Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1901)
- Date
- 1901-01-31
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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31Ä die Behörden die Untersuchung von Anfang an unter dem Gesichtspunkt des Ritualmordes geführt hätten. Dr. Endemann, Kassel, giebt einen Bericht aus Kurheffen, der einen erfreulichen Rückgang des dortigen Antisemitismus constatiren kann. Bemerkenswerth sei indessen, daß gerade die Lehrer der höheren Lehranstalten die Träger dieser Bewegung seien. Dr. Barth wendet sich gegen die allzuzarte Behandlung der Regierung. Solange die Regierung das Grundgesetz der Verfasiung, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, verletze, solange werde der Antisemitismus nicht aufhören. Nicht nur bei dem Militär, auch in allen anderen Refforts werden die Juden zurückgesetzt nur ihrer Religion wegen und dieser Zustand sei natürlich ein steter Ansporn für die Hetzer. Alle Staatsbürger sind gleich und bei der Besetzung einer Stelle darf nicht nach der Confession gefragt werden. Darum muß sich der eigentliche Kampf gegen die Behörden richten, er muß im Reichstag und Landtag geführt werden und Redner findet, daß es sich bei dieser Sache gar nicht um christlichen oder jüdischen Standpunkt handeln dürfe, sondern nur um den Standpunkt der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Baurath B e n o i t verweist darauf, daß der Boden in Könitz für die Judenhetze durch die Nähe von Neustettin und die dort schon so lange betriebene Hetze gründlich vorbereitet worden sei. Stadtverordneter Dr. Nathan widerlegt detaillirt die Auffassung, als hätten sich die Behörden in Könitz durch die Idee des Ritualmordes bei der Untersuchung leiten lassen. Einzelne Mißgriffe werden gewiß vorgekommen sein, aber im allgemeinen war doch der Standpunkt der Polizei- und richterlichen Behörden, daß man jeder Spur nachzugehen habe, daß aber Ritualmord auszuscheiden habe. Redner citirt die Erklärung des Criminalkommissor Braun in seinem Bericht, die im Maßloffprozeß vorgelesen wurde. Damals hat Braun ausgesührt, daß ein Aberglaube, der für die ganze Christenheit beschämend sei, der Aberglaube vom Ritualmord der Juden für ihn, der die Juden überall, auch im Orient, kenne, nicht in Frage kommen könne. Auch die anderen Commissare haben sich dieser Auffassung angeschlossen. Das Gerede von der Blutleere ist so wenig begründet, daß gerade die medicinischen Gutachter jeder einzeln nach Erklärung suchen, warum die Lungen und andere Körpertheile trotz der Auslaugung durch Wasser und Spiritus noch blutüberfüllt waren. Dr. Heinrich Meyer Cohn verglich die antisemitischen Hetzereien mit den Boxern in China, constatirte die Analogien und als einzige Verschiedenheit, daß die deutsche Regierung in China gegen die Lügen der Boxer auftrete, in Deutschland aber nicht. Die weitere Diskussion drehte sich um Qrganisationsfragen. Die Versammlung schloß mit einer Ovation für den Vorstand und besonders den Abgeordneten Rickert. B. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 27. Jan. Mild zieht's durch die Lüfte und dann braust's wieder wie Frühlingsstürme, aber dunkel hängen die Wolken am Himmel und trübe und traurig ist's in unfern Herzen. Morgen werden wir i h n hierhertragen und zur ewigen Ruhe betten, den Großen und Edlen, so fährt's uns durch den Sinn, da wir heute Vormittag traurig erfüllt uns auf dem Friedhofe zusammengefunden hatten, ein großes Geleite, um Frau Mathilde E l l i n g e r die letzte Ehre zu erweisen. Ein beglücktes und beglückendes Leben hat sie vollendet, die fromme und vornehme Frau. Getreu dem jüdischen Gesetze hatte sie ihr Haus geführt und es zur Stätte eines erhöhten und verfeinerten Bildungsstrebens gemacht. Herr Prof. Dr. Werner, ein langjähriger Freund des Hauses entwarf in wohlgesetzten Worten ein Lebensbild der Verewigten. Wie sie ihrem längst vorangegangenen Gatten, dem Sohne des Mainzer Rabbiners R. Löb Ellinger s. A. und Chef eines Welthauses, eine hingebungsvolle Gattin gewesen, ihren Kindern und Enkeln Erzieherin und Vorbild, den Freunden eine kluge Beratherin, den Armen eine reichlich und verständnißvoll Spendende, und den Waisen eine fürsorgende Mutter, damit habe sie das Ideal der ifotpo ne>x der b'n ns?x herrlich erfüllt und darum mögen von ihr auch die Worte des weisen Königs gelten nntrjn rron icp und -•tryo c“ytw. Der Schwager der Heimgegangenen, Herr May aus Hamburg, knüpfte hieran das feierliche Gelöbniß der Hinterbliebenen, ihrem edlen Vorbild in aller Zukunft nachstreben zu wollen. Schmerzbewegt umstanden Kinder, Angehörige und Freunde das Grab. Eine tiefe Lücke hat sich in ihrer Mitte aufgethan. Möge das Andenken der edlen Frau zum Segen werden. rrsawn. Michelstadt, 27. Jan. Am Sonntag, den 30. Dezember, hielt der „Unabhängige Verein isr. Lehrer im Großherzogthum Hessen" seine Provinzialkonferenz in Darmstadt ab. Auf der Tagesordnung standen: 1. Bericht des Vorstandes, 2. Methodik des „Bibl. Geschichtsunterrichts in der jüdischen Schule." Hierauf: Lehrprobe: Moses Geburt und Rettung. Ref. H. Hofmann - Großgerau, 3. Lehrprobe: Behandlung des Psalm 16, 4. Besprechungen; Herr Dr. Barnaß- Pfungstadt, mußte im letzten Augenblicke in Folge einer Erkrankung sein Erscheinen absagen und führte Herr Lebermann-Darmstadt den Vorsitz. Nachdem der letztere die anwesenden Herren, namentlich Herrn Dr. Marx, durch dessen Erscheinen die ganze Versammlung angenehm berührt war, herzlich willkommen geheißen, ging derselbe zum ersten Punkt der Tagesordnung über. Die Mittheilungen verbreiteten sich 1) über den Erfolg des Rundschreibens an die Vorstände der verschiedenen