Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 39 (20.5.1901)
- Date
- 1901-05-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449184--53373-2504021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ficf), wenn sie auf der Straße an der Seite des bildhübschen Studenten einberging. Welche holden Zuknnftspläne batten die beiden glücklichen Menschenkinder während der kurzen Zeit ihres Beisammenseins ausgehecki! Doch allzubald war der Reif der Enttäuschung auf Gundel's junges Glück gefallen, und hatte die zarte, solch' ^östliche Früchte verheißende Blüihe mit seinem verderblichen Hauche gestreift. Gundel hatte Vormittags ihre letzte Prüfung auf glänzende Weise beitanden und packte eben ihren Koffer, um Abends die Heimreise anzutreten. Da kam Rudolf in's Zimmer, sie vcrabredetermaßen zu einem letzten gemeinsamen Spaziergange abzuholen. Er mußte die Nacht durchschwärmt und seinen Rausch noch nicht ausgeschlafen haben: denn er trat, ohne seine keck auf's Ohr gestülpte Kappe abzunehmen, in's Zimmer, ging geradewegs auf Gundel zu und machte den Versuch, sie zu umarmen und zu küssen. Das erschrockene Mädchen schleuderte den Zudringlichen mit voller Kraft von sich, so daß er bis zur Thnre taumelte. „Altjüngferliche Prüderie!" rief er grollend aus. Gundel war todesbleich geworden. Also eine alte Jungfer war sie ihm jetzt. Der einzige Reiz, den sie je besessen, der Iugendreiz, war schon verflüchtet und nichts geblieben, als ihre Häßlichkeit, und nichts für ne zu hoffen, als entsagungsvolle Ergebenheit in ihr Schicksal als Verlassene. Verschmähte .... Von da an. lebte Gundel noch zurückgezogener als vorher Ans mehreren Gründen hätte sie es gerne vermieden, an der Psingsisahrt Theil zu nehmen, schon aus Sparsamkeilsrücksichten. Denn die letzte Silbermünze, ja sogar der glänzende Dukaten, war dem Nimmersatten Moloch von Rudolfs Genußsucht zum Ovfec gefallen. Mit diesem Gefühl hatte sie gänzlich abgeschloffen, seit sie sogar den Briefwechsel mit Rudolf aufgegeben. Dem dringenden Zureden ihrer Kollegen und Kolleginnen gelang es trotzdem, das verbitterte Mädchen zur Theilnabme zu bewegen. Am Bestimmungsorte angelangt, zog sich Gundel unbemerkbar von der heit-ren Gesellschaft zurück und erklomm die wacklige, baufällige Wendeltreppe, welche von dem mit Gerolle bedeckten Burghöfe hinauf zur Spitze des Thurmes führte, um dort in einem Winkelchen allein und vergessen ihren Gedanken nachzuhängen, bevor die andere Gesellschaft sich ausgeruht hatte. Wer beschreibt ihr Entsetzen, als sie müde und schwerathmend oben angelangt, auf dem Gesimse des Thurmes eine Männergestalt sitzen sah, und in derselben Rudolf Hilber erkannte. Schreien oder auch nur rufen durfte sie nicht, um den Waghalsigen in seiner gefährlichen Stellung nicht zu erschrecken, auch hätte sie keinen Laut aus ihrer Kehle hervorzubringen vermocht. Sie hob mit rührendem Ausdrucke die Hände bjttpnb. zrtzgbm empor, und alle ihre Liebe zu ihm, ihre Angst',' um sein in Gefahr schwebendes Leben, konzentrirte sich in dieser Geberde. Der kecke, waghalsige Student rief ihr ein lachendes: „Willkommen, Gundel!" zu und fuhr fort: „HaK Du denn vergessen, daß ich auf schwindelnder Höhe geboren und erzogen, auch gänzlich schwindelfrei bin? Trotzdem bin ick bereit, sofort herunterzullettern, menn Du mir den Kuß versprichst, den Du mir damals in Prag schuldig geblieben bist." „Tausend für Einen," rief hocherfreut Gundel. und schon war Rudolf herabgesprungen und bedeckte Mund und Wangen des glücklichen Mädchens mit glühenden Küssen. Da erscholl ein dumpfer Ton wie heftiger Donnerschlag. Eine alles verhüllende Staubwolke erhob sich, und als diese sich ein wenig verzogen erblickten die erschreckten Liebenden, daß jener Theil der Tburmmauer, worauf Rudolf soeben gesessen, hinabgestürzt war in die grausige Tiefe. Ohne Gundels Ankunft wäre Rudolf jetzt mit zerschmetterten Gliedern unten im Elbgrund geleaen. „Mein geliebtes Mädchen, wie kann ich Dir für die Rettung meines Lebens danken?" „Durch Liebe." antwortete sie einfach. Die beiden Glücklichen stiegen hinab zu ihren Gefährten, denn auch Rudolf war nickt allein hierhergekommen, und wurden von Allen, ans Anlaß ihrer Rettung aus größter Lebensgefahr, beglückwünscht. Den eigentlichen Anlaß zur Gratulation verschwiegen sie noch vorläufig, denn es mußte noch längere Zeit dauern, bevor der junge Mann an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken konnte. Bon da an jedoch betrachteten sie sich als Verlobte. Geduldig harrte Gundel dem ersehnten Zeitpunkte entgegen, wo der wohlbestellte Herr Professor kommen würde, sein Wort einzulösen. Er kam nicht. Auch in den immer seltener werdenden Briefen war jede Spur von Sehnsucht verschwunden, ein gleichgiltiger, kalter Ton hatte sich eingeschlichen. Wer ergründet das Gcheimniß einer liebenden Frauenseele? Sie hoffte nicht mehr und wartete dennoch. Sie wußte es nickt, daß der undankbare, pflichtvergessene, verzeihen Sie, daß ich mich zu solchen Ausdrücken über JhrenVater Hinreißen lasse, daß dieser ehrlose Mann inzwischen schon ein anderes Mädcken umgaukelte, ihr die Ehe versprach, schon halb und halb mir ihr verlobt war — Ihre Mutter, Herr Doktor! Wie Gundel es ertragen, als man ihr die Gewißheit von der Untreue ihres heimlich Verlobten hinterbrachte? Wer verniöchte dies zu sagen? Nicht einmal ick selber, mit der sie die innigste, treueste Freundschaft verband. Sie hat den Schlag allein getragen. ist allein mit fick' fertig geworden. „Nun geben Sie, junger Mann, und wiederholen Sie diese Geschichte an der Pflegetochter, dem Liebling, der Einzigen dieser armen Märtyrerin!" „Nein und nimmermehr," rief tief erschüttert der junge Doktor, der bisher schweigend zugehört hatte. „Ich werde wie ein Mann von Ehren handeln, wenn