Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1901)
- Date
- 1901-03-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Platz machte, als der allgemein verehrte Grand-Rabbin Zadoc Kahn die Rednertribüne betrat. Man wußte, daß derselbe, als Berather und Mitarbeiter des Baron Edmund von Rothschild und Mitglied des Verwaltungsrathes der „I. K. A.", eine gewichtige Mitthcilung machen werde. Die Rede des Grand-Rabbin von Frankreich lautete ungefähr folgendermaßen: „Herr Tr. Rordau hat in seiner schönen Rede, auf die ich manches erwiedern könnte, gesagt, daß er auf mich, wie aut jeden andern Juden rechnet, nicht mehr. Leider ist das nur allzu richtig. Ich habe auf die Herren von der „I. K. A." keinen großen Einfluß und meine Macht wiro allzusehr überschätzt. Es gibt noch einen zweiten Punkt in der Rede des Herrn Rordau, mit dem ich vollkommen einverstanden bin, nämlich, daß man sich niemals auf Wohlthäter verlassen soll. Wenn die „I. K. A.", welche „nichts Künstliches in Palästina schaffen will," sich weigert, für die Tagelöhner etwas zu thun, kann dann das Judenthum nicht selbst die Angelegenheit derselben in die Hand nehmen? „Wo sind denn die Zionisten" mit ihren nach Hunderttausenden zählenden Anhängern? Vermag der Zionismus denn nicht, einige Hundert Tagelöhner als Kolonisten unterzubringen? Wo bleibt denn da seine große Macht? Menu die „I. K. A." nichts thun will oder nichts thun kann, muß dann Alles zu Grunde gehen? Ich war der Mitarbeiter des Baron Rothschild von der ersten Stunde an und kenne besser, als irgend Jemand, die wahre Sachlage. Ich kann Ihnen nur sagen, „daß er seine Tage und seine Nächte der Kolonisation Palästina's gewidmet hat." Körperlich sehr schwach, fragte er sich, was nach seinem Tode aus der Kolonisation Palästina's werden soll. Und da brachte er das „schwere Opfer," indem er alles der „I. K. A." abtrat. Da er jedoch die ihm theuere Sache nicht ganz aufgeben wollte, bestand er daraus, daß ein besonderes Komitee eingefaßt werde, in welches ich als Mitglied eingetreten bin. Ich trat aber bald wieder aus, da ich die „leider nothwendig gewordenen strengen Maßnahmen" nicht billigen konnte, llnd dennoch gebe ich Ihnen die Versicherung: Die Rettung der jüdischen Kolonien Palästinas wird von der „I. K. A." kommen! Die „I. K. A." vergeudet die zum Nutzen und Frommen des jüdischen Volkes bestimmten Gelder nicht. Sie allein wird die für die Existenz der jüdischen Kolonien erforderliche Grundlage schaffen können. „Einige Opfer müssen jedoch gebracht werden." Die Kolonisten haben nicht genügend Land, und der böse Wille der Regierung bindert uns daran, neue Ländereien zu kaufen. Es müssen daher einige scharfe Maßregeln ergriffen werden. Derjenige, der mit der Ausführung derselben betraut wurde, hängt mit grenzenloser Liebe an der Kolonisation Palästina's. Sie können Alle ganz beruhigt sein —■ die Kolonien werden nicht zu Grunde gehen. Die „I. K. A." wird für sie alles thun, was sich nur thun läßt. Was jedoch die Tagelöhner anbelangt, so ist die „I. K. A." „nicht in der i Lage, für diese etwas zu thun." Arbeit ist für sie alle I nicht mehr vorhanden, und mit ungeheuren Kosten künstlich für sie Arbeitsgelegenheit zu schaffen, ist die „I. K. A." umsoweniger berechtigt, als sie nebst den wenigen Hundert Tagelöhnern Palästina's noch den in Rußland, Galizien, Rumänien und anderen Ländern schwerringenden Juden beizustehen hat. Die „I. K. A." gründet in allen Ländern Kolonien, und sollte dereinst das Jdwl eines Judenstaates verwirklicht werden, so wird auch sie das zu dessen Verwirklichung Erforderliche thun. Die „I. K. A." ist leine Wohlthätigkeitsgesellschaft, „sie gewährt nur Eredit, aber keine Wohlthaten." Einige Kolonisten in Argentinien beginnen bereits ihre Schulden abzutragen. In Betreff der Kolonisation Palästina's warten Sie es nur ruhig ab. Die „I. K. A." wird sie schon dem gewiinschten Ziele entgegenführen. Um die Tagelöhner muß sich aber das Judenthuni schon ganz allein kümmern. Die Zionisten können da eine Prob»' ihrer Leistungsfähigkeit ablegen und dadurch auf die ,,J. K. A." einen großen Einfluß ausübeu. Mag doch der Zionismus beweisen, daß seine KraU nicht allein in großen Worten und im Kritisiren Anderer besteht. Die Kritik allein genügt nicht. Möge er doch auch handeln und dadurch beweisen, daß er schöpferisch khäUg zu sein vermag!"_ Letzte Nachrichte«. München, 12. März. Die Feier des achtzigsten Geburtstages des Prinz-Regenten vollzog sich in den hiesigen Synagogen würdig und in herkömmlicher Weise. Die Herren Rabbiner Dr. Werner und Ehrentreu hielten passende und schwungvolle Reden, die durch ein- und ausleitende Chorgesänge umrahmt wurden. Ausführlicher Bericht folgt. Vermischtes. Berlin, den 11. März. Der Verein jur Förderung der Interessen der israelitischen Taubstummen in Deutschland begeht am Sonntag 21. März in Dräsel's Festsälen. Neue Friedrichstr. 35, sein fünfjähriges Stiftungsfest, verbunden mit Festessen, theatralischer Aufführung u. Vorträgen, wozu die Freunde und Gönner dieses Vereins ergebenst eingeladen werden. TaS Couvert kostet Mk. 3.50. Der Reinertrag ist für tvohlthätige Zwecke bestimmt. Anmeldungen znm Diner bis zum 20. März nimmt der Schatzmeister r err L o u i s Behrendt, Charlottenburg, Pesralozzistraße i’a entgegen. München. Der ehemalige Reichstagsabgeordnete Dr. Sigl der Herausgeber der Zeitung „DaS bayrische Vaterland", wurde nach dem „Berliner rwk.-Anz.", weil sich schon seit Wochen bei ihm Zeichen geistigen Verfalls bemerkbar machten, in eine Kuranstalt gebracht. Stuttgart. Auch Herr Julius Meyer wurde zum kontgl. Hoslieferanten ernannt. Briefkasten der Redaetion. S. L. in D. u. A.: Wir bringen über Rothschildfeiern nur dann noch Berichte, wenn solche über die üblichen Veranstaltungen besonders hervorragen. Briefkasten der Expedition. H. B., Luzern. M. 10.50 empfangen.