Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 46 (13.6.1901)
- Date
- 1901-06-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4L. Jahrgang. weite Meilage zu M 46 des „Israetit". Leitender Artikel. Wtlchtn Wl>> fmiti ki Mnthiiiii m Kii Vittfrfitururrfiimi criunrtfii '! Voll P. -zricdmann eanä. pliil., Ber tt. Davos-Dorf, im Juni 1901. gibt Viele, die in den unter so großem Geräusche sich kundgebenden Litteraturvereinen das Ideal des Judenthums zu erblicken vermeinen. Und in der That ist der äußere Schein dieser in so stattlicher Anzahl aufschießenden Vereine sicherlich dazu geeignet, Manchem Respekt einzuflößen. Wem wird es nicht erinnerlich sein, als noch vor wenigen Dezennien unsere Reformer einen furchtbaren Angriff auf unser Heiligstes wagten und in das jüdische Haus Feuerbrände trugen. Mit selbstverleugnendem Muthe ist jeder gesinnungstreue Jude auf dem Plan erschienen, mn sein kostbares Kleinod „und seine ehrwürdige Vergangenbeit" der um sich greifenden Feuersbrunst zu entreißen. Nun, diese Brandleger sind jetzt mit einem Male bestrebt, mit uns Vereine zu bilden, deren Tendenz sein soll, „unsere Vergangenheit zu glorifizieren!" Männer, die bisher dem Boden des Judenthums ganz entrückt waren, erlassen jetzt Aufrufe zur Bildung von Vereinen, um — so heißt es in den betreffenden Aufrufen wörtlich — „der Entfremdung vom Judenthum entgegen zu wirken." Es kann uns demnach nicht wundern, daß Leichtgläubige, die auf solche phrasenhafte Programme schwören, mit Schiller begeistert ausrusen: „Du siehst die Liebe aus des Hasses Flammen Wie einen ne» verjüngten Phönir steigen." Auch Schreiber dieser Zeilen war einst naiv genug, sich von den Vereinen angesichts dieser Thatsache eine große Zukunft zu versprechen; doch die Erfahrungen, die bisher gemacht wurden, entsprechen nur sehr wenig dielen schönen Hoffnungen. Mögen mir die eifrigen Befürworter dieser Vereine nur einen einzigen Mann namhaft machen, dessen Bekehrung zum praktischen Judenthum nur infolge der emsigen Thätigkeit mancher Wanderprediger erfolgt wäre! Nach wie vor wird der heilige Sabbat geschändet; nach wie vor werden unsere heiligen Satzungen und die jüdischen Symbole von Vielen, ja selbst von manchen Häuptern und Veranstaltern dieser Vereine mit Füßen getreten. Nicht mit Unrecht sieht Herr Saly Geis (im Israelit Nr. 31) den Bestand des Judenthums in hohem Grade gefährdet, wenn nicht zur rechten Zeit thätige Hände radikal eingreifen und den überhandnehmenden Uebeln entgegensteuern. Es sei hier nur ein einziges Beispiel erwähnt: In der Stadt N. hat ein Wanderredner alle erdenklichen Farben herbeigeholt, um die Frömmigkeit, Tugend und Weltanschauung des Maimonides würdig zu malen. Derselbe Redner aber ließ sich's nicht nehmen, gleich am selben Abend eine Mahlzeit einzunehmen, ohne sich zuvor vorschriftsmäßig die Hände zu waschen! Wo ist mm Maimonides, dem Redner soeben einen Ehrenabend veranstaltet hat, und aus den er Lobhymnen sang? Dieser Maimonides würde Pich sicherlich im Grabe umdrehen, wenn er erführe, daß sein Jünger und Verehrer mit den religiösen Vorschriften so umspringt, sang? Unwillkürlich mußte ich damals ausrufen: ‘r-n V5P3? w' cTcn zpv die Stimme, die sich soeben in I schwärmerischer Verehrung für unseren großen Meister und Gesetzgeber ergoß, ist die des Jakob, die Hände aber, die gleich nachher '"ll: *v:xd unterlassen haben, sind die des Esau. Ein unwillkürlicher Lachreiz bemächtigte sich ineiner beim Lesen eines Artikels, der ebenfalls die Vereinsfrage zum Inhalte hat. Der Schreiber desselben ist von den Litteraturveceinen derart erbaut, daß er ihnen sogar eine höhere Weihe ertheilen möchte und ihre Litteratur- Vorträge mit „Homiletik" würzen will. Die Synagoge, meint er. verfehlt ihre Wirkung, weil sie von den jüdischen Größen nur sehr selten besucht wird, wollen wir nun in den mehr besuchten Litteraturvereinen eine Kanzel errichten und den verstockten Herzen die Worte Gottes gewaltsam eintrichtern! Bei aller Hochachtung vor der Erfindungsgabe tiefes geehrten Artikelschreibers, möchte ich ihm beileibe nicht rathen, sein Projekt zu verwirklichen, falls er nicht Enttäuschungen erleben will. Die Kommerzien- und Justizräthe, die bisher dem Kasfeelokal, dem Versammlungsort dieser Litteraturvereine mehr hold waren, als der Synagoge und denen zu Liebe Herr A. St. dortselbst die Homiletik vom Stapel lassen möchte, diese hohen Herrschaften können wie einst Jonas vor dem j Worte Gottes, das jetzt im Kasseelokale seinen Einzug j halten soll, die Flucht ergreifen und der Litteratur-! Verein käme in diesem Falle um seine kostbaren Perlen! und um seine stolzen Oberhäupter!! Die sog. jüdischen Größen fühlen sich gewöhnlich von pikanten Anekdoten und Geschichtchen, wie sie unsere Novellisten und Schöngeister zum Besten geben, angezogen; mit dem Momente aber, wo solche Vorträge eine homiletische Färbung erhalten, würden diese Helden die ersten sein, die dem Vereine ihre Erscheinung versagen. Ist es doch schon so weit gekommen, daß ein Rabbinatskandidat in Würzburg, als er seine Litteraturrede mit den Wor-