Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1901)
- Date
- 1901-02-07
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449158--52628-2503181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schulen und Lebrlingswerke der Alliance Israelit© Universelle. (I. Fortsetzung.*) In der That, die schlecht gewaschenen Kinder wurden bald nett gekleidete Mädchen, die glücklich sind, wenn sie sich in die Schule begeben. Wir Hessen sie allmählich den Schnitt ihrer Kleider ändern, indem wir ihnen als Belohnung die Anfertigung eines Kleides „a la franca“ versprachen; man lehrte sie die Moden; man zeigte die Arbeiten in jedem Hause, und Niemand dachte mehr daran, eine angesehene Frau, die die Nadel in der Hand hatte, als minderwerthig anzusehen. Man näht, man stickt jetzt in Bagdad, und was noch mehr ist, man flickt, bessert aus, Alles bis dahin in Bagdad unbekannte Dinge. Diese ganz materiellen Erfolge würden nicht genügt haben, wenn wir nicht zu gleicher Zeit den moralischen Einfluss unserer Schule hätten konstatiren können. Unsere jungen Mädchen sind besser ei zogen, einfacher, gefälliger geworden. Wir haben in ihnen das Gefühl menschlicher Würde und Sittsamkeit ent wickelt, und das verleiht ihnen eine Uebei legenheit über ihre Mitbürgerinnen. Ihre Haltung ist keine nachlässige, sie haben verstehen gelernt, dass ein anständiger Mensch tadellos sich selbst gegenüber sein muss. Das landübliche Kostüm wird nach und nach abgelegt, man nimmt freiwillig das europäische Kostüm an, das man für besser hält, und der Augenblick wird bald kommen, wo der ganze Nachwuchs sich so kleiden wird. Man braucht alsdann Näherinnen; sollten wir nicht ein Atelier bilden und eine Werkstatt eröffnen, die mit einem Lehrlingsheim verbunden ist? Thatsächlich werden die Näherinnen der Stadt allein nicht mehr allen Anforderungen genügen können, so zahlreich sind die Arbeiten; wir würden also eine gute Kundschaft haben. Uebrigens würde man sich nicht nur in dieser Werkstatt mit Nähen beschäftigen, sondern mit allen Handarbeiten, Goldstickereien u. s. w., kurz mit Allem, was im Lande gemacht wird. Unter Leitung einer guten Lehrerin würde der Geschmack unserer jungen Arbeiterinnen sich bilden, und wir würden die saubersten originellsten Arbeiten anfertigen. Das Lehrlingsheim weist in seiner bisherigen Entwickelung nicht die erhofften Resultate auf, und zwar wegen der Schwierigkeit, die man bei der Bewachung der Lehrmädchen hat. Sie sind zerstreut und bei Lehrerinnen auf guten Glauben hin nntergebracht, auf die man nicht immer zählen kann. In der eigenen Werkstatt würden die jungen Mädchen beständig unter unseren Augen arbeiten; die gute Disziplin des Ateliers, die Rathschläge der Direktorin würden sie dabei unterstützen, um Arbeiten zu liefern, die ihnen ein^n Broderwerb sichern und gleichzeitig eine Einnahme für das Heim bilden würden. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass man jetzt nicht mehr daran denkt, die Mädchen mit zehn oder elf Jahren zu verheirathen, und dass die Schule schon nach dieser Seite hin unendlich wohlthätig gewirkt. Die Mädchen selbst fühlen jetzt instinktmässig, dass die bisherige Art und Weise der Verheirathung verwerflich ist. Es genügt, dass die Masse der Bevölkerung einsieht, dass die Vornehmen sie nicht mehr als entehrt ansehen, weil sie ihre Töchter nicht vor dem fünfzehnten oder sechzehnten Jahre verheirathet haben, da Jene es selbst nachahmen. So werden denn diese frühen Verheirathungen, die die Ursache so vieler materiellen und moralischen Uebei bilden, bald geschwunden sein. Andererseits hat man genaue Nachrichten über die Lage der Jsraeliten in Persien und über den glücklichen Einfluss, welchen die im Jahre 1898 gegründete Schule auf die Bevölkerung ausüben wird. Eröffnet im Juli 1898 unter der Leitung eines tüchtigen und thatkräftigen Lehrers, des Herrn Joseph Cazös, ist die Schule jetzt in einem glänzenden Zustande. Im Herbst 1899 hat die Alliance vier neue Lehrer nach Teheran geschickt: Herrn und Frau Bass an und Herrn und Frau Abib; die zwei Ersten sind beauftragt, eine Schule zu Hamadan, einem bedeutenden israelitischen Mittelpunkte zu eröffnen; ihre Gegenwart und ihre Tätigkeit werden dort einen wohlthätigen Einfluss ausüben. Herr Abib ist besonders beauftragt, sich der Mädchenschule in Teheran zu widmen. Eine Werkstätte zur Teppichfabrikatiou ist im Sehulhause eingerichtet worden, vierzig junge Mädchen sind darin beschäftigt; sie lernen dort Geschmacksinn. Mehrere unter ihnen haben schon eine grosse Handfertigkeit erlangt und erhalten Verdienst. (Fortsetzung folgt.) *) 8. Nr. 760.