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Der Israelit · 1901-08-01 · Heft 60 (1.8.1901) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 60 (1.8.1901)
Date
1901-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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42. Jahrgang. Jfä 60* Der Israelit. . v. m n ■; - '; V KenLrak-Hrgan für das orlhodoXe Iudenthum. Begründet von Dr. tTelmmnu in ffttainf. Donnerstag, den 1. August 5661 (1661). Leitender Artikel. Judennoth. Von ennü. MI. Hermann Klein—Bern. Nagy-Sallo, Aw 5661. Der Entwickelungsgang des Judenthums war keine bequeme Reise durch üppige Landschaften, sondern ein mühsamer Zug durch Wüsten mit spärlich vertheilten Oasen, durch düstere Schluchten, über klaffende Abgründe, in der drückenden Schwüle dumpfer Thäler, wie in der fröstelnden Kälte eisiger Felder; im Kampfe mit der übrigen Welt hier Besiegter, dort Sieger, durchwandert es ausrechtschreitend die Jahrtausende, läßt im erhobenen Auge die Welt sich spiegeln, erfaßt, was in den Kreis seiner Fähigkeiten fällt und nimmt es auf in sein Wesen. Von seinem Verstand geleitet und verleitet, durch seine Fähigkeiten geführt und verführt, schreitet es weiter, immer bergan und blickt hinauf zur lichten Höhe, wo der Vorangeschrittene die zurückgelegte Bahn überschauen kann, wie sie aus der grauen Ferne allmählich sich erhebt, um in steter wechselnder Verjüngung zur höheren Gestaltung zu reifen. Aber der Beobachter auf dem hohen Posten nimmt auch zuweilen einen Rückschritt wahr, er sieht oft mit Schmerz, wie eine Generation die von den Verfahren ererbte Höhe verläßt, um in die Tiefe zurüüzusinken, aus der man mühsam emporgestiegen. In einer solchen Zeit des Niederganges befindet sich das Judenthum unserer Tage. Diese Thatsache läßt sich nicht wegdisputiren, keine noch so glänzende Dialektik wird uns über das färb- und glanzlose Leben im Judenthum hinwegtäuschen. Diese traurige Wahrheit wird übrigens von allen Seiten anerkannt; — es ist dies vielleicht die einzige Wahrheit, die allgemeine Zustimmung findet, — überall macht sich eine Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen fühlbar. Diese Unzufriedenheit mit der Gegenwart ist vielleicht das Veste an der Gegenwart, denn sie rüttelt uns auf aus dem beschaulichen Träumen und macht unS wach für die Nöthe der Zeit. Allgemein ist die Ansicht, daß wir vor tiefgehenden Wandlungen stehen und es fehlt weder an Propheten, die da künden, welche Gestalt die Wandlung annehmen wird, noch an Aerzten, die da sagen, welche Gestalt diese Wandlung annehmen fall. Aber diese Heilkünstler können die Gesundung nicht herbeiführen, weil die Diagnose, die sie stellen, eine falsche ist. Sie Alle erblicken in der sog. äußeren Judennoth die Quelle aller Uebel. Wir können dieser Ansicht umsoweniger beipflichten, als wir ja wißen, daß es schon Zeiten gegeben hat, wo die äußere Lage der Juden eine ungleich traurigere war, als unsere, und die innere ungleich bester. Denken wir nur an die sternenlose Nacht des Mittelalters, betreten wir die unheimlichen Kerker der Inquisition, oder steigen wir in die finsteren Ghettogäßchen hinab und wir werden sehen, daß wir heute verhältnißmäßig glücklich sind. Und doch waren die Kinder des Mittelalters, die Gefangenen in den Kerkern der Liebe, die Bewohner der lichtlosen Gäßchen bessere Juden als wir. Man könnte fast versucht sein, zu behaupten, daß äußere und innere Lage in umgekehrtem Verhältnis zu einander stehen; je härter und intensiver der Druck von außen, desto gesünder und kräftiger das Leben im Innern, je bester die äußere Lage, desto trauriger die innere. Thatsächlich hat die äußere Judennoth nur sekundäre Bedeutung, die Uebel, die wir als primär bezeichnen, sind nicht von außen an uns herangebracht, sondern sie haben ihre Wurzel in uns. Es ist e i n Unglück, vielleicht das Unglück, daß über das Wesen des Judenthums eine fürchterliche Unklarheit herrscht. Wir haben heute leider kein Judenthum, höchstens noch Ju-

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