetzt Eines: die Blätter! Er entsann sich, daß der Vater gerne schrieb. Er hatte eine solch große steile Handschrift und liebte es, seine Gedanken und Erlebnisse aufzuzeichnen. In einem Schubfach des Sekretärs lag jahrelang ein hohes, schmales Buch — eine Art Tagebuch, welches der Vater fiibrte und an dem er manchen Abend in seinen Mußestunden arbeitete. Denn der Vater war lein gewöhnlicher Kaufmann, er war einst für den Rabbinerberuf bestimmt, hatte viel gelernt und gelesen und besaß überaus vernünftige Ansichten. So lag Simon Wahl sinnend und denkend bis der Tag zu grauen begann. Kaum fiel der erste matte Schein in die Stube, so erhob er sich, ergriff die aufgefundenen Blätter und trat an das Fenster. Nicht lange, so schien er den Zusammenhang gefunden zu haben, denn er las regelmäßig weiter — ja. jetzt flogen seine Augen förmlich über die Buchstabenreihen dahin — es mußte überwältigend sein, was er las, denn während des Lesens begann er herzbrechend zu schluchzen, kurze Rufe, wie Schmerzensschreie eines Verwundeten, entrangen sich seiner Brüll, ein ungeheurer Schmerz lag in seinen Mienen-— wie auch nicht?! Ihm war ja in diesem Augenblick, als spräche zu ihm die Stimme des Vaters aus dem Grabe —- Am Tage gab es in der Synagoge eine ungeheure Aufregung. Während der Thoravorlesung, als der Vorbeter gerade die Worte lau ßachmaud sang, ertönte plötzlich ein dumpfer Fall. -Alles drehte llch um und sah, wie man in der letzten Banl um den Fremden bemüht war, der bewußtlos am Boden lag. Es war eine schlimme Störung: einige Beherzte aber ergriffen kurz entschkosseu den Ohnmächtigen und brachten ihn nach der nebenanliegenden Wohnung des Lehrers. In der rechten Faull hielt der Fremde ein«' Anzahl beschriebener Blätter krampst-aft fest; es kostete Mühe, sie seinen Fingern zu entwinden. Ein schnell herbeiaebolter Arzt traf die erforderlichen Maßregeln. Der Kranke tvurde auf ein Sopha gelegt, von allen beengenden Kleidungsstücken befreit und seine Stirn mit stärkenden Estenzen gewaschen. Nicht lange, so schlug er die Augen auf und blickte mit dem Ausdruck unendlicher Mattigkeit um sich. Der Arzt verordnete Ruhe und so ließ man den Kranken allein, damit ein stärkender Schlaf ihm die volle Kraft wiedergebe. Inzwischen war der Gottesdienst zu Ende und mau besprach in. der Snnagoge das ungewohnte Ereigniß. Der Gastgeber des Fremden, der ihn ja auch beherbergt hatte, wurde mit Fragen bestürmt; aber er wußte nichts Besonderes. Plötzlich kam der Lehrer, in besten Wohnung man den Ohnmächtigen gebracht hatte, nach der Snnagoge Zurück. „Das Einzige, was wir bei ihm gefunden haben!" ries ec und zeigte die zerknitterten Blätter, die er dem Fremden aus den Händen genommen. Da dal Einer den Lehrer, er möchte doch einmal lesen, was daraus steht. Der Aufgesorderte ordnete die Blätter; dann las er: „Au diesem Fontes, während der Chasen die asteres hadibraus lainte, kam mir ein Gedanke, den ich heute aufschreibeu muß. Wie alles in meinem Leben, so verknüpft sich auch dieser Gedanke mit dem großen Unglück, das mich betroffen, und das ich nicht vergessen kann, so lange Zeit auch schon darüber hingegangen. Lau ßachmaud! „Du sollst nicht begehren!" Dieses letzte der Zehngebote umfaßt doch eigentlich alle übrigen. Es ist das letzte, das — ich möchte sagen — göttlichste! Denn ein Gebot zur Regelung der Begierde erlassen — das kann kein irdischer Machthaber, das kann nur der Allwissende, der Herz und Nieren prüft. Und wenn man es genau überlegt, ist ja unsere ganze heilige Religion eine Erweiterung des Gebotes: „Du sollst nicht begehren!" De-r Mensch ist ein von Leidenschaften erfülltes Wesen. Unsere Religion will diese Leidenschaften zügeln. Darum erzieht sie den Juden zur Enthaltsamkeit: darum versagt lle ihm.tausend Genüsse, der/n sich andere erfreuen dürfen: darssin' stellt sie rhstz "auf Schritt und Tritt ihre Verbote hin, deren Erfüllung seine Entsagungsfähigkeit beansprucht. „Du sollst nicht

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