Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1901)
- Date
- 1901-03-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449169--52935-2503499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
524 miiffcn, baß man glauben könnte, ein Feind deS Judenthums habe den deutschen Juden die Idee des Judentages suggerirt. Man braucht nur die jüdischen Fachorgane zu lesen, um zu wissen, wie wenig einheitlich die deutsche Judenbeit über diese, wie über so manche andere Frage denkt. Schon jetzt protestiren einzelne jüdische Zeitungen dagegen, daß man den Judentag etwa als Vertretung der jüdischen Gesammtinteressen ansebe. Liegt es wirklich im Interesse der Juden, diesen innern Zwiespalt vor aller Welt auszufechten? Es ist auch schwer verständlich, wie Lehrervereine und Nabbinerverbände. die zu ganz anderen Zwecken gegründet sind, jetzt plötzlich sich politisch bethätigen sollten. Die Mitglieder solcher Vereine werden es sich kaum gefallen lasten, daß ne nir politische Schritte hasten sollen, welche ein Delegierter in ihrem Namen macht, oder noch schlimmer, welche vielleicht aus diesem Judentag unter schtoeigender oder selbst oppositioneller Assistenz ihres Delegirten geschehen. Man tonnte sich sehr gut denken, daß ein derartiges Vorgehen sogar zur Sprengung solcher Fachverbände, die einen gänzlich unpolitischen Ebaraktcr haben, führen würde, llnd nun erst die Gemeinden! Die jüdischen. Gemeinden sind Organisationen. deren. Ausgabe in erster Linie auf dem Gebiete der Kultus, dann aus dem der Wohlthätigkeit liegt, sie lind aber keineswegs politische Organisationen. Unter diesen llmständen ist es sogar rechtlich noch gar nicht ansgekiärr, ob die indischen Svnagogengemeinden das Neon zu solciiem 'Vorgehen haben, und es scheint gar ni:!n ausgeschlossen, daß die Aufsichtsbehörden eine solche Dbätigkeit. iveil außerhalb der Zuständigkeit dieser .Körperschaften liegend, verbieten könnten. Man steA aus diesem Beispiel, welche unliebsamen Folgen Ar Judentag sstr seine Tbeilnehmer haben kann, blbk'- ganz abgesehen davon, ist es so gut wie sicher, daß der Judentag, der eigentlich nur von den Zionisten dringend befürwortet wird, in erster Linie, wenn nicht allein. *en Antisemiten nützen und ein Aufflackern des Antisemitismus in solchen Landestheilcn zur Folge haben, wird, die bisher von der antisemitischen Bewegung noch nicht ergriffen waren. Unter solchen Umständen werden die Persönlichkeiten, die sich zur Berathung versammeln, sich die Frage vorzulegen haben, ob nicht ein; glatte Ablehnung des Judentages die für die Juden, beste Lösung darstellt. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Mez« *t|, 27. Febr. Eine seltene, schöne Feier beging am letzten Sonntag die hiesige Schals Chewrah anläßlich der Jahrzeit deS hier vor vier Jahren verstorbenen Oberrabbiners Tannenb a u m s. ft., der hier 27 Jahre als Oberrabbiner thätig war. Die Schas Chewrah hatte beschlossen, alljährlich den Sium an dessen Jahrestage abzuhalten. Am Sonntag versammelten sich sämmtliche Mitglieder der Gemeinde mit der Schas Chewrah, an 200 Personen, im Gemeindesaale, wo Herr Oberrabbiner I. Altmann den Sium vollzog. Bei dem Festmahle hielten die Oberrabbiner aus Werpelct, Abauj Tarna, Erdö Telck und Herr aut. Rabbiner A. Bergmann schöne Reden, welche mit ihren rrir "idas Festessen würzten. A m e r i k a. Kanada, lieber die Juden in Kanada hat Mr. A. Lazarus. Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Toronto, in einem vor Kurzem erschienenen Sammelwerk über Kanada einen Artikel veröffentlicht, dem wir nachstehende interessante Daten entnehmen: Die ersten jiidischen Einwanderer kamen schon sehr frühzeitig aus Frankreich und England nach Kanada herüber, so daß schon unter den ersten europäischen Ansiedlern zahlreiche jüdische Namen siguriren. In den großen. Kriegen, welche später zwischen Frankreich und England nur den Besitz von Kanada geführt wurden, haben aus beiden Seiten auch Juden in erheblicher Anzahl gesochien. Einer dieser Kämpfer, Namens Aaron Hart, war Oberst im englischen Dienste und wurde nach Beendigung des Krieges wegen großer Tapferkeit vor dem Feinde zum Baronet erhoben. Dessen Neffe, Henrv Joseph Hart, war der erste Schisssrheder .Kanadas, der mit eigenen, zum ersten Male in Kanada selbst erbauten Schiffe die Produkte des Landes nach England herüberbrachte. Der Sohn des Baronet Aaron wurde 1807 zum Mitglied des kanadischen Unterhauses gewählt. Da er sich jedoch weigerte, den christlichen Eid zu leisten und die Verfassung nach dem jüdischen Ritus beschwor, setzten es seine Gegner durch, daß seine Wahl kassirt wurde. Aber Mr. Heskiel Hart wurde von seinen Wählern zum zweiten Male in's Unterhaus' geschickt. Die Opposition brachte nun einen Gesev.entwurf ein, durch welchen den Juden das passive Wahlrecht abgesprochen wird. Der Entwurf wurde auch in den beiden ersten Lesungen angenommen, da löste die Regierung das Parlament aus. Der Konflikt wurde erst 1831 und zwar zu Gunsten der Juden entschieden. Im Jahre 1708 wurde in Montreal von portugiesischen Juden die erste jüdische Gemeinde gegründet. Acht Jahre später lourde daselbst die erste jüdische Synagoge von Kanada errichtet. Siebzig Jahre daraus wurde in Montreal von deutschen Juden eine zweite Svnagoge erbaut, zu der 1896 ein Tempel mit Orgel binzukam. Die Zahl der Juden in Kanada, durch Auswanderer aus Deutschland und Rußland erheblich verstärkt, betrug 1891 über 6000 und dürfte gegenwärtig ca. 10,000 erreicht haben. Der größere Theil von ihnen lebt in Montreal, eine weitere jüdische Gemeinde besteht seit 1830 in Toronto, und eine dritte seit 1850 in Halifax. Außerdem existiren kleinere jüdische Gemeinden in Ottawe, Quebeck, Kingssone, Viktoria und anderen Städten.