Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1901)
- Date
- 1901-05-02
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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789 gar kein Hehl daraus macht, zum Christenthume übertreten zu wollen!" Vom Nebenzimmer her hörte man Aechzen und Stöhnen, dann einen herzzerreißenden Aufschrei; als Aranta hinzueilte, sah fte Rabbi Lazzlo leblos am Boden liegen. Der Schmerz um den verlorenen Sohn hatte ihn getödtet. Eli war trostlos. „Vater und Bruder verloren!" rief er wehklagend; „o Gott, warum strafst Du mich so hart!" Die Theilnahme in der Gemeinde war eine aufrichtige und allgemeine. Niemand blieb daheim, als Rabbi Lazzlo zu Grabe getragen wurde; selbst Greise, Weiber, Kinder folgten dem Sarge. Man wußte, daß der Rabbi an gebrochenem Herzen gestorben. Der beabsichtigte Uebertritt Aladars bildete wochenlang den Gesprächsstoff; schließlich beruhigte sich das öffentliche Gewissen. Die Leute sagten, es sei ein Unglück, daß die Jugend gar so wenig Pietät für die Religion der Väter habe. In Aranta war seit Rabbi Lazzlo's Tod eine Wandlung vorgegangen. Aladar war ihr vollständig gleichgiltig geworden. Umso inniger schloß sie sich an Eli an. Sie suchte ihn zu trösten, sorgte für seine Unterhaltung und war bemüht, ihn seinen Verlust vergessen zu machen. Eli dankte ihr mit treuer Hingabe. Von Liebe wurde kein Wort gesprochen; sein Herz war noch zu sehr von Wehmuth erfüllt, die Trauer um den hochverehrten Vater eine zu heilige. Erst nachdem das Trauerjahr verflossen, erklärte sich Eli der Geliebten. Sie hatte nach des Rabbi's Tode bei einer Verwandten gewohnt und gab Eli, den sie wahrhaft hochschätzte, mit Freuden ihr Jahrwort. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert. Doktor Eli Lazzlo erfreute sich in seiner Praxis allgemeiner Beliebtheit. Einige gut einschlagende Kuren brachten ihn in den Ruf eines tüchtigen Arztes. Seine Häuslichkeit war eine überaus angenehme. Frau Aranta verstand es, ihm dieselbe mit poetischem Reiz zu verklären. Sie war die Seele des Hauses, die gute Fee, die den Armen wohl that, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen heranbildete. In dem Maße aber, als Dr. Eli Lazzlo an Popularität gewann und von Juden und Christen zu Rathe gezogen wurde, mehrte sich im Kreise der Kollegen, die sich durch ihn verdrängt glaubten, der Unwille gegen ihn. Man neioete ihm sein Glück, nannte ihn einen Streber, konnte und wollte es vor Allem dem Juden nicht verzeihen, daß er so schnell zu Ansehen und Wohlstand gelangt war. Einer seiner erbittertsten Feinde und Neider war der alte Doktor Josef Oetvös, ein Mediziner, der es nicht verschmerzen konnte, daß die Mehrzahl seiner Patienten sich dem jüngeren, so schnell zu Ansehen gelangten Dr. Lazzlo zuwendete. „Der Jud'", schimpfte er oft, „wird uns noch Alle ruiniren." Dr. Oetvös besaß Einfluß genug, um in seinem Kreise gegen Doktor Lazzlo Stimmung zu machen. War aber irgendwo Jemand lebensgefährlich erkrankt, so rief man doch keinen Anderen, als Dr. Lazzlo, und größtentheils gelang es ihm, den Patienten zu retten. Je mehr Erfolge der junge Arzt hatte, desto ärger wüthete Dr. Oetvös; offen und im Geheimen agitirte er gegen ihn; er wollte ihn — koste es was immer — unmöglich machen. Alle Versuche scheiterten bisher an der Popularität, deren sich Doktor Lazzlo erfreute. Von Antisemitismus in dem Sinne, wie er sich heute breit macht, wußte man damals noch nichts; der Antisemitismus war noch kein nutzbringendes Geschäft; aber wo man den Juden etwas anhaben konnte, war man dennoch gerne dabei, besonders denjenigen, die es zu Rang und Ansehen gebracht. Dr. Oetvös einziges Sinnen und Trachten war daraus gerichtet, seinen Concurrenten unmöglich zu machen Kein Mittel war ihm zu schlecht, um zu seinem Ziele zu gelangen. Offen und ehrlich ihm als Feind entgegentreten, wollte er nicht; im Gegentheil, er wahrte stets, wenn er mit ihm zusammenkam, den Schein der Freundschaft, um desto sicherer aus dem Hinterhalt zu treffen. Im Hause Dr. Lazzlo's lebte ein junges Mädchen Namens Ilona Kusmik; sie war mit der Wartung der Kinder betraut, zeigte sich fleißig, treu und war von den Familienmitgliedern wohl gelitten. Urplötzlich — es war zwei Tage vor dem Pefsachfeste — verschwand Ilona. Man suchte überall, forschte bei ihren Freunden und Verwandten nach, Niemand wußte über den Verbleib des Mädchens Etwas anzuaeben. Frau Aranka wollte eine Stellvertreterin engagieren; — eine Absage folgte der andern; selbst die ärmsten Mädchen waren nicht dafür zu gewinnen, den Posten anzunehmen. Dr. Lazzlo wurde stutzig. Da mußte Etwas Vorgehen. Zu seinem nicht geringen Befremden vernahm er, daß Jemand — man wußte nicht wer — die Parole ausgegeben, Ilona Kusmik sei in Dr. Lazzlo's Hause ermordet worden, da der Doktor das Blut eines Christenmädchens zum Osterfeste brauchte. Daß man in dem kleinen ungarischen Städtchen wenig von Aufklärung wußte, war ihm bekannt, daß aber das alte Märchen vom rituellen Mord hier Boden finden konnte, setzte ihn doch in Erstaunen, noch mehr, daß man ihm, dem anerkannten Menschenfreunde, eine so scheußliche That zumuthete. Trotz eifrigster Nachforschungen blieb Ilona ververschwunden. (Fortsetzung folgt.)