Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 46 (13.6.1901)
- Date
- 1901-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1021 daß er einen langen Weg fintier sich Hai, denn seine Kleider sind über und über bestaubt und sein Antlitz ist tief rath. Neben ihm auf der Bank liegt sein Ranzel, er selbst stützt den rechten Arm auf die Krücke eines festen Kuoienstockes, den er in die weiche Erde gestoßen und blickt, die Siirn in die Hand schmiegend, nnnerwandt auf ta« Städtchen hinab. Mit einem freundlichen „Guten Abend" grüßten ihn die Feldarbeiter; er gibt ihnen den Gruß mechanisch zurück, ohne den Kopf zu wenden. Die Feldarbeiter ziehen ihres Weges und lassen den müden Wanderer in der dämmernden Einsamkeit zurück. Bleiben wir bei ihm! Roch immer wendet er das Auge nicht von den Dächern da unten. Kein Wunder! Was seinen Blick festhält, das ist ja die Zaubermacht der Erinnerung! Er kennt sie, diese Dächer! Jahrzehnte sind vergangen, seit er sie nickt gesehen. Viele, die noch mit ihren frischen Ziegeln heraufglänzen, sind ja erst neu binzugelommen, aber andere begrüßen des müden Mannes Auge wie liebe, alte Bekannte: Dort, das Schieferdach des Schulgebäudes, dicht dabei der spitze Thurm der protestantischen, und etwas weiter nach rechts der runde der katholischen Pfarrkirche. Seitwärts von dieser, an der Gasse, die fast im Halblreis um die Kirche herumfllhrt, dort muß das schmale Häuschen liegen, in welchem unser Wanderer seine Jugendjahre oerlebte. Er kann es unmöglich sehen von hier oben aus. Es ist zu klein und liegt zu versteckt. Wer weiß, ob es überhaupt noch steht? O, es ist nicht nur das Häuschen, um welches unterem Wanderer bange ist! Ihm ist weit banger um den. der in diesem Häuschen wohnen muß — — um den Vater! Ein tiefer Seufzer hob des Wanderers Brust. —■ Ob oer Vater noch lebte? Er wußte es nicht! Aus weiter, weiter Ferne, von Jenseits d-'s Ozeans kam er herbei. Ihm dünkte, er sei schon eine Ewigkeit unterwegs, die Sehnsucht hatte ifint den Weg verlängert. Was kümmerte es ihn, daß er als Bettler kam, arm an Geld und arm an Hoffnung? Wie anders war er vor einunddreißig Jahren ausgezogen, die Brust geschwellt von rüstigem Streben, in der Tasche ein kleines Vermögen, an der Seite ein junges, schönes Weib, — freilich, damals wanderte neben ihm ein entsetzlicher Begleiter, — der Fluch des Vaters: denn das Weib an seiner Seite war eine Nichtjüdin und er war Jude! Nun aber — das Weib gestorben. das Geld verloren, die Brust leer und öde — nun kommt er wieder, als reuiger Sohn des Vaters Verzeihung zu suchen. Nichts batte er die langen Jahre aus der Heimath gehört: jede Beziehung zu ihr war abgebrochen. Mit allen Fasern seiner Seele hatte er sich ja da drüben dem neuen Leben zugewandt, dem Glück, das er suchte, wie so viele andere neben ihm. Wie in ein Grafi versank ihm da das alte Leben, die Erinnerungen verblaßten vor dem aufregenden Glanze der neuen Ereignifle. Denn eine zeitlang war es ihm allerdings geglückt! Die kleine Fabrik, die er sich in einem Städtchen des Staates Illinois gegründet hatte, reüstirte: lein Vermögen, die Mitgabe des Schwiegervaters, eines alten Müllers in der Nähe der Heimath, vermehrte sich zusehends, und auch in sein Familienbaus schien das Glück eingekehrt. Sein Weib gebar ibm nach fünfjähriger Ehe im Zeitraum von drei Jahren zwei liebliche Mädchen, die zur Freude der Eltern in steter Gesundheit heranblühten. So vergingen Jahre voll ungestörten Glückes, bis — nun. bis bas Unglück kam! O, es faßte ihn zuerst an seiner empfindlichsten Stelle, an seiner väterlichen Liebe. Seine älteste Tochter begann als blühende Jungfrau von achtzehn Jahren, zu kränkeln; ein Brustleiden zeigte sich immer klarer und klarer, die Aermste siechte dahin - und mit ifir schien das Glück vollends aus dem Hause zu ziehen. Schlag auf Schlag folgten nun einander die Schickungen. Die jüngere Tochter verschwand eines Tage-', mit einem Schauspieler, in den sie sich verliebt hatte, und sank, nachdem der Geliebte sie treulos verlaßen, immer tiefer und tiefer, bis zur niedrigsten Stufe weiblicher Verkommenheit. Ungünstige kaufmännische Konstellationen brachten die Fabrik an den Rand des Ruins. Verzweifelte Versuche, sie zu retten, mißlangen. Ein letzter Koup, der unter Umständen alles Verlorene wieder einbringen konnte, war zu kühn und gewagt, um nicht fehl zu schlagen — der wohlhabende Fabrikherr kam an den Bettelstaab. Ach. er hätte auch dies ertragen, wäre ibm nur das Letzte und Liebste, was er noch besaß, geblieben, — sein Weib! Aber das Schicksal schien ihm nichts, garnichts zu gönnen. Auch diesen letzten Trost entriß es ihm. Das arme Weib war zu schwach, um die schweren Schläue zu ertragen, die nun seit Jahren schon aus ihr Haus herniederfielen, sie erlag ihnen. Und so kam der Tag heran, an welchem Simon Wahl allein und einsam in der Welt stand, ofitte ‘VQetö, ohne Kinder, ohne Habe, arm in dem fernen, fremden Lande. Eine zcitlang ernährte er sich kümmerlich als Kellner niedrigster Sorte, als Zeitungsausträger und Aehnlickes, ja. er begann sogar von der Kleinigkeit, die er verdiente, noch zu soareu. Eine bestimmte Summe blos war sein Ziel! Wenn er die beisammen hatte, dann — dann kaufte et sich eine Zwischendeckskarte und fuhr — nach Deutschland! Nach der Heimatb! Dahin zog es ihn unwiderstehlich! Er mußte es Wiedersehen, das Städtchen mit den tausend Erinnerungen an Glück und an — Kamvf! Au den Kamps, den er um das Weib feiner' Jugend mit dem Vater geführt, dachte er jetzt allerdings nicht mehr. Er hatte einst gesiegt in diesem Kampfe, aber nur flüchtig, nachher war er dennoch unterlegen, des Vaters Fluch war stärker gewesen. An den Kampf dachte er nicht mehr. „Aber an das