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Der Israelit · 1901-02-21 · Heft 15 (21.2.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 15 (21.2.1901)
Date
1901-02-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Ihr braucht Euch bei mir wegen Eures Schweigens nicht mehr zu entschuldigen, denn jetzt sehe ich erst ein, welchen großen Dienst Ihr der Sache bereits durch Euer Schweigen erwiesen habt. Hättet Ihr mich gewarnt und hätte ich in Folge deffen mein Ehrenwort zu geben verweigert, so hätte man sofort gewußt, daß die Agitation gegen das unerhörte Unterfangen von mir ausgeht. Man hätte mich sorgfältig überwacht und wäre jedem meiner Schritte sofort entgegen getreten. Jetzt aber habe ich freie Hand. Kein Mitglied des Vorsteheramtes und Landrabbinats hält mich fähig, mein gegebenes Wort zu brechen. Was auch gegen die Herren zu unternehmen sein wird, mich wird man nicht dahinter suchen, obwohl ich sie über meine wahre Herzensmeinung nicht im Zweifel gelaffen habe. Die Frage aber ist, was soll man jetzt wirklich thun, um diesen Ränken mit Erfolg entgegenzutreten?" „Ich weiß es nicht," entgegnete Bensew. „Aber wir wollen beide einmal darüber Nachdenken. In spätestens acht Tagen bin ich wieder hier. Für die Zwischenzeit erbitte ich mir von Euch Folgendes: Eine Mizwa zieht die andere nach sich, sagen unsere Weisen. Durch den Freundesdienst, den ich unserem Pfarrer erwiesen habe, bin ich in die Lage gekommen, alles zu erfahren, was Euch zu sagen verboten ist. Erlaubt mir, daß ich unseren Pfarrer in's Vertrauen ziehe, er ist ein großer Freund unseres Volkes und dabei ein überaus erfahrener, kluger Mann, vielleicht zeigt er uns einen Weg, der dazu führt, die Anschläge unserer Feinde zu Nichte zu machen." „Ihr bedürft meiner Erlaubniß nicht. Ihr sagt ja Eurem Pfarrer nichts, was Ihr von mir gehört habt, sondern was Ihr längst ohne mich gewußt habt. Thnt also alles, was Ihr für gut haltet. Gott möge Eure guten Absichten zum Wohle unserer Gesammtheit zur That reifen lasten." „Dann gehe ich sofort zurück; aber bevor ich gehe, bitte ich Euch, mich zu benschen." (Segnend die Hand auf's Haupt zu legen.) „Ich Euch benschen? Benscht Ihr mich, möchte ich von Euch bitten, wenn Ihr es nicht schon gethan hättet. Ihr habt mir die Bangigkeit und Hoffnungslosigkeit verscheucht und mich wieder mit der freudigen Zuversicht erfüllt, daß alles sich noch zum Guten fügen werde, wenn ich auch zur Zeit noch nicht weiß, auf welchem Wege das möglich sein wird. Ihr seid ein Schliach Mizwoh. (Der Vollbringer einer Gottespflicht.) Ihr bedürft keines weiteren Segens" Als aber Bensew fort und fort drängte, legte der Rabbiner segnend die Hände auf das Haupt des wackeren Biedermannes und erflehte Gottes Beistand für ihn und die Verwirklichung der guten Absichten, die ihn erj füllten. | Dann verabschiedeten sich die beiden Männer mit! den Worten: „Gehe zum Frieden," mit welchen sich Jo-! nathan und David (Samuel 1. Cap. 20. V. 42) trennten. VI. Als Bensew allein des Weges dahin ging, hatte er Zeit und Muße, sich die ganze Situation zu vergegenwärtigen. Er hatte einen Plan, der ihm schon im Hause des Rabbiners aufgedämmert war, der ihm aber so abenteuerlich schien, daß er ihn sofort, nachdem er aufgetaucht war, wieder verwarf. Aber als er auf seinem Wege den Gegenstand immer wieder nach allen Seiten wog und keinen andern Ausweg fand, erschien ihm das ursvrünglich Ungeheuerliche immer einleuchtender und schließlich befreundete er sich damit so weit, daß er sich vornahm, seinen Plan jedenfalls dem Pfarrer zu unterbreiten, da ohne dessen Zustimmung und Mitwirkung seine Idee aussichtslos war. Sein Weg fiihrte ihn an dem Pfarrhause vorbei, und da er den Pfarrer durch's Fenster allein in seinem Studierzimmer bemerkte, trat er, ohne zuerst sein Haus aufzusuchen. Ri ihm ein, trotz der vorgerückten Abendstunde. „Störe ich nicht, Herr Pfarrer?"- „Durchaus nicht; Ihr könnt mir sogar helfen; ich suche gerade einen kernigen Text für meine Predigt, wißt Ihr einen?" „Oh, dann störe ich doch. Ich komme dann lieber ein anderes Mal; die Sache, die ich auf dem Herzen habe, drängt nicht so sehr." „Bleibt nur ruhig da, Bensew, und setzt Euch. Es ist ja heute erst Mittwoch; ich habe meine Sonntagspredigt schon oft später entworfen, also nur keine Umstände." „Ich wollte Sie um einen Rath in einer Angelegenheit bitten, die nicht direkt in Ihr Fach schlägt, in welcher Sir mir aber vielleicht doch eher mit Rath und That helfen können, als irgend ein anderer." Run erzählte er, wie er soeben von Gudensberg komme und dort bei dem Rabbiner von der Gefahr gehört habe, die der religiösen Zukunft der gesammten hessischen Judenheit drohe, wenn die geplante neue Synagogenordnung die ministerielle Genehmigung erhalte. Diese Synagogenordnung sei heute Sr. Excellenz dem Minister von Haffenpflug zur Unterschrift vorgelegt worden, - - von einem Federstrich des Herrn Minister hänge daher alles ab. Wenn das Landrabbinat, welches der Erhaltung und Förderung des Judenthums dienen solle, selber dem religiösen Abfall huldigt und diese Huldigung durch eine Synagogenordnung, welche mit heiligen Bräuchen und Gebeten aufräumt, feste, greifbare Formen annimmt, wenn dieser Angriff auf unser Allerheiligstes gar die landesherrliche Sanktion erhielte, so könne er leicht die Erschütterung des religiösen Bewußtseins ermeffen, die sie im ganzen Lande bis in die letzte jüdische Dorfgemeinde zur Folge haben müsse. Auf das Landrabbinat einzuwirken, sei bei der religiösen oder vielmehr unreligiösen Richtung seiner treibenden Elemente aussichtslos. Gibt es ein Mittel, um auf den Minister einzuwirken, daß er die Genehmigung versagt?

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