Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1901)
- Date
- 1901-01-31
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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205 Nach 10 Uhr setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Ihm voraus schritten die Schüler der israelitischen Realschule, Volksschule und Waisenanstalt. Dem Leichenwagen folgten die hier weilenden Mitglieder der Familie Rothschild aus Paris, London und Wien, die Generalität und die Spitzen der staatlichen, städtischen und Konsulatsbehörden, die Beamten des Bankhauses und eine große Zahl von Bürgern aller Berufsklassen. Der Zug nahm seinen Weg durch die Holzhausenstraße, eine dichte Menschenmauer umsäumte in stillem Schweigen fast die ganze Strecke und hauptsächlich das nichtjüdische Publikum staunte den einfachen und gänzeinfache schwarz verhängte Sarg wurde in die Mitte des Raumes gestellt und nachdem die Anwesenden die üblichen hebräischen Sterbegebete gesprochen hatten, nahm Herr Rabbiner Dr. Horoviy das Wort: „Was ist des Lebens höchstes Gut und was ist das höchste, was Gott von dem Menschen fordert? Der große Prophet antwortet: die Pflichterfüllung und die Liebe, die bescheiden wandelt mit ihrem Gott. Dieses, sein liebstes Wort hat Freiherr Wilhelm Karl von Rothschild zur That gemacht durch sein ganzes gesegnetes Leben. Unter einem freundlichen Himmel hat RavMner Seligmann Wromrn, (Talmudlehrer t>e. lieh schmucklosen schwarzen Wagen an. in dem man den gewaltigen Geldfürsten nach dem würdigen Herkommen seiner Väter zum Haus des Lebens führte. Kein pomphafter Katafalk, kein kostbares Gespann, nicht einmal ein bescheidenes Blümlein! Mitglieder der israelitischen Begräbnißgenoffenschafi, angesehene israelitische Bürger, hoben den Sarg am Portale aus dem Wagen und brachten ihn in die enge Friedhofshalle, wo sich die Angehörigen des Verstorbenen, die Angestellten des Bankhauses und die Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinschaft sammelten. Mit großer Mühe wurde der kleine, schmucklose Saal gegen den Sturm der anderen Andringenden gesperrt. Der Herrn Baron d"Lt.) Gott ihn seinen edlen Eltern gegeben, unter deren verständnißvoller Erziehung schon in den sonnigen Traum seiner Kindheit eine ernste Lebensrichtung gebracht worden ist. Reichthum und Ehre bethörten nicht sein reines Gemüth, blendeten nicht sein offenes, Helles Auge. Früh reiften seine Gedanken, früh bildete sich sein eiserner fester Charakter, von dessen Gradheit und Wahrhaftigkeit kein trügerischer Glanz bestehen bleiben konnte. Früh tried den Jüngling ein heißes Verlangen nach dem bleibenden Gute inmitten der irdischen vergänglichen Freuden der Erde, sein Geist sehnte sich nach etwas Gewaltigem, Großem, das ganze Leben Ausfüllenden. Und unter weiser Führung hat er im