Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1901)
- Date
- 1901-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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681 Nösl wollte der, wie sie sogleich erkannte, schwer! tränten Frau, eine Erfrischung reichen; doch diese! webrte ab mit den Worten:! „Tkin. keine irdische Labung, bis ich die himmj lische genommen." Nach einer Weile sagte sie: „Sie; waren gewiß bei Jittei drinnen: wie geht es ihr?" ßnt," sagte Rösl, und erröthete über diese fromn;e Lüge. „Gebt es ilw heiser?" „Es ist ibr schon besser," war die zweideutige < Antwort. „Dann wird sie mein Kind bewachen und pflegen, frc hat es immer so gerne gehabt — und wir waren : bei unserer Armuttz gute Nachbarn." „Liesel," stöhnte nach einer Weile die arme Mutter. NösI beugte sich theilnamsvoll zu der Kranken und fragte: , „Wünschen Sie was?" „Nichts n'ebr' Für mich ist alles aus, ich bin fertig, aber verlast! meine Liefet nicht, wenn ich sterbe!" „Nein, gute Frau! Ich selber werde dafür sorgen, daß Liefet nicht verlassen bleibt!" Jetzt liest »ich der Helle Ton eines Glöckchens vernehmen. Die Sterbende raffte sich zu einem „Gott sei Dank!" aus. und Nösl, welche ihre kurze Anwesenheit in der Stube dazu benützt hatte, dieselbe ein wenig ' aufzurannirn, und, so weit es ging, von den eklen : Spuren dieser grausigen Krankheit zu reinigen, damit der Diener der Kirche, der erwartet wurde, anständig empfangen >vcrden könne, entfernte sich stillschweigend, dem Pfarrer und Sakristan, die eben ankamen, die Thüre öffnend. Draußen kniete schluchzend und betend das arme Kind, welches binnen Kurzem sein Alles, seine Mutter, verlieren sollte. In der Stube war es still geworden und kein Laut von drinnen war heraus zu dem betenten Mädchen und der still harrenden Iudensrau gedrungen. Cnostch offnele sich die Thiire und mit tief ernster Miene trat der Geistliche heraus. „Fübren Sie das Kind in's Zimmer, es hat keine Mutter mehr!" Der fromme Herr betete mit der Waisen an der j Leiche ihrer Mutter einige Minuten lang, dann rüstete ' er sich zum Fortgehen und sagte:! „Ich schice sofort oen Doktor zur Todtenschau j Hierher, und dann must dem Gesetze nach die Leiche i überführt werden. Wäre wenigstens Jemand hier, j um sie halbwegs in Ordnung zu bringen, bevor der j Todtengräber kommt."! „Dies besorge ich selber," sagte einfach Nösl. j „Sie. eine Jüdin?"- j „Darr dies eine Jüdin nicht thun?" „Ich glaube blos, daß Sie dies als Jüdin einer! Andersgläubigen nicht werden thun wollen, es ist doch immerhin eine gefährliche Sache." „Ich thue dies nicht als Jüdin, sondern als Mensch, nicht der Christin gegenüber, sondern einem Mitmenschen. - Aber eine andere Frage! Das Kind kann nicht hierbleiben. Was geschieht mit dem?" — „Ich werde noch heute mit dem Bürgermeister darüber svrechen." „Noch heute! Das Kind darf keine Stunde in dieser kalten Wobuung bleiben, in dieser verpesteten Lust, sonst wird es selber krank! Bitte, Hochwürden, nehmen Sie es einstweilen zu sich!" Der Geistliche wurde verlegen. „Gerne, liebe Frau, würde ich dies thun, doch meine alte Schwester, die mir den Haushalt führt, ist so eigen, bat namentlich so gräßliche Angst vor der AnstWung. Ich selber must ein ganz separates Zimmer benwhnen, wohin sie niemals kommt, weil mich mein- Pflicht wgtaglich an das Lager von Choleralranken führt. Wenn ich ihr dies Kind direkt aus einem infieirten Hause brächte, ich glaube, sie stürbe aus Augst." „Dann nehme ich es zu mir!" „Auch das ist nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Ich selber bin in dieser Beziehung ganz vorurtheilsfrei. nicht so aber das Volk und die etwaigen Verwandten des Mädchens. Mau würde mir es verdenken, das Kind in ein jüdisches Haus gegeben zu haben, es würde dies dem üvlichen Gebrauche zuwidergehandelt scheinen." ..Hochwürden", sagte darauf Rösl, ihre Cntrüstung kaum zurückhaltend, „ich habe es der sterbenden Mutter da drinnen versprochen, mich des Kindes anzunehmen, und diese Pflicht beginnt für mich mit dem Augenblick ihres Todes. Aus diesem Grunde setze ick mich über das Verletzende Ihrer Ablehnung hinweg und mache Ihnen folgenden Vorschlag: Für heute Nacht gestatten Sie der armen Waise den Aufenthalt in meinem, dem Iudenhause. Morgen iibergebe ich es einer edelherzigen . christlichen Dame, welche es sorgfältig erziehen, und zu j einer guten Christin und einem tüchtigen Frauenzimmer beranbilden wird. Sollte sich dieselbe, was ich je doch bezweifle, weigern, dies Liebeswerk auszuüben, so bleibt ia de>n Bürgermeister noch immer Zeit, seine Bestimmungen zu treffen. Heute jedoch braucht das Kind nach all seiner körperlichen und moralischen Auslegung vor allem Ruhe und Pf'.ege, was es am besten hch mir zu Hause haben kaum" „Sie sind ein wackeres Weib, Frau Meisterin," sagte gerübrt der Geistliche, „tbun Sie, wie Sie sagten!" Drittes Kapitel. Die beiden armen Wittwen, welche in dem kleinen Häuschen nabe dem Flusse ihr elendes, sorgen- und kummerbeladenes Leben gefristet hatten, dessen einziger Sonnenschein das Liesel gewesen, diese beiden, >velche