Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 42 (30.5.1901)
- Date
- 1901-05-30
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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956 Meister, erklärt: Sie achten streng darauf, daß die Lehrer den bei llebernahme ihres Amtes geleisteten Eid auch halten. Und Sie fügten diesen Worten hinzu: „Derjenige, der seinen Schwur nicht hält, ist ein Schuft." Die Versammlung Ihrer Parteifreunde hat diesen Ihren Ansspruch mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Wir ist aber erinnerlich, daß auch Sie, hochgeehrter Herr Bürgermeister, bei Antritt Ihres illnstren Amtes einen Eid feierlich geleistet haben, einen Eid aus genaue Einhaltung der Staatsgrundgesetze bei Ausübung Ihrer Pflichten, einen Eid, der Sie verbindlich macht, gleiches Recht zu üben gegen alle Bürger dieser Stadl, ohne Unterschied der Partei und der Konfession! Ist es aber nicht eine eclatante Eidesverletzu n g , wenn Sie jüdische Lehrer oder jüdische Magistraisbeamte grundsätzlich von jeder Beförderung, jüdische Handwerker und Gewerbetreibende grundsätzlich von jeder Betheiligung an städtischen Lieferungen ausschließen 7 Die erceptionelle Heiligkeit des Eides gestattet Ihnen nicht, in diesem Falle sich hinter die Verantwortlichkeit des Stadtrathes oder des Magistrats zurückzuziehen. Sie sind der oberste verantwortliche Ehes und überdies in der Lage, auch den Mitgliedern des Stadkrathes und Magistrates den geleisteten Eid eindringlict) in Erinnerung zu rufen: „Derjenige, der den Schwur nicht hält, ist ein Schuft." Es will mir nichi einleuchten, daß die Eidestreue nur für die kleinen Leuste heilig sei, daß aber für die großen Herren die Grundsätze der Moral und des Sittengevotes ihre Verbindlichkeit eingebüßt hätten. Wie halten Sie es also, Herr Biirgermeister, mit Ihrem Schwur, den Sie bei Uebernahme Ihres Amtes feierlich geleistet haben Aus Ihrer persönlichen Erfahrung in der Vergangenheit wißen Sie genau, daß die unglücklichen jüdischen Lehrer und Beamte weder „Repubkitaner" umss „deutsch-national", sondern von gut österreichischer Geunnung beseelt sind. Diese haben ihren Eid nie verletzt. Wie können Sie deren fortgesetzte Vräterirung mit Ihrem Amtseide vereinbaren? Wie wollten und könnten Sie solchen Eidbruch rechtfertigen? — S'e sagten in der Volksversammlung: „Jeder, der seinen Schwur nicht hält, ist ein Schuft." Gewiß, Niemand t'ürd dem widersprechen. Nur in aller gezmmenden Bescheidenheit an Ihren Amtseid ergebenst zu erinnern, gestattet sich hiermit Ihr ganz gehorsamer Dr. Jos. Bloch. W i e n , 14. Mai 1901. Frankreich. Vari-s. Tie „Alliance israelite" richtet an alle größeren Gemeinden folgenden Aufruf, um noch einige Monaten lang die Unterstützung sortsetzen zu iönnen: „In aller Welt Erinnerung lebt noch der furchtbare Schrei ob des Elends in Rumänien im Frühjahr des Jahres 1900. Durch zwei schlechte Ernten ausgehungert, aller Rechte beraubt, bereitete sich eine große Zahl der 250.000 Juden Rumäniens vor, das Land zu verlassen, um stch eine neue Heimath zu suchen. Einungeheure Katastrophe war zu befürchten. Die bedeutendsten Vertreter des Judenthums thaten sich zusammen, um die nothwendigen Schritte zu thun und die verzweifelte Masse im Lande zurückzuhalten. Ungeheure Summen wurden aufgebracht und durch die „Alliance" vertheilt. Man mußte zehn Monate lang tausend Familien, die aller Mittel bar, beköstigen und kleiden. Man schuf an dreißig Volksküchen in allen Centren des Landes, die gratis an mehr als 40,000 Personen, Greise, Frauen wie Kinder, Nahrung lieferten. Die „Alliance" selber verbrauchte 50,000 Frcs. in Rumänien zu diesem Zwecke. Sie hatte außerdem einen Kostenaufwand von 450,000 Frcs. zu tragen, um an 3000 Personen zu unterstützen, die nach Nord- und Südamerika auswanderten. Sie wissen getviß aus den Zeitungen, daß das Schicksal des rumänischen Israeliten sich keineswegs gebessert hat. Die politische und ökonomische Lage des Landes hat sich eher in den letzten Monaten verschlechtert. Es ist daher unmöglich, das Unterstützungswerk abznbrechen, das wir in dem Lande organistrt baden. Doch sind die ausgebrachten Gelder erjchöpst. Um das Unterstützungswerl fortsehen zu können, wenden wir uns von neuem an die Wohlthätigkeit unserer Glaubensgenossen; wir bitten, uns von neuen: Hilfsmittel zukornmen zu lassen, um taufende von jüdischen Familien vor Hunger zu schützen." Amerika. Rcwrwrt. Auch in: amerikanischen Repräsentantenhanse wurde das Verbot der Pforte, die Einwanderunassrage betreffend, neuerdings scharf lritistrt. Im Senate wurde dem Staatssekretär Hay vom Senator Mitchell aus Dregon ein Memorandum. überreicht, dessen Autor Mister Solomon Hirsch in Portland ist, und worin gefordert wird, die amerikanische Regierung möge ihren Botschafter in Konstantinopel instruiren, Verwahrung einzulegen gegen die im November v. I. erlassene Verordnung der türkischen Regierung, wonach ausländische Juden sich in Palästina nicht länger als drei Monate aushalren dürfen. In seiner Antwort wies Staatssekrtär Haß darauf hin, daß Mister Hirsch's Memorandum durch eine am 28. Febr. d. I. an den amerikanischen Geschäftsträger in KonstantinopA ergangene Instruktion überholt sei. Db die Pforte sich den Vorstellungen der Mächte fügen wird, ist freilich eine andere Frage.