Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 31 (22.4.1901)
- Date
- 1901-04-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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713 / Gesammtheit. Der ganze Vorgang, den wir nach den Newyork erscheinenden „Jewish Gazettes" wiedergeben, und den man mit der Spitzmarke „Der Graf als Mazzohbäcker" versehen könnte, gehört zu jenen kleinen Ursachen und den großen Wirkungen, an denen die Geschichte des jüdischen Volkes so reich ist. Graf Tischlewitz, einer der reichsten Grundbesitzer Wcstrußlands, ist gleichzeitig Leiter aller polnischen Bestrebungen in Wilna und anerkannter Führer der Polen in dem ehemaligen Großfürstenthum Litthauen. Um den polnischen Einfluß in Wilna zu stärken, hat er die polnische Hypothekenbank daselbst gegründet, der jetzt der größere Theil der Wilnaer Hausbesitzer verschuldet und derart verpflichtet ist, daß sie bei den Stadtverordnetenwahlen unbedingt für die Polen stimmen müssen, wenn sie es vermeiden wollen, daß ihr Haus nach kurzer Zeit öffentlich meistbietend versteigert werde. Ferner betreibt der Graf eine Reihe von Geschäften, roelche sich wohl für einen „Mauscheljuden," aber nicht für einen „edlen Polen" aus der Polakkei schicken. Unter Andern besitzt der Graf eine Menge Restaurants, Konditoreien und Bäckereien. Er versteht zwar von Geschäften nichts und setzt enorme Summen zu, aber er gibt den Polen in Wilna Arbeit und ruinirt die Juden, heißt es von ihm in Wilna. Vor drei Jahren nun fiel es dem unternehmungslustigen Grafen ein, in seinen zahlreichen Bäckereien auch — Mazzos Herstellen zu wollen. Der Wunsch scheiterte jedoch an der Weigerung der Rabbiner, den vom Grafen Tischkewitz hergestettten Mazzos die Approbation zu geben. Vergebens bot er den Rabbinern von Wilna alle erwiinschte Garantieen für Kaschruth, vergebens versuchte er auch den sehr schlecht bezahlten und stets in großer materieller Roth lebenden Rabbinern einige Tausend Rubel nnzubieten. Die frommen Rabbiner, welche wußten, daß der Graf als Mazzosbäcker Tausende von jüdischen Familien in und um Wilna, welche mit wenig Geld alljährlich gleich nach Purim eine „Fabrik" (Mazzosbäckerei) eröffnen und sich so ein paar Rubel „auf Peßach" erschwingen, ruiniren wird, blieben Eir alle Bestechungsversuche des Grafen Tischkewitz unzugänglich. Da pasiirte dem Grafen dasselbe, 'vas dem alten Haman, der von Mordechai in seiner Eitelkeit gekränkt wurde, paffirt war: Er wurde sehr zornig. Wuthentbrannt schrie er den sich hartnäckig weigernden Rabbinern zu: Ihr verweigert meinen Mazzos den erbetenen Hechschar, obgleich ich Ihnen erlaube, in meinen Bäckereien einen Aufseher zu unterhalten? Genuß brauchen die Juden in ihren Mazzos Ebristenblut. Daher die Weigerung, einen Nichtjuden Mazzos backen zu lasten. Seitdem boten die Polen Alles auf, den Juden von Wilna eine Blutbeschuldigung anzuhängen. Als Opfer wurde der arme Barbier Blondes ausersehen, wobei nach dem bekannten Wiener Rezept verfahren wurde. Zahlreiche Zeugen wurden zum Meineid abgerichtet und der Grudzinska, die keineswegs eine Zierde ihres Geschlechtes ist, von „sehr kompetenter Seite" beigebracht, daß es eine gottgefällige Handlung sei, gegen einen Juden ein falsches Zeugniß abzulegen. So war das Bubenstück in Scene gesetzt, dazu bestimmt, einen Ehrenmann zu verderben und das Judenthum mit in das Verderben zu ziehen. Aber die russische Regierung, welche von den polnischen Umtrieben in Wilna selber viel zu leiden hat, hat das polnisch-klerikale Jntriguenspiel durchschaut und es abgelehnt, den Prozeß Blondes als „Ritualmordzrozeß" zu behandeln. Dennoch konnten die Richter den massenhaft gegen Blondes aufgetretenen falschen Zeugen gegenüber diesen nicht gänzlich freisprechen. Nachträglich beginnt jedoch die Wahrheit an den Tag zu kommen, da sich jetzi zahlreiche Christen melden, welche bekunden wollen, daß der Versuch gemacht worden ist, sie zur Ablegung eines falschen Zeugnisses gegen den Barbier Blondes zu bewegen. Da die Vertheidigung an den Senat appellirt hat, so steht zu erwarten, daß der höchste russische Gerichtshof an der Hand neuer Beweise den unschuldigen Blondes freisprechen wird. T. P a l ä st i n a. Jerusalem. Herr Samuel Salant, Oberrabbiner der Aschkenastm-Gemeinde, gibt öffentlich bekannt, daß er in Folge Altersschwäche seinen schweren, verantwortungsvollen Obliegenheiten — derselbe versieht sein hohes unb wichtiges Amt seit 60 Jahren in überaus segensreicher Weise — nicht mehr allein nachlommen könne und habe er sich in Uebereinstimmung mit den großen Rabbinen des Auslandes Herrn Rabbiner y': i x 3 * n *■: o * s* n "n " . ' n 'b x einen Mann von großer Talmudgelchrsamkeit und aller edlen Eigenschaften, die dieses Amt erfordert, zu feinem Substituten erwählt. Derselbe hat am 26. Ador sein Amt angetreten. Vermischtes. Gratz. (Berufung). Rabbiner Dr. Silberberg, der seit ca 4 Jahren in der hiesigen jüdischen Gemeinde wirkt, bat eine Berufung nach Königsberg i. Pr. erhalten. Die Gemeindemitglieder sehen ihn mit Wdauern scheiden, denn Dr. S. hat sich hier allseitige Zuneigung^erworben. Lemberg. lT>ie Affaire Araten.) Hiesigen Blattern 'zufolge hat daS Ministerium die Acten in der Affaire der aus dem Elternhauft entführten Michalina Araten an das Strafgericht in Krakau zur Einleitung neuerlicher Erhebungen7zurückgeleitet. Briefkasten der Redaction. E. B. in F.: Pseudonym gesta'tet. Name muß in einem besonderen Couvert und auf dem Manuscrivt stehen. Würzburg M. W.: 20. Mai 1831 gleich 8. Stwan 5591. I. B. in Lyon: Die Sidra Ihres Sohnes ist m.