Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1333 fen und rechnen sehr ans dieselbe, daß sie die Unterstützung bereits in ihrem Etat vorsehen — ein Beweis, in welche Schwierigkeiten sie ohne die werkthätige Hülfe des Verbandes gerathen lvürden. Denn bei den meisten sind nicht nur in Folge der geringen Mitglieder zabl naturgemäß die vorhandenen Mittel unbedeutend, sondern sie leiden auch besonders darunter, daß steuerträftigc Gemeindemitglieder nach auswärts verziehen. Um so anerkennenswerlher ist es, daß diese Gemeinden trotz alledem den Kampf um's Dasein energisch führen, und sie hierin nach Möglichkeit zu unterstützen, wird uns stets eine angenehme Aufgabe sein, wenn wir auch init Rücksicht auf unsere beschränkten Mittel, mit denen nur baushalten muffen, zu unserem Bedauern nicht immer in der Lage sind, die Hülfe in dem von den Gemeinden (und auch von uns') gewünschten Umfange ihnen angedeihen zu lassen. Besonderen Beifall hat ferner, wie in den Voriahrcn, die Entsendung von Predigern und die Gewährung von Bcihülfen für Vorbeter für die hohen Festtaae gesunden. Die große Zahl der eingegangenen Gesuche beweist einmal, ein nne tief gefühltes Bedürfnis; die Anhörung einer Predigt für die einen Prediger entbehrenden Gem.eindcn ist, und dann, welchen Anklang die Institution der Wanderpredigten mit der Zeit geflinden hat.?0i fast überschwenglichen Worten gaben die berücksichtigten Gemeinden ihrem tiefen Dgnke für das ihnen gewährte BeneUzium Ausdruck; sie dankten nicht nur dem Ausschüsse, daß er ihnen durch Zusendung der Prediger Gelegenheit zur Abbgltung eines weihevolleren Gottesdienstes gegeben hat, sie dgnkten auch den Predigern. welche es verstanden haben, durch ihre Vorträge, die einen nachhgltigen Eindruck hinterlassen, sämmtliche Gemeindeuiitglieder zu erbauen und zu erbeben. Bezüglich unserer Tbätigkeit auf dem Gebiete des Veliaionsunterrichtes sei folgendes bemerkt: Um dem Wunsche, einen gedeihlichen Religionsunterricht in den zu inspizierenden Verbandsgemeinden berbeizufübren. Rechnung zu tragen, batten wir die Herren Jnsveetoren zu einer gemeinschaftlichen Rücksvrache und Berathung über die Lehrpläne und die Inspektion nach Breslau eingeladen. Die Konferenz fand a>u 11. Dezember v. I. unter Vorsitz des Herrn Rabb. Dr. Guttmann-Breslau statt. In derselben sind nun einheitliche Grundsätze bezüglich des Lehrstoffes, der Lebrvläne und der Inspektion festgestellt worden: auch haben sich die Herren Inspektoren hierbei einmüthig bereit erklärt, im Anschluß an die Inspektion einen Gottesdienst mit Prediat abzuhalten. Non dem Resultate der Konferenz dürfen wir uns also für die Zukunft die besten Erfolge versvrechen. Dem Verbände gebären nunmehr 39 Gemeinden an. Drotz dieser stattlichen Anzahl von Mitgliedern verfügt aber derselbe nur über unbedeutende Mittel, da die meisten Gemeinden in Folge ihrer geringen Mitgliederzahl statutengemäß nur den geringsten Jahresbeitrag von 16 Mk. zu leisten haben, der für eine größere Anzahl von Filialgemeinden auf 7,60 Mk. ermäßigt ist. Der Ausschuß besteht aus den Herren: Stadtrath Pringsheim-Vreslau, Vorsitzender, Landgerichtsrath Wollstein-Breslau, stellvertr. Vorsitzender, Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau, Dr. med. Reich-Breslau, H. Eohn-Liegnitz, Rabbiner Dr. Freund-Görlitz, Justizrath Friedmann-Glogau, Justizrath Ledermann- Hirschberg, M. Fränkel, Schweidnitz. Rußland. Qdcssa. (Wozu K a r o b k a g e l d e r gut sind!) Die schwere Steller auf Fleisch und Licht, welche die russischen Juden neben den allgemeinen Steuern noch zu entrichten haben, werden angeblich zur Bestreitung von ausschließlich jüdischen Ausgaben erhoben. Thatsächlich jedoch geizen die Behörden mit jeder Kopeke, die sie aus dem Ertrage dieser „Judensteuer" für jüdische Zwecke bewilligen sollen. Dagegen sind sie stets bestrebt, das jüdische Geld auf Unternehmungen auszugeben, die, wie Schulen, zu welchen die Juden nur im geringen Maße zugelassen iverden, nichts weniger als jüdisch sind. In der letzten Zeit wurden sogar aus den Karobkageldern Summen für Chausseebauten entnommen. Am schlimmsten hat es jedoch der Pristaw von Shmerinka, einer großen Station der russischen Südwestbahnen, getrieben. Dieser brauchte zur Ueberwachung des friedlichen Städtchens durchaus vier neue Gendarmen, und da die Regierung ihm die dazu erforderlichen Summen nicht bewilligen wollte, so kam er auf die sonderbare Idee, das Geld aus den Karobkabeträgen zu entnehmen. Aber selbst die Karobkagelder sind nicht ganz herrenloses Gut, da ihre Verwendung die Erlaubniß der jüdischen Gemeinde erfordert, welche dem Herrn Pristaw unerwarteter Weise nicht zu Willen war und die Erklärung abgab, daß die Besoldung von vier Gendarmen keine spezifisch jüdische Angelegenheit sei. Wüthend ob dieses unerwarteten Widerstandes wandte sich der Pristaw um Rath an seinen Vorgesetzten, den Gouverneur, der ihm nahe legte, sich an die Vorstände der Synagogen zu wenden. Aber auch diese erwiesen sich obstinat, und dem Herrn Pristav blieb nichts weiter übrig, als zu einem in Rußland unerhörten Mittel seine Zuflucht zu nehmen. Er veranstaltete nämlich eine allgemeine Volksabstimmung. Seine Polizisten wanderten von Haus zu Haus und erkundigten sich bei jedem jüdischen Einwohner von Shmerinka, was er über diese Frage denke. Auf diesem demokratischen Wege eines Votums des Volkes gelang es dem Pristav, aus den Karobkaaeldern 760 Rubel zur Besoldung von zwei neuen Gendarmen zu erbalten. Die noch fehlenden zwei hofft er im nächsten Jahre auf demselben Wege umso eher zu erhalten, als er bei seinem neuen Verfahren vergessen hat, die „geheime Abstimmung" zu proklamiren.