Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Dritte Anlage zu M 23 des „Israelit". Leitender Artikel. Plotkt's Bluschiilt »litt Rumänien. Mainz. 20. März. Der bekannte Frankfurter Philantrop. Rechtsanwalt Dr. Julius Plotke, seit Jahren in der Leitung des Hilfswerks für die osteuropäischen Juden, hat soeben im Verlage von Mahlau & Waldschmidt eine Schrift erscheinen lassen, die geeignet ist, Licht über einen Gegenstand zu verbreiten, der seit länger als vierzig Jahren nicht nur die Sorge unserer Glaubensgenossen, sondern man kann sagen aller gesitteter Menschen bildet. Das Büchlein führt den Titel: „Die rumänischen Juden unter dem Fürsten und König Karl", ebenso richtig könnte die Schrift heißen: „Der vierzigjährige Kampf der europäischen Kulturvölker gegen die rumänischen Judenverfolger", denn der Verfasser zeigt in derselben, wie sich während des genannren Zeitraums sämmtliche Cabinette von Europa und das der Vereinigten Staaten von Amerika vergeblich bemühen, auch nur den allergeringsten Erfolg in Bezug auf mildere Behandlung der Juden in Rumänien zu erzielen. Fürst Karl von Hohenzollern tritt die Regierung an als ein milder, humaner, von den höchsten Idealen beseelter Fürst. Er kann es sich gar nicht anders vorstellen, als daß die Consession ein Hinderniß in der gleichmäßigen Behandlung aller Unterthanen niemals bilden darf. Aber gar bald wird er eines „Schlechteren" belehrt. Die Machtlosigkeit des Fürsten, seiner Regierung gegenüber, zeigt sich immer deutlicher und trotz des energischsten Drängens der Cabinette, die sich auf das Entschiedenste weigern, die in dem Berliner Vertrag vorgesehene Unabhängigkeit Rumäniens eher anzuerkennen, als bis auch der andere Punkt des Vertrags- „Gerechte Behandlung der Juden" erfüllt ist, ist der König nicht im Stande, bei seinen Ministern auch nur das Allergeringste in dieser Hinsicht durchzusetzen. Im Gegentheil, die Behandlung der Juden wird immer schlechter. Sie wird mit einem Raffinement und einem grausamen System betrieben, das aller Beschreibung spottet. Was die Rumänien alles ausklügeln, um den ihnen lästigen Paragraphen des Berliner Vertrages zu umgehen, das muß man in dem Buche selbst Nachlesen, um einen Begriff von der Hinterlist und der Tücke der rumänischen Machthaber zu bekommen. Trotz allem Dem hat man den Eindruck, als wenn doch schließlich die Kultur der modernen Staaten gegen die Unkultur Rumäniens zum Siege gelangen sollte, daß schließlich Gesittung gegen Barbarei, Vernunft gegen Blödsinn, Liebe gegen Haß die Oberhand gewinnen würde — da beginnt im Jahre 1879 der Wind in Berlin sich zu drehen — Stöcker erscheint auf der Bildfläche — und wer es bis jetzt noch als eine über- | treibende Redensart betrachtet hat, daß in Berlin die „intellectuellen" Urheber aller Judenverfolgungen in den halbcivilisirten Ländern zu suchen, der muß aus dieser Schrift die feste Ueberzeugung von der traurigen Wahrheit dieser Thatsache gewinnen. Anfangs September 79 konnte der rumänische Vertreter in Berlin, Liteanu, bereits nach Bukarest eine Triumphdepesche schicken, daß die Stimmung in Berlin für Rumänien plötzlich günstig geworden, da sich eine antisemitische Strömung in der öffentlichen Meinung bemerkbar mache und daß der psychologische Augenblick für eine möglichst günstige Lösung der Judenfrage (im Sinne Rumäniens'» gekommen sei. Von diesem Moment an athmeten die Rumänen erleichtert auf, sie wußten, daß es Europa nunmehr nicht mehr Ernst mit seinen Forderungen bezügl. der Juden meinte und wenn sie sich bisnun wenigstens äußerlich den Anschein gegeben hatten, als sei es ihnen um eine wirkliche Besserstellung der Israeliten in ihrem Lande zu thun, geben sie sich von jetzt kaum mehr noch die Mühe, ihre wahren Absichten zu verdecken. Plotke bemerkt am Schlüsse des zweiten Abschnittes seiner Schrift sehr wahr, daß damit das Loos der rumänischen Juden entschieden war. Niemand kümmerte sich mehr mn deren Schicksal. Im dritten und letzten Abschnitt schildert nunmehr der Verfasser die weitere Entwickelung seit 1880, wahrlich eines der traurigsten Kapitel in der jüdischen Geschickte, Juden dürfen sich weder geistig noch körperlich in Rumänien bethätigen, systematisch werden sie auf die allerunterste Stufe des Menschenthums hinabgedrückt. Zum Schlüsse sagt der Verfasser, daß es keiner neuen Gesetze bedürfe, um eine radikale Besserung der Verhältnisse in Rumänien entstehen zu sehen. Kein Gesetz sage, daß der in Rumänien geborene Jude, dessen Vater in Rumänien geboren ist, und der einer fremden Nationalität nicht angehört, kein Rumäne sei. Eine gerechte Regierung brauche nur diese Prinzipien durchzusühren, um von Grund aus Wandel zu schaffen. Können wir hoffen, daß wir einen derartigen Umschwung in der Gesinnung des rumänischen Volkes und seiner Machthaber noch erleben? Die Schrift ist außerordentlich lesenswerth. Namentlich unter den Juden Westeuropas wird diese wahrheitsgetreue und aktenmäßige Darstellung der Geschichte der rumänischen Judenverfolgungen in den letzten vierzig Jahren manchen Jrrthum zu beseitigen