Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 26-27 (2.4.1901)
- Date
- 1901-04-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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zu leiten und das allen Eindrücken offene kindliche Gemüth für die Wissenschaft empfänglich zu machen. Statt dessen hat die einfache Lebensweise, in die Du aus früherem luxuriösen Leben versetzt wurdest, und der Mangel an Wissen, und vielleicht auch gefälliger Lebensart, Dich abgeschreckt, Deinen Blick statt auf die Zustände in Deinem Hause, nach Außen gelenkt. — In Werken der Barmherzigkeit glaubst Du Pflichterfüllung zu üben, — und indessen sind dieselben Deine größte Pflichtverletzung geworden." „Wenn Du auf diese Weise von Werken der Barmherzigkeit uriheilest, dann getraue ich mich nicht. Dir den Grund meines heutigen Besuches mitzutheilen." „Nicht doch, Nösl, da hast Du mich falsch verstanden. Brauchst Du etwas für Deine Schützlinge, so sage es nur ungenirt, Du weißt ja, daß meine Börse für Deine Zwecke stets geöffnet ist, gleichviel, ob der Bedürftige ein Jude oder ein Glaubensgenosse von mir ist, für den Du bittest." „Dieses Mal ist es etwas Großes, um was ich bitte! — Aus Deinem oft geäußerten Wunsche, meinen Robert als eigenes Kind annehmen zu wollen, entnehme ich, daß Du Deiner einsamen Lebensweise müde bist, - und da erkühne ich mich, Dir mit einem Vorschläge zu kommen." — „Rösl," schrie die Lehrerin auf, „Du willst mir Deinen Robert anvertrauen, — tausend Dank!" „Mein Robert nicht, liebste Freundin. Abgesehen von dem Glaubensunterschiede, der doch immerhin zu berücksichtigen ist. hat ja Robert seine Eltern, die für ihn sorgen und arbeiten, llnd überdies, — gerade von Robert möchte ich mich nicht gerne trennen, gerade von dem am allerwenigsten. Aber, theure Gundel, ein Werk der Barmherzigkeit sollst Du üben.-Ein ganz verwaistes, in Armuth und Elend geistig und körperlich verkümmertes Mädchen sollst Du zu Dir nehmen, es erziehen, ihm eine Mutter sein! Ich habe dies erst gestern seiner sterbenden Mutter versprochen." „Eine undankbare Sache das," meinte Gundel kopfschüttelnd, „das muß gut bedacht werden." „Nicht lange, meine Theure, denn wenn Du Dich nicht sofort entschließest, dann muß ich das Kind noch heute zum Bürgermeister führen, der es auf Gemeindelosten erziehen läßt; ■— was dann des unglücklichen Geschöpfes harrt, das weißt Du eben so gut, wie ich selber, die ich doch auch so Manches erfahren." Rösl schwieg und blickte gespannt auf ihre Freundin, welche, in tiefes Nachdenken versunken, das Haupt auf die Hand gestützt, regungslos dasaß. Eine geraume Weile währte die Pause, welche auf diese Weise in der Unterredung eingetreten war. Endlich sagte die Lehrerin: „Du setzest mir das Messer an die Kehle. Könnte ich denn nicht das Kind vorher zu Gesichte bekommen, bevor ich einen definitiven Entschluß fasse?" „Gewiß, das sollst Du auch!" — Und bevor I Gundel wußte, was geschehen, war Rösl draußen, die Treppe hinabgeeilt und kam nach einigen Minuten, das schüchterne Kind an der Hand führend, in das Zimmer. Nachdem Liesel einen frommen Gruß ausgesprochen, näherte sie sich der Dame des Hauses, um einen Kuß aus deren Hand zu drücken. „Ei, das ist ja die Elise Schilling, die in der Schule so brav lernt! Also Deine Mutter ist gestern gestorben, Du armer Wurm?" „Ja," sliisterte das Kind und Thränen tiefsten Leides rieselten über die bleichen Wangen. Das Kind, das schon in der Schule der Liebling seiner Lehrerin war, gewann rasch deren vollste Sympatie. „Elise," sagte diese freundlich, „möchtest Du bei mir bleiben?" Diese blickte fragend auf ihre Begleiterin, Frau Fischer, und als diese bejahend mit dem Kopfe nickte, sagte sie, noch immer im Flüstertöne: „Ja, und ich werde Ihnen Alles bedienen." „Dazu ist Zeit," antwortete die Lehrerin, und fuhr liebkosend über das seidenweiche blonde Haar des Kindes, welches Frau Fischer in zwei Zöpfe geflochten und mit einem schwarzen Bande gebunden hatte; „erst mußt Du in die Schule gehen und fleißig lernen." Das Schicksal des Kindes war besiegelt. Es hatte eine Heimath, und mehr als das: es hatte eine gute Mutter gefunden und in der Frau Fischer eine mütterliche Freundin für's ganze Leben erhalten. Die Lehrerin schrieb einige Zeilen auf ihre Visiten karte, worin sie den vorläufigen Entschluß aussprach, die verwaiste Elise Schilling bei sich zu behalten. Mit dieser Karte schickte sie Liesel auf's Bürgermeisteramt und trug ihr auf, bald nach Hause zu kommen. Wie wohlthätig berührte die kleine Waise das Wort: „Nach Hause," sie, die seit gestern heimathlos war! — Viertes Kapitel. Die beiden Frauen blieben allein. Gundel streckte der Freundin beide Hände entgegen: „Nimm nieinen Dank dafür, daß Du an mich gedacht und in mein bisher ödes Heim Licht und Sonne gebracht hast, und vergib mir die harten Worte, die ich Dir vorhin gegeben." „Ich habe Dir nichts zu vergeben, denn Du hast es gut gemeint. Wenn Du aber die näheren Umstände kennen wirst, unter denen meine Ehe geschlossen worden, wirst Du so manches, Dir bisher auffallend Erscheinende in meinem Vorgehen begreifen und vielleicht auch entschuldigen. Gestatte deßhalb, daß ich Dir Einiges aus meinem Leben erzähle, das ich bis jetzt vor jedem Menschen, und auch vor Dir, meiner besten Freundin geheim gehalten habe. Wie Du weißt, bin ich gleich dem armen Liesel schon als Kind eine vater- und mutterlose Waise geworden. Doch wurde es mir l nicht so gut wie dieser. Keine treuen Arme öffneten