Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 33 (29.4.1901)
- Date
- 1901-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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749 wünschen, ja, dieselben schreiben sogar an die betreffenden Lehrer Briefe, in welchen sie die Jugendbildner ersuchen, ihr Kind schreiben zu lassen. Kommt dann ein solches Kind zum Religionsunterrichte, so wird es von dem betreffenden Rabbiner oder Religionslehrer wegen seiner sabbatschänderischen Handlungen zur Rede gestellt und der Conslikt zwischen Religionsweiser und Eltern bricht aus. Durch den Besuch der Schule an Festtagen geht unseren Kindern die ganze Weihe des Festes verloren und sie empfinden nichts von jenem unbeschreiblichen Wohlbehagen, welches nur Jener verspürt, der sich ungetheilt dem Genüsse seines Feiertags hingeben kann. Daß das Kind unter diesem zwiespältigen Vorgehen zwischen Schule und Elternhaus nur leiden kann, daß die Achtung der Lehrer und mit ihr Hand in Hand die Autorität der Eltern untergraben wird, braucht nicht erst gesagt zu werden. Feuilleton. ine gebildete Irau. Von Werbette Irre-. '.>1 Siebtes Kapitel. Diese vorher erzählten Begebenheiten hatten sich im Herbste des Jahres 1866 ereignet, des für Oesterreich so unglücklichen Kriegsjahres. Am dritten August wurde der heiß ersehnte, mit schweren Opfern erkaufte Frieden geschlossen, und Volk und Reich athmete erleichtert auf, sich neuen Hoffnungen auf bessere Zeiten hingebend. Ein dauernder Frieden sollte die Wunden heilen, welcher dieser unheilvolle Krieg allen Schichten der Bevölkerung geschlagen. Doch alsbald näherte sich ein anderer Feind, der nicht wie jener, Mann gegen Mann, Heer gegen Heer, auftrat, sondern heimtückisch im Verborgenen heranschlich und gleich Amalek in der Wüste die Armen, Schwachen und Ohnmächtigen überfiel und erbarmunglos hinwürgte: Die Cholera. Aber auch diesen Feind hatte das schnell gekräftigte Oesterreich überwunden, und wenige Jahre nachher rüstete es sich, der staunenden Mitwelt das glänzende Schauspiel einer Weltausstellung zu bieten. Doch da hatte das Wort vom „glücklichen Oesterreich" (Felix Austria) gelogen. Am ersten Tage des Wonnemonats wurde die Ausstellung in Gegenwart des Kaisers, des Kronprinzen und vieler illustren Persönlichkeiten eröffnet und schon am 6. desselben Monates brach der Börsenkrach über das erschreckte Wien ein, der große, große Krach, wie der Refrain eines damals in Mode gekommenen Couplets lautete, der Börsenkrach, der den Erfolg der Ausstellung wenn nicht vernichtete, so doch in Frage zu stellen schien. In eingeweihten Kreisen kam die Krise nicht so ganz unerwartet und waren von berufener Seite so manche Warnungsrufe ausgegangen. Aber wirkungslos verhallten diese Kassandrarufe. Ein Taumel der widerlichsten Art hatte die Bevölkerung der Haupt- und Residenzstadt ergriffen, und die sozialen Verhältnisse waren durch die unnatürlichen Zustände an der Börse geradezu auf den Kopf gestellt. Leute, lvelche vor Kurzem noch einen schwerbeladenen Handwagen schweißtriefend vor sich hergeschoben, fuhren jetzt in eigener, eleganter Karosse, und gingen mit dem Gedanken um, sich eine der prächtigen Villen zu kaufen, welche die Landstraßen in der Umgebung der Stadt einsäumten. Besonders des kaufmännischen Nachwuchses hatte sich vas Börsenfieber bemächtigt. Gewöhnliche Kommis, welche anfangs spaßhalber ihre mühsam erworbenen Sparpfennige an die Börse trugen, bekamen gar bald Geschmack an der Sache, spielten weiter, und hatten alsbald ein Vermögen erspielt, welches sie so verwegen machte, den bisherigen, wenn auch manchesmal nicht glänzenden, so doch ehrlich nährenden Posten aufzugeben, und als privilegirte Pflastertreter, als neugebackene Gigerl, ein Bummelleben zu beginnen. In alle Kreise war diese verderbliche Epidemie eingedrungen, überall gab es Leute, und sonst nicht die Unvernünftigsten, welche aut diese leichte Art nicht nur Reichthümer zu erwerben suchten, sondern auch mit dem leicht erworbenen Vermögen einen Luxus zu führen begannen, den sie sonst nur von fern mit kaum unterdrücktem Neide sich entfalten sahen. Aber sie Alle ahnten nicht, diese betrogenen Betrüger, daß diese kollossalen Werthe, die an der Börse spielend gewonnen wurden, thatsächlich nur auf dem Papiere bestanden, und als eine Realisirung stattsinden sollte, da zerfielen diese ausgeschriebenen Geldsummen wie glänzende, hoch in die Lüfte schwebenden Seifenblasen. Dann aber, als ihnen diese Erkenntniß kam, war es zur Umkehr zu spät. Die Meisten hatten die Brücken hinter sich verbrannt. Selten war einer so vorsichtig gewesen, in der Zeit des Ueberrlusses an spätere ungünstigere Zeiten zu denken, wo diese unerschöpflich scheinende Quelle des Reichthums versiegen werde. Es ist die alte Geschichte des ägpptischen Königstraumes gewesen, daß den fetten Jahren die mageren folgen werden, doch war den Wiener Börsianern kein Josef erschienen, welcher dem bethörten Volke die Augen geöffnet und einen Vorrath für die Zeiten der Roth aufgespeichert hätte. Auch der Handwerker und Gewerbestand, die Stützen und der Kern des Bürgerthums, hatte der Lockung nickt widerstanden, dem Nimmersatten Moloch: „Börse" Summen zu opfern, welche besser dem eigenen, soliden Unternehmen zugelvendet worden wären. Freilich war, mit wenigen Ausnahmen in diesen Kreisen, der Sturz kein so jäher. Existenz und Leben vernichtender, aber gar mancher sonst behäbig und ruhig