Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 35 (6.5.1901)
- Date
- 1901-05-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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m WWMffWWU'W^ -J- •') 805 Engländer angewiesen waren, sucht der Jude mit dem Moment, an dem er den Boden East-Londons zum ersten Male betritt, einen ordentlichen, fleißigen und loyalen Bürger seines neuen Heimathlandes abzugeben, der stets bereit ist, nach bestem Können sich den sozialen Verhältnissen, Sitten und Gewohneiten der englischen Nation anzupassen. Schon die Kinder, Knaben wie Mädchen, sind so durch und durch Engländer, daß nur noch ifjrr Familiennamen ihre nicht-englische Abstammung verrathen. Bereits die zweite Generation hat unsere Gewohnheiten und Maniren angenommen. Sie freuen sich über unsere Erfolge und sind über unsere Mißerfolge ehrlich betrübt. Ich glaube, daß England's Fähigkeiten, fremde Elemente zu absorbiren, noch größer ist, als die der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Nur in einem Punkte sind die ruffischen Juden treulos; während der englische Arbeiter in East-London lebt und stirbt und niemals den Wunsch hat, die Straße, in der er geboren und erzogen wurde, auszugeben, ist der russische Jude bemüht, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit Whitechapel treulos den Rücken zu kehren. Er läßt sich zuerst im East-London nieder, weil hier gerade die Landungsplätze für die Auswandererschiffc sich befinden. Kaum jedoch ist er in East-London warm geworden, als er auch schon danach trachtet, seine Koffer zu packen und in einem andern Viertel London's sein Zelt aufzuschlagen. Er hat durch eiserne Geduld und unermüdlichen Fleiß sich zu einer höheren Lebenshaltung emporgeschwungen und nun will er auch eine andere bessere Umgebung haben. „Würde morgen durch ein Gesetz die Fremdeneinwanderung verboten und der frische Zuzug nach East-London inhibirt werden, ich glaube Whitechapel würde in einer einzigen Generation seinen gegnewärtigen Charakter als das große Londoner Ghetto völlig verlieren." Von seinen unablässigen Bemühungen, vorwärts zu kommen, rühren alle die kleinen Differenzen, die er mit seiner christlichen llmgebung hat. Er bummelt nicht müßig durch die Straßen, weil er seine Zeit braucht, um Geld zu verdienen, er trinkt auch nicht, weil er fürchtet, der Schnaps werde für alle Zeiten seine Energie einfchläfern. Die Stärke des ruffischen Juden, die ihn befähigt, schon in der zweiten Generation den Staub East-London's von den Füßen zu schütteln, beruht auf seiner „durch das Studium des Talmuds" trainirten Intelligenz. Arm und elend, loie er da vor Ihnen steht, zerlumpt, halb verhungert, kriechend und ohne einen Penny in der Tasche, ist doch dieser Mensch in der ältesten Litteratur der Welt bewandert. Dieses gewährt ihm bei jeder Art von Wettbewerb im Voraus einen kaum geahnten Vorzug. Zu seinem durch das Studium wohl trainirten Gehirn tritt noch ein schnelles Erfassen einer jeden sich darbietenden Chance und ein rasches Sichanpaffen an neu entstehende Verhältnisse, wie sie nur durch Jahrhunderte lang währende Noth anerzogen und von Generation auf Generation vererbt werden kann. Mit solchen Begabungen ausgerüstet, tritt er den Wettbetoerb an, kämpft er gegen den dummen, untrainirten und simplen englischen „Kraftmenschen." Was Wunder, wenn er im Concurrenzkampf schließlich Sieger bleibt!? Nichts als die brutale Gewalt könnte ihn Niederhalten. Mr. Besant ist der Ansicht, daß diese brutale Gewalt einst zur Anwendung gelangen wird. „So lange wir Engländer unsere höhere soziale und ökonomische Stellung gegenüber diesen Uebermenschen aufrecht erhalten können, wird es in England keine „Judenhetze" geben. Dann aber . . ." Dieses „dann aber" ist ein böses Horoskop, das Mr. Besant den Juden England's stellt. Nur die Mittelmäßigkeit kann, nach seiner Ansicht, die Juden vor Verfolgung schützen. Wir wollen hoffen, daß Mr. Besant sich in dieser Hinsicht als falscher Prophet erweisen werde. T. Rußland. Wilna. (Ein M u st e r i n st i t u t.) Die 1.898 hier in's Leben gerufene „Jüdische gegenseitige Kreditgenossenschaft" kann als eine überaus nützliche, jüdische Musteranstalt bezeichnet werden, welche überdies noch den seltenen Vorzug hat, ihre Entstehung und Existenz nicht der demoralisirenden Wohlthätigkeit verdanken zu müssen. Die Nachfrage nach Kredit ist unter den Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden des jüdischen Ansiedelungsrayons so lebhaft, daß zahlreiche Kapitalisten darin eine lukrative Kapitalsanlage finden, daß sie ihr Geld an Kreditwürdige, kleine, jüdische Leute vergeben, welche Kapital nebst „25 vCt. Zinsen" zurückerstatten müssen. Die neue Kreditgesellschaft hat nun den Zweck, diese „Wocher"geschäfte, die schon mehr Wuchergeschäfte sind, zu beseitigen. Die Gesellschaft gibt an ihre Mitglieder kleine Darlehen in Höhe von durchschnittlich 48 Rubel, welche nebst Zinsen in 60 Wvchenraten zu 1 Rubel zurllckzuzahlen sind. Der Zinsfuß übersteigt somit nicht 3 pZt. Ihre Mittel bezieht die Genossenschaft aus den „Svareinlagen" ihrer Mitglieder, welche, wenn sie gelegentlich eine größere Einnahme erzielt haben, den Ueberschuß bei der Genossenschaft als verzinslichen Sparpfenig deponiren. Diese Einlagen haben in dem Berichtsjahre 1900 die Summe von 202,820 Rubel gegen 116,680 Rubel des Vorjahres erreicht. Die von der Genossenschaft vergebenen Darlehen beliefen stch auf 266,133 Rubel, welche an 6400 Personen verliehen wurden. Die Kreditnehmer haben zusammen für die Darlehen 9206 Rubel Zinsen bezahlt, wobei für dubiose Forderungen nur "06 Rubel abgeschrieben werden mußten. Die Genossenschaft zählt gegenwärtig 2902 Mitglieder, von denen nur 300 wohlhabende Leute sind, während der Rest aus kleinen, aber braven jüdischen Handwerkern und Kleinhändlern besteht, für welche die Kreditgenossen-