Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-02-07 · Heft 11 (7.2.1901) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 11 (7.2.1901)
Date
1901-02-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449158--52608-2503160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

252 tavatsr und Mendelssohn. Die Gelehrtenwelt hatte unlängst Veranlassung, des Todestags (2. Januar 1801) eines Mannes zu gedenken, der, wenn auch heute sein Name dem Volke fast fremd, seiner Zeit vielleicht eine der bekanntesten und populärsten Persönlichkeiten gewesen ist: Johann Caspar L a v a t e r. Es ist anläßlich der hundertsten Wiederkehr seines Todestages gar Manches über ihn und sein Wirken, insbesondere seine Physiognomik, gesprochen und geschrieben worden, was hier nicht erörtert zu werden braucht, eine Episode aus seinem Leben mag hier Platz finden, die ihn in Beziehung setzt mit Juden und Judenthum, nämlich sein Versuch, den jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn zum Christenthum zu bekehren, womit er natürlich Fiasko machte. Die meisten Leitfäden der jüdischen Geschichte berühren dieses Vorkommniß nur kurz oder übergehen es ganz, obwohl nach meiner Ansicht gerade solche Momente offener, unerschrockener, jüdischer Glaubens- und Ueberzeugungstreue besonderer Hervorhebung würdig wären. Dr. D. Cassel schreibt in seinem Lehrbuche jüdischer Geschichte und Litteratur hierüber Folgendes: Mit den ersten Geistern seiner Zeit trat er (Mendelssohn) in freundschaftliche Beziehung, wie Nicolei, Reimarus, Haman, Herder, Gleim, Wieland, Jacobi, Abt, Lavater. Die von dem letzteren an ihn ergangene taktlose Aufforderung, zum Christenthum überzutreten, beantwortete er mit Ruhe und derjenigen Ueberlegenheit, welche das Bewußtsein, für Recht und Wahrheit zu kämpfen, eingibt. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle geschichtlichen Vorgänge, die mit der Angelegenheit Zusammenhängen, zu registriren. Erwähnt möge aber werden, was der berühmte Gelehrte Heyne in Göttingen damals zur Sache schrieb: „Wie beschämt die Mäßigung, die Würde, der Anstand den raschen und schwärmerischen Lavater! Bald wird man wünschen müssen, den Herrn Lavater hinzugeben und den Herrn Mendelssohn zum Proselyten machen zu können, welcher unserer Religion mehr Ehre machen würde, als jener hitzige Eiferer." Uebrigens neigt man in den Kreisen der Literarhistoriker vielfach zu der Ansicht hin, daß Lessing's „Nathan der Weise," in welchem Lessing seinem besten Freunde Mendelssohn ein ewiges Denkmal setzte, gewissermaßen durch diesen Vekehrungsversuch Lavaters veranlaßt worden sei. gleichsam als versöhnende Genugthuung für jene, vielleicht, ja wahrscheinlich unbeabsichtigte, trotzdem aber tief empfundene Kränkung des „jüdischen Weltweisen." Auf unserem Bilde hat es der Künstler mit großem Erfolge versucht, die Zusammenkunft der drei bedeutenden Männer, des Dichters, des jüdischen wie des christlichen Theologen, in anschaulicher Weise darzustellen. A. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Feör. Am 15. v. Mts. starb hier, wie bereits kurz berichtet, der Geheime Kommerzienrath Benjamin Liebermann im Alter von 89 Jahren. Die „Ag. Ztg. d. I." weiß über sein Leben Folgendes zu erzählen: Er war in Märkisch-Friedland geboren, derselben Stadt, die auch der Geburtsort des Justizministers Friedberg gewesen ist. Am 4. Dezember 1812 geboren, war er um etwa acht Wochen älter als sein eben genannter Landsmann. Im Jahre 1826 siedelte der Vater Benjamin Liebermann's mit seiner zahlreichen Kinderschaar nach Berlin über. Benjamin, als der älteste, konnte der Wohlthat eines langen Schulunterrichts nicht theilhaftig werden, er hat nur wenige Jahre das Gymnasium zum Grauen Kloster besucht. Er machte dann eine kaufmännische Lehrzeit in England durch, trat nach Rückkehr in das väterliche Geschäft ein und half, dieses zu einer großen Bedeutung zu bringen. Liebermann war lange Jahre Vizepräsident des Aeltestenkollegiums, erster Präsident des deutschen Handelstages und Präsident der Gesellschaft der Freunde, in der er seit vier Jahren das Ehrenpräsidium führte. Bei einer fast 51jährigen Mitgliedschaft war er durch 35 Jahre der Leiter dieser Gesellschaft. Es war ihm noch vergönnt, einigen der Stifter vom Jahre 1792 näher zu treten, in ihrem Geiste hat er gewirkt, mit Rath und That und mit seiner Begeisterung für die edlen Ziele der Gesellschaft hat er ihre Interessen in hohem Maße gefördert. Als Kaufmann war Liebermann der Begründer der Berliner Kattunfabrikation. Als er Anfangs der fünfziger Jahre, in denen seine Fabrikerzeugnisse bereits bis nach Japan exportirt wurden und mit Erfolg den englischen Fabrikaten Konkurrenz machten, Friedrich Wilhelm IV. vorgestellt wurde, antwortete er auf eine Frage nach seiner Berufsstellung mit berechtigtem Stolze: „Ich bin der Liebermann, der die Engländer vom Continent verdrängt hat." Als Präsident des deutschen Handelstaas hat er zu der Zeit, wo für das neu geeinte Deutschland eine volkswirthschaftliche Gesetzgebung neu zu schaffen war, einen großen Einfluß ausgeübt. Bei jeder Frage, die angeregt wurde, hatte er praktische Erfahrungen in die Diskussion zu werfen, die er logisch darzustellen wußte. Mochte es sich um einen Zollsatz oder um Musterschutz, oder um Arbeiterverhältnisse handeln, er war stets mit der Frage vertraut und wußte Sachliches vorzubringen. Liebermann war bei allem praktischen Sinne, den er als Kaufmann bethätigte, doch eine ideal gerichtete Natur. Es war der Stolz seines Alters, daß der Name, den er trug und dem er auf kaufmännischem und industriellem Gebiet zu Ansehen verholfen hatte, nun auch auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst zum Theil durch sein eigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.