Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 26-27 (2.4.1901)
- Date
- 1901-04-02
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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626 und Gleichgültigkeit zu überwinden, welche die rechte Erfüllung vieler Mizwoth beeinträchtigt," und schreibt dann weiter unten: „Es wäre daher freudig zu begrüßen, wenn in den Wochen vor Pesach von unseren Herren Rabbinen und Lehrern die Hagada schel Peßach zum Gegenstände fortlaufender Vorträge in der Synagoge und Ebewroth gemacht würde" ete. Nun glaube ich, daß in der Regel für die Besucher der Synagoge und der Chewroth eine solche Einwirkung nicht so sehr nothwendig wäre, weil diese Besucher doch Zum großen Theile aus frommen, überzeugten Männern bestehen, die die Sederabende gewiß genau nach Vorschrift und mit der nothigen Andacht geben. Würden sich solche Belehrungen nicht viel besser zu Vorträgen in Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur eignen, in welchen Zuhörer aller religiösen Schattirungen sich einfinden; kann der Herr Rabbiner in diesen Vereinen nicht mehr und besser aus seine Zuhörer einwirken, als in der Synagoge; kann er nicht Vieles hier sagen, wozu sich die Kanzel nicht eignet? Muß es nicht auf das Gemüth eines jeden Zuhörers mächtig wirken, wenn der Vortragende mit beredten Worten schildert, wie vor 400 Jahren die spanischen Juden in finsteren Kellern sich vor den Augen der Späher der Inquisition verbargen, um hier unentdeckt und ungestört den Seder nach Vorschrift geben zu können; wie diese Juden sich der Gefahr aussetzten, im Falle der Entdeckung dem Scheiterhaufen preisgegeben zu werden, und trotzdem diese Gesetzesgebote hielten, weil sie von deren Wichtigkeit fest überzeugt waren. Dazu kommt noch, daß diese Vereine zum großen Theil von jüd. Frauen und Mädchen besucht werden, welche, insbesondere die letzteren, weniger zu den Besuchern der Synagoge gehören und also nur durch geeignete Vorträge in Litteraturvereinen von der Wichtigkeit des Gebotes vom Sedergeben hören und durch ihre Einwirkung auf ihre Männer und Väter das Beste schassen können. Wenn eine junge Dame bei einem solchen Vorträge wirklich einmal durch besondere Toilettekünste glänzen sollte, so würde dies absolut den Zweck nicht entheiligen. Es wäre vielleicht gut, wenn der „Israelit" eine besondere Rubrik für Gegner und Freunde der jüdischen Litteraturvereine eröffnen würde, damit die verschiedenen Ansichten hier zur Aussprache kommen; sicherlich würde eine solche Einrichtung viel zur Klärung der Sachlage beitragen. Es sollte mich freuen, wenn meine heutige bescheidene Anregung den gewünschten Erfolg hätte und den Litteraturvereinen durch dieselbe neue und thatkräftige Mitglieder zuführt. A. St. (Von dem Standpunkte ausgehend, jede Seite zu hören, sobald sie es nur aufrichtig mit unserer Sache meint, haben wir stets jedem Für und Wider in Sachen der Litteraturvereine unsere Spalten geöffnet und werden das auch gerne weiter so thun. Red. des „Jsr.") Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Aus Mähren, 20. März. Nicht nur das Auherachtlassen der ceremoniellen und traditionellen Gebote, sondern das Vernachlässigen der rrsc, welche unter dem Namen ll'chn Tpr bekannt ist, kennzeichnen den Rückgang des mährischen Judenthums. Die Reformer behaupten immer, man müsse nur ein gutes Herz haben, alles andere ist nebensächlich. Mit diesen geflügelten Worten, die von ihnen freilich öfters gesprochen, als geübt werden, glauben sie ein Anrecht zu haben, sämmtliche Gebote in den Hintergrund zu drängen. Der Schwindel liegt auf der Hand. Das sogenannte jüdische Herz, welches die Fortschrittler in's Feld führen, ist nicht so leicht zu kontrolliren, aber eine Vernachlässigung eines traditionellen Gebotes ist wohl einer Kontrolle fähig. Würde man jedoch die Herren Fortschrittler in ihrem ganzen Thun und Lassen beobachten, so könnte man die erstaunliche Beobachtung machen, daß sie die Gebote der Nächstenliebe, mit denen sie sich so oft brüsten, öfters ganz grob vernachlässigen und zwar weit mehr, als die von ihnen so oft in dieser Beziehung verschrieenen Eonservativen. Der Besuch und die Pflege der Kranken scheint nicht nach ihrem (Reformer) Sinne zu sein. Das Wimmern, Aechzen und Stöhnen greift das vielgepriesene Herz des Fortschrittlers zu viel an, in der Nachtruhe sich stören zu lassen, fällt ihm gar nicht ein, es könnte seine theure Gesundheit zu viel Schaden nehmen. Ist gar Jemand mit einer ansteckenden Krankheit behaftet, so weicht der Reformer dessen Angehörigen auf 100 Meter weit aus und der arme Kranke miißte vergehen, wenn in dem Orte nur lauter Fortschrittler wohnten. Da haben wir Konservative gottlob etwas weniger Furcht. Waren es nicht unsere Frommen, die in den Cholerajahren mit Hintansetzung ihres eigenen Jcks von einem Krankenlager zum andern eilten, dem Kranken Trost und Muth zusprachen und ihm die nöthige Pflege angedeihen ließen. Selbst die Vornehmsten und Reichsten scheuten sich nicht, sich in den Dienst der Krankenpflege zu stellen, ohne Furcht, von der tückischen Krankheit erfaßt zu werden. Und wo noch heute Konservative sind, üben sie das Gebot von 2-dm “’pr, wachen Nächte hindurch an dessen .Krankenlager, lassen ihm die nöthige Pflege angedeihen und spenden ihm liebreiche Worte des Trostes und der Ermunterung. Zu einem Sterbenden zu gehen, getrauen sich die Reformer schon gar nicht, sie können es nicht mit ansehen, sie haben ein zu weiches Herz, so sagen sie. Merkwürdig, ihr gutes Herz hindert sie überall, etwas Gutes zu thun. Einer beizuwohnen verbietet ihnen ebenfalls ihr gutes Herz: es wirkt sehr nachtheilig auf ihre Nerven, die Züge des vom Tode Entstellten sich anzusehen. Sie überlassen diese Mizwoth und auch die Mizwah von Zedokohgeben ganz und mit ungetheiltem Herzen ihren konservativen Brüdern. So ist das echtjüdische Herz unserer Reformer beschaffen.