Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
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Die erziehliche Thätigkeit der Alliance Israelite Universelle. Von Dr. Arnold Ascher. (III. Fortsetzung.*) Wenn die Alliance in Russland, Rumänien und Galizien keine Schulen gründete, so lag das darin, dass, was Russland zunächst betrifft, die Regierung überhaupt es nicht gerne sieht, dass sich hier die Juden bilden und civilisiren. So hat sie denn Alles, was irgendwie von der Alliance ausgeht — selbst ihren Berichten — den Zugang versperrt. In Rumänien waren früher die öffentlichen Schulen den jüdischen Kindern zugänglich. Das ist nun vor 6 oder 7 Jahren anders geworden. Es werde ein geniales Mittel entdeckt, um den jüdischen Kindern die öffentlichen Schulen zu verschliessen. Es wurde nämlich ein Gesetz votirt, nach welchem die Kinder der „Fremdlinge“ ein hohes Schulgeld zu zahlen haben. Noch mehr. Sie werden erst dann zugelassen, |wenn vorher sämmtliche einheimische Kanditaten Aufnahme gefunden haben. Da nun die Regierung ungeachtet der feierlichen, den Mächten gegenüber eingegangenen Verpflichtungen fortfährt, die Juden als „Fremdlinge“ zu behandeln, so war es ein Leichtes, die jüdische Jugend von der Schule auszuschliessen. Diese Absicht aber wird vereitelt werden; es wird den rumänischen Judengemeinden die erforderliche Hilfe geleistet werden, um eigene Schulen eröffnen zu können. Was aber Galizien betrifft, so hat Baron Hirsch im Jahre 1888 mit einer in der Geschichte der Philantropie beispiellosen Hochherzigkeit, eine Stiftung zur Gründung von Schulen creirt und sie mit ganz bedeutenden Fonds ausgestattet. So musste denn die Alliance ihre ungetheilte Wirksamkeit auf die Länder der Türkei und auf Bulgarien konzentriren, wobei unbilliger Weise ein Strich Landes übergangen wurde; es ist dies Algerien. Es muss einen mit tiefer Trauer erfüllen, wenn man das moralische und intellectuelle Niveau der jüdischen Be völkerung dieses Landes unbefangenen Blickes prüft; eine wahrhafte jüdische Kultur fehlt da ganz und gar. Die jüdische Jugend daselbst besucht wohl die öffentliche Schule, geniesst aber nur einen trockenen Buchuntei rieht. Es wäre dringend geboten, ihr eine ausgedehntere, ihren Bedürfnissen entsprechendere, versittlichende Erziehung zu Theil werden zu lassen. Und dieser moralischen Erziehung entbehren sie. Heute wird der Fehler, Algerien sich selbst überlassen zu haben, allenthalben erkannt, und geht man daran, ihn möglichst wettzumachen. Diese Aufgabe fällt aber nicht der Alliance, wohl aber dem Central-Consistorium zu. Die Alliance besitzt oder unterstützt gegenwärtig circa hundert Schulen. Welches aber sind die Principien, nach denen sie geleitet werden? Das Central-Comitfe der Alliance betrachtet den Schulunterricht nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel. Zweck der Schule ist die Heranbildung von Menschen im edelsten Sinne des Wortes, will sagen, von denk- und willenskräftigen, arbeitsfreudigen, von Liebe erfüllten Menschen. Das ist die Formel, auf welche das Schulprogramm eingeschworen ist. Dieses Bestreben, Charaktere zu bilden, beherrscht den ganzen Unterricht, es wird den Lehrern in den Instruktionen an's Herz gelegt, es durchweht den Lehrstoff, mag dieser noch soweit von diesem angestrebten Gedankengange entfernt scheinen. Beim Geschichtsunterrichte werden die Namen der Schlachten und siegenden Feldherren entweder übergangen, oder nur als nebensächlich gestreift. Dagegen werden in den Vordergrund gestellt: Die Geschichte des menschlichen Fortschrittes und die Ereignisse, welche auf den Gang der menschlichen Entwickelung Einfluss ausgeübt haben. In der Geographie werden die trockenen Nomenclaturen wenig beachtet und wird hier der Stoff als Reisebeschreibung: vorgetragen, woraus ein interessantes und nützliches Studium über Sitten und Gebräuche der Völker, über wirtschaftliche Erzeugnisse, über commercielle und industrielle Thätigkeit u. s. w. sich ergiebt. Ferner müssen die moralischen und intellectuellen Eigenschaften hervorgehoben werden, welchen das eine Volk seine gedeihliche Entwickelung verdankt, und die Laster und Fehler, welche den Niedergang des anderen Volkes herbeigeführt. Bei solcher Auffassung des Unterrichtes hört er auf, eine Last für das Gedächtniss zu sein, sond-rn wiikt vielmehr belebend, erleuchtend und befruchtend auf Geist und Seele des Kindes. — Es mögen hier zur Illustrirung des Gesagten einige Zeilen aus einem an die *) 8. Nr. 776.