Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1901)
- Date
- 1901-03-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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545 Nun hielt Herr Dr. Ehrentreu die Festrede. Ausgehend von dem Verse des Psalmisten: „Diesen Tag hat der Herr geschaffen, daß wir uns freuen und frohlocken sollen," schilderte der Redner, wie dieser Tag allüberall in dem schönen Lande, das wir mit Stolz unsere Heimath nennen, mit Hellem, aufrichtigstem Jubel begrüßt werde. Von den höchsten Regionen der Alpen, wo die Gletscher in Frost und Eis starren, wo die schneegekrönten Häupter der Bergesriesen in die Wolken ragen, bis zu den rebenumrankten Geländen des Maines und des Rheines, in geräuschvollen Städten und stillen Dörfern, überall finden sich die Gefühle und Empfindungen aller Bewohner, ohne Unterschied der Parteien, der Stände und Bekenntnisse, zusammen in heißem Dankgebete zu dem höchsten Lenker der Geschicke, der in seiner Gnade es gefügt hat, daß unser allgeliebter Regent die Schwelle des höchsten Greisenalters heute beschreiten durfte. Unsere Lebenszeit mährt siebzig Jahre und wenn es in's Heldenhafte geht, 80 Jahre, — diese Worte unseres großen Lehrers Mosche erwähnen wir häufig in unseren Gebeten. Fürwahr, er" sind nur wenig Erlesene hienieden, deren Ecdenwallen bis zu jener Grenze Verlängerung findet, welche unser ehrwürdiges Staatsoberhaupt heute in seltener Rüstigkeit und in unverminderter Geistesfrische überschreitet. Zu der Krone, welche den erlauchten Fürsten kraft seines hoheitsvollen Amtes ziert, hat der Allgütige in seiner Gnade eine weitere, nicht minder strahlende hinzugefügt, die Krone des hohen Alters, von welcher es heißt: „Eine herrliche Krone ist das Greisenalter, auf dem Wege der Frömmigkeit und Gerechtigkeit wird sie gefunden." Und von denen, die sich durch solche Tugenden auszeichnen, heißt es ferner: „Roch im späten Alter werden sie erblühen und voll Saft und Frische dastehen." In schweren Zeiten, als ein diilleres Berhängniß schwül auf dem Lande lastete, als eine unheilvolle Katastrophe Herz und Gemllth aller Bauernsöhne mit schmerzlicher Beklemmung erfüllte. in solcher Stunde fiel unserem Regenten die verantwortungsvolle Aufgabe zu, die Zügel der Regierung in die Hand zu nehmen. Ein Rückblick auf das, was in Bayern während der seither verflossenen 15 Jahre gefördert und geleistet wurde, genügt, um jeden Urteilsfähigen erkennen zu lassen, daß es eine weise und gleichzeitig milde, von echter Menschenliebe erfüllte Persönlichkeit sein muß, die während dieser Zeit die Geschicke des Staates gelenkt. Auf allen Gebieten, in Handel und Verkehr, in Industrie und Gewerbe, in Unterrichts- und Bildungswesen, in öffentlicher Wohlfahrts¬ und Gesundheitspflege, in Kunst und Wissenschaft, überall ein mächtiges Emporblühen, ein kraftvolles Vorwärtsschreiten. Die allenthalben vorhandenen, aus den verschiedensten Ursachen sich ergebenden Streitobjekte und Gegensätze im öffentlichen Leben, gelangen bei uns mit weit geringerer Schärfe, als anderwärts, zum Ausdruck. Klugheit und Mäßigung, Versöhnlichkeit und Nachsicht, sind die Leitmotive für die Regierung unseres erhabenen Regenten und sie verfehlen nicht, alle Faktoren unseres öffentlichen Lebens im günstigsten Sinne zu beeinflussen. Und so ist der heutige Tag für alle Bürger des Landes ohne Ausnahme ein Familienfest im schönsten Sinne des Wortes und in stürmischer Begeisterung, in lautem Jubel schlagen Aller Herzen dem geliebten Regenten entgegen. Es gehört zu den fundamentalsten Geboten unserer Religion, für das Wohl der Staatsregierung zu beten. Wir genügen jedoch, indem wir es thun, nicht etwa nur der gebotenen Vflicht, sondern auch dem innersten Antriebe unseres Herzens erfreuen wir uns doch in Bayern in vollem und uneingeschränktestem Maße der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Freilich besteht diese Gleichberechtigung im ganzen Reiche; wir haben jedoch gesehen, wie da und dort Jnterpretationskünste der erstaunlichsten Art es fertig bringen, so manche Rechte illusorisch zu machen und wissen es daher um so höher zu würdigen, daß wir unter einem ->2n nnbo. unter einer Regierung stehen, auf die sich die Worte uro rer “rrs^c nzv mit Fug und Recht anwenden lassen. Deßhalb senden wir an diesem weihevollen Freudentage unsere heißen Gebete für das Wohl unseres theuren Regenten himmelwärts, und wie in allen Gotteshäusern des gesummten Königsreiches gipfeln unsere Gebete in dem Wunsche: „Gott schirme, schütze und erhalte unseren geliebten Prinzregenten Luitpold noch eine lange Reihe von Jahren zum Heile und Segen unseres geliebten Bayernlandes! Bei geöffneter Lade trug nun Herr Dr. Ehrentreu niwn und ein eigens von ihm verfaßtes, der Feier des Tages angepaßtes Gebet vor. Die mit glänzender Diction aufgebaute und von warmer Begeisterung getragene Rede hatte auf die Hörer mächtigen Eindruck gemacht. Mit Psalm 51 vom Synagogenchor vorgetragen, schloß die patriotische Feier. — Am 11. März, an welchem Tage die Spitzen der staatlichen und der Kirchenbehörden bei S. Kgl. Hohheit dem Prinzregenten Audienz hatten, wurden in ihrer Eigenschaft als Deputirte des Verbandes bayerischer Rabbiner auch die Herren Rabb. Dr. Werner- München und Dr. Cohn- Jchenhausen empfangen. Se. Kgl. Hoheit bekundete beim Empfang der beiden Herren große Herzlichkeit und aufrichtiges Wohlwollen. Herr Dr. Werner überreichte die Huldigungs- und Glückwunschadresse des bayerischen Rabbinerverbandes und hielt sodann eine Ansprache. Herr Dr. E o h n - Jchenhausen erbat nun die Erlaubniß, sich bedecken zu dürfen und sprach hierauf die nvvr. Se. Kgl. Hoheit dankte den beiden Herren mit herzgewinnender Freundlichkeit und in sichtlicher Rührung. Herr Dr. Werner und Herr Dr. Cohn wurden am gleichen Tage auch der Hoftafel zugezogen.