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Der Israelit · 1901-04-15 · Heft 28-29 (15.4.1901) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 28-29 (15.4.1901)
Date
1901-04-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
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666 ein Begrüßungslied. Sodann hielt der Vorsitzende des Synagogenvorstaudes, Herr Bankier Belgard, eine Ansprache, in der er Herrn Dr. Levy herzlich begrüßte und anknüpfte an die Worte des Propheten Samuel: „Und ich werde mir aufstellen einen bewährten Priester, sowie in meinem Herzen und in meiner Seele ist, wird er thun!" Redner bat den neuen Seelsorger, sich in seinem würdigen Berufe von reiner Menschenliebe leiten zu lassen und den Frieden, der hier sowohl in der Gemeinde. als auch gegenüber anderen Confessionen herrscht, zu erhalten suchen. Sodann hieß auch Herr Stadtrath Vietorius als Vorsitzender des Repräsentanten-Kollegiums den Rabbiner willkommen und ersuchte ihn. die Jugend der Religion zu erhalten, bezw. auf's neue zuzuführen. Herr Rabbiner Dr. Levy bestieg sodann die Kanzel und hielt eine schwungvolle, formvollendete Antrittsrede, die ihre Wirkung nicht verfehlte und volle Befriedigung bei den Festtheilnehmern hervorrief. Rach einleitendem Gebete gedachte er seines Heimgegangenen Vorgängers, Rabbiner Dr. Rosenstein, der 38 Jahre segensreich in der Gemeinde gewirkt und entwickelte dann an der Hand des Prophetentextes Maleachi 3, 23 bis 24, ein Programm seiner künftigen Thätigkeit im neuen Wirkungskreise, gipfelnd in der Hauptaufgabe, „zurückzusühren das Herz der Väter zu den Kindern und das der Kinder zu ihren Vätern." In der Natur und auf allen Gebieten des menschlichen Lebens zeigen sich Gegensätze, die an sich nothwenvig sind. Aus der Mannigfaltigkeit der Schicksale und Lebenslagen, aus der ungleichen Vertheilung der geistigen und materiellen Güter geht jenes große, gewaltige Ringen des ganzen Menschengeschlechtes hervor, desten Summe wir bei dem Einzelnen Kampf um's Dasein, bei der Gesammtheit Kulturarbeit der Menschheit zu nennen pflegen. Redner will es sich zur Aufgabe machen, die Brücke zu spannen, welche die getrennten Wege allezeit verbindet und einen heilsamen Ausgleich der Gegensätze, eine Versöhnung der verschiedenen religiösen Anschauungen zwischen Alt und Jung herbeizuführen. Sozial hebt er sodann den Gegensatz zwischen dem wirthschaftlich Starken und Schwachen, dem Bedrängten und Helfenden, zwischen Arm und Reich hervor und versprach, diese Gegensätze möglichst in den erhaltenden Segen eines stetigen, liebevollen, herzerquickenden Ausgleiches verwandeln zu helfen. Herr Dr. Levq ging sodann auf das Gebiet des allgemeinen j öffentlichen Lebens über und berührte zunächst das Berhältniß der jüdischen Religion zu den anderen Konfessionen, welch' letztere aus dem Schoße des Judentums hervorgegangen sind. Das Herz, der Kern beider Religionen, nämlich die Ausübung der höchsten Menschenpflichten, die Bethätigung der Nächstenliebe, vereint zu gleichem Wirken und deßhalb sollen sich die Bekenner die Hände reichen, wenn auch Dogmen und Gebräuche sie trennen. Endlich hob der Redner das Berhältniß der Regierung zum Volk, das des Landes- „vaters" 311 den Landes„kindern" hervor und versprach, ankniipfend an die durch ihren traditionellen Patriotismus ruhmreiche Vergangenheit von Graudenz, Liebe zu Stadt und Bürgerschaft, zu Kaiser und Vaterland zu fördern. Ein stimmungsvolles Gebet für die Gemeinde, die Stadt, das deutsche Vaterland und sein erlauchtes Herrscherhaus schloß die erhebende Feier. Stettin, 3. April. Der „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hatte am Abend des 21. März Herrn Dr. Ernst T u ch aus Berlin zu einem Vortrage gewonnen, der zum Thema hatte: „Die Juden in der Landwirthschaft." Von den fesselnden Ausführungen des Vortragenden geben wir kurz Folgendes wieder: Die Lösung der sozialen Frage liege einzig und allein in der gleichmäßigen Vertheilung des Grund und Bodens unter den Menschen, in dem Aufhören des Zuzuges in die großen Städte und der Wiederbevölkerung des platten Landes. Hierzu Stellung zu nehmen, haben die Juden bisher versäumt, es sei jetzt aber die höchste Zeit, sich diesem Problem zu nähern und an seiner Lösung mit zu arbeiten. Der Kaufmannsstand, dem die Juden bisher zumeist angehörten, nehme nach der Verbilligung der Verkehrsmittel, Gründung von Konsum- Vereinen und Entstehung von Waarenhäusern nicht mehr die frühere Stellung ein und gewähre nicht mehr die ehemalige sichere Existenz. Welchem Erwerbszweige sollen sich die Juden nun zuwenden? Der Gelehrtenstand sei von vornherein auszuschließen, der Beruf der Juristen und Aerzte wäre bereits überfüllt, sich der Industrie zuzuwenden, dazu gehöre größeres Kapital, es bleibe also nur das Handwerk übrig, das aber in Folge der heutigen Maschinenarbeit vielfach immer noch ein Repe^aturhandwerk sei, und die Landwirthschaft. Redner suchte nun zu beweisen, daß die allgemein vertretene Ansicht, der Jude tauge nicht zum Landwirth, eine irrige sei: schon betrieben 3300 Juden in Deutschland init Erfolg Landwirthschaft. Er verspricht sich einen großen Segen davon, wenn das Judenthum der Bodenkultur zugeführt würde, das jüdische Bauernthum, das mit seinem Stiickchen Erde dann gleichsam verwachsen wäre, würde einen festen Wall bilden gegen alle Angriffe gegen das Judenthum. In Berlin habe sich ein Verein gebildet, der auf selbstgekauftem Grund und Boden für jüdische Knaben Gärtner- und Landwirthschaftsschulen errichten und die hieraus Hervorgegangenen ansiedeln wolle. Mit einem warmen Appell, diesem Verein beizutreten, schloß der etwa einstündige Vortrag. i <>

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