Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1901)
- Date
- 1901-05-23
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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verpflichtet, an dieser Stelle der Jewish Colonization Association für ihre Mitwirkung bei der Unterbringung von Handwerkslehrlingen und fiir den Entschluß zu danken, uns zu diesem Zwecke für drei Jahre eine jährliche Subvention von 10 000 K. zuzuwenden, Frankreich. Paris, 20. Mai. Wohl nie seit dem Urtheilsspruch von Lennes ist über die berühmte „Asfaire" in der Presse und in den politischen Kreisen so viel gesprochen worden, wie es in diesem Augenblicke der Fall ist. Der Grund dazu ist in den neuesten literarischen und politischen Erscheinungen zu suchen. Auf diese beiden Dinge ist das Wiederauftauchen der Dreyfusdebatten zurückzuführen. Zuerst muß auf das prachtvolle Werk Joseph Reinachs, „Geschichte der Dreyfusaffaire," hingewiesen werden. Das Buch ist dem beriihmien Direktor des Institut Pasteur, Em. Duclaux, gewidmet, diesem berühmten und großen Gelehrten, der während der Dreyfusaffaire sein friedliches Laboratorium verlassen und in die geräuschvollen Volksversammlungen gegangen ist, um einen geradezu beispiellos dastehenden Kampf für Wahrheit und Recht zu führen. Mit der ihm eigenen Prägnanz hat Reinach in diesem Buche alle Dokumente, die auf die Dreyfusaffaire Bezug haben, zusammengestellt und die historischen Thatsachen 8ine ira et studio geprüft. Selbst der hartnäckigste Zweifler muß durch die streng-logische, inan möchte fast sagen mathematische Beweisführung Reinachs van dem „grauenvollen Justizirrthum" überzeugt werden.*) Wendet sich das Buch Reinachs an den iüblen Verstand, so ist das Buch von Alfred Dreyfus, dem man das homerische Beiwort „der Vieldulder" mit vollem Rechte beilegen könnte, geeignet, unser Herz in tiefste Rührung zu bringen. Das Buch non Dreyfus rührt den Titel: „Fünf Jahre meines Lebens," und behandelt die auf der Teufesinsel verlebte Zeit. Als ich dieses Buch gelesen, habe ich geweint!-Ja, geweint, man lache nur darüber nicht! Ich habe geweint über die furchtbaren, moralischen und physischen Qualen, die ein Unschuldiger hat erleiden müssen und die in diesem Buche mit einer so rührenden Aufrichtig tcit geschildert werden. Ich habe geweint über die schreienden llngerechtigkeiten, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in dem Lande möglich waren, das zuerst die Menschenrechte vroklamirt und nie aufgehört hat, an der Spitze der Kulturvölker zu stehen. Und auch Freudenthränen habe ich darüber vergossen, daß mitten in diesem Schmutz, in dieser Unsumme von Lug und Trug, sich Männer gefunden haben, die trotz alledem olles einzusetzen gewagt haben, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. *) Dasselbe ist auch in vorzüglicher, beutfc&er Uebertraauna bei Friedrich Luckbardt, Berlin und Leipzig erschienen. Preis Mk 6.— brach, Mk. 7.— gebunden. Wir werden noch öfters Gelegenheit haben, auf dessen Inhalt zurückzukommen. Red. d- Jsr. Der Glaube an die Menschheit, der Glaube an den endlichen Sieg des Guten, Schönen und Großen, wird in mir mächtiger, lebhafter, stärker. Wo Zola und Duclaux wirken, können Rocheforts und Drumonts Bäume nicht in den Himmel wachsen. Pi. England. London. Eine zionistische Sensationsnachricht, welche geeignet ist, das große Kolonifationswerk in Palästina wesentlich zu stören, ist von „böswilliger Seite" in die „Times" lancirt worden. Dieses Blatt brachte nämlich eine Depesche aus Konftantinopel, welche folgenden Wortlaut hatte: K o n st a n t i n o P e l, 14. Mai. Dr. Herzl, der Begründer der „Palästinagesellschaft", ist in Begleitung von Vertretern der Häuser Rothschild und Bleichiober in Konstantinopel eingetrosfen, um dem Sultan eine Anleihe unter der Bedingung anzubieten, daß er ihre Pläne über die Besiedelung Palästinas mit Juden acceptire. Wir wissen nicht, wer dem in jüdischen Angelegenleiten völlig unwissenden „Times"-Korrespondenten in Konstantinopel dieses Märchen aufgebunden hat, und können wir nach dem Prinzip cui kann den journalistischen Urheber der Schwindeluachricht nur vermut h e n . Die Nachricht wird nickt verfehlen, im Lager der Zionisten, die ja seit Jahren nur noch von Illusionen leben, großen Jubel zu erregen, auf welchen dann der übliche Katzenjammer folgen wird. Die zionistische Londoner „Jewish World" hat sich bereits beeilt, die thörichte Timesmeldung an hervorragender Stelle kritiklos wiederzugeben. Dagegen war die nichtzionistische „Jewish Ehronicle" weniger leichtgläubig und zog vorher an maßgebender Stelle Erkundigungen ein. Das Resultat war, wie nicht anders zu erwarten, folgendes: Soioohl das Haus Rothschild, als auch das Haus Bleickirädcr dementirten sehr energisch die von dem Eitvblatte gebrachte Meldung. Dr. Herz! mag wohl nach .Konstantinopel gereist sein, aber weder das Haus Rothschild noch das Haus Bleichröder beabsichtigen, mit der Türkei irgend welche Anleihegeschäftc zu machen. Ohne Begleitung der Vertreter dieser beiden Häuser ist aber Dr. Herzel's Reise nach Koustantinopel eine gleichgültige Privatangelegenheit, die höchstens nur noch die mit beiden Füßen auf dem längst zerfetzten Baseler Programm stehenden antiquirten Zionisten interessiren kann. Rußland. Eine jüdische landwirthschaftliche Lehrfarm, in welcher jüdische Kinder in der Landwirthschast und den mit ihr verbundenen gewerblichen Nebenbetrieben unterrichtet werden sollen, wird mit Genehmigung des Ministers der Landwirthschast bei Minsk eröffnet werden. Das Grundstück von 102 Dessadinen für diese Farm hat Baron Günzburg geschenkt und die Mittel zur Einrichtung und zum Unterhalt gibt die jüdische Kolonisationsgesellschaft in Paris her. Der Cursus auf der Farm wird ein vierjähriger sein.