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Der Israelit · 1901-01-31 · Heft 9 (31.1.1901) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 9 (31.1.1901)
Date
1901-01-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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197 der nächsten Vacanz ein jüdischer Lehrer angestellt werden solle. Die beiden jüdischen Stadträthe haben ihr Amt niedergelegt. Leer, 29. Jan. Die hiesige Synagogen - Gemeinde ist von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht worden. Das nrcp-i m ist in der Nacht vom Sonntag auf Montag zerstört worden, nicht etwa durch Vubenhand, sondern durch eine Sturmfluth. Der schön gepflegte Friedhof bietet ein Bild der wüstesten Zerstörung, die Umzäunung ist durch die Eisschollen zum Theil vernichtet, die schönen Grabsteine liegen umgeriffen oder abgebrochen am Boden. Es wird vieler Mühe und großer Opfer bedürfen, dem a"n r>'2 sein früheres Aussehen wieder zu geben. München, 20. Jan. (Klerikalismus und Antisemitismus.) In Nr. 5 des „Israelit" war eine beachtenswerthe Auseinandersetzung über den innigen Zusammenhang beider obengenannter Volks¬ und Zeitströmungen in Oesterreich enthalten. Wer die Vorgänge in Frankreich in den letzten Jahren aufmerksam beobachtet und verfolgt hat, wird auch hier zu den gleichen Resultaten in dieser Hinsicht wie bezüglich Oesterreichs gelangen. Die vielfachen, hieraus resultirenden Mißstände werden allmählich auch an maßgebenden Stellen erkannt und man versucht, ihnen entgegenzutreten. So schreibt die „Augsb. Abendztg." in Nr. 18 d. Js. bierüber Folgendes: „Es ist eine bekannte Thatsache, daß in der französischen Marine der Klerikalismus besonders mächtig ist, weil ein großer Theil der höheren Offiziere aus Jesuiten- oder Kongreganisten-Anstalten bervorgegangen ist. Es war daher auch längst Niemandem mehr ein Geheimniß, daß in religiöser Hinsicht ein starker Druck von den Kommandirenden auf das Personal ausgeübt wird, wie ja schon aus verschiedenen, bei der Marine noch immer üblichen religiösen Zeremonien hervorgeht. Allgemein ist daher ein eben von dem Marineminister erlassenes Rundschreiben, das den Uebergriffen in dieser Hinsicht steuern soll, mit großer Genugthuung ausgenommen worden. Dasselbe hat folgenden Wortlaut: „Ich halte es für nothwendig, Ihre Aufmerksamkeit auf die Verpflichtung zu lenken, überall und alle zur absolutesten Achtung der Gewissensfreiheit anzuhalten. Deßhalb erwächst Allen, die mit irgend welcher Autorität ausgerüstet sind, eine doppelte Pflicht. Einerseits müssen sie sich jederzeit jeder Maßregel enthalten, die ihre Untergebenen zu Uebungen und Zeremonien zwänge, die von dem Glauben oder den Meinungen derselben verurtheilt würden. Es wäre in jeder Hinsicht ein Mißbrauch, wenn man durch Befehle oder selbst durch einfache Aufforderungen, die, da sie von einem Vorgesetzten kämen, als Befehle aufgefaßt werden könnten, die Leute bestimmte, an religiösen Andachten und Zeremonien anders als in Folge freier Willensbestimmung theilzunehmen. Sie werden also die gemessensten Befehle ertheilen, daß in Zukunft sowohl an Bord der Schiffe, als auch in den Seepräfekturen, Arsenalen, Schulen und Anstalten aller Art der Marine die Andachtsübungen. Zeremonien u. s. w. jedwelcher Kultus derart stattfinden, daß Niemand sich gezwungen fühlen darf, an ihnen theilzunehmen, oder nur zu dem Glauben veranlaßt würde, es läge in seinem Interesse, bei denselben zugegen zu sein und seine Gegenwart bemerklich zu machen. Damit diese Prinzipien und Regeln von allen Ihren Untergebenen zur Kenntniß genommen werden, ist dieses Rundschreiben vor dem 16. Januar 1901 auf den Tagesbefehl aller Fahrzeuge der Flotte zu setzen und in allen Seepräfekturen, Arsenalen, Anstalten und Schulen der Marine anzuschlagen." Rußland. Petersburg. Die Noth unter den Juden Rußlands nimmt in diesem Winter überall erschreckende Dimensionen an. Es leiden die jüdischen Arbeitermassen in den großen Städten an Arbeitslosigkeit, die aus den mannigfaltigsten Gründen gerade in diesem Winter in den verschiedenen Großgemeinden einen bis dahin noch nie gekannten Umfang erreicht hat. So feiern in Odessa die jüdischen Hafenarbeiter, die Getreideverlader und Sortirer, sowie die zahlreichen kleinen Getreidemakler in Folge des durch die Mißernte der beiden Vorjahre eingetretenen Rückganges des Odessaer Getreideexportes. In Lodz und in Bialystock sind Tausende von jüdischen Webern schon seit vielen Monaten ohne Beschäftigung; die Noth in Warschau, welche in Folge der vor einem Jahre ausgebrochenen Handelskrisis entstanden ist, beschränkt sich nicht mehr auf die unteren Klassen der jüdischen Bevölkerung, sondern hat weit über diese hinaus den Mittelstand ergriffen, und gar mancher Jude, der noch vor kaum zwei Jahren zu den Wohlhabenden zählte und Wohthätigkeit üben konnte, leidet bitteren Mangel und muß in nicht seltenen Fällen selbst die Hand ausstrecken. Um das Maß voll zu machen, herrscht gegenwärtig in Rußland überall strenge Kälte, welche bei den schier unerschwinglichen Kohlenpreisen für die Juden in den großen Städten den Winter zu einer wahren Kalamität ausarten läßt. Schlimmer noch als in Odessa, Lodz, Bialystock und Warschau geht es jetzt den Juden in den Gouvernements Cherson und Nessarabien, deren Widerstandskraft durch die eben überstandene Hungersnoth völlig gebrochen ist. Daneben macht sich die Noth in allen übrigen Städten und Städtchen des Ansiedelungsrayons in so hohem Grade fühlbar, daß zahlreiche jüdische Gemeinden sich nicht mehr zu helfen wissen und die Regierung um Hilfe bitten müssen. Diese hat aber in den Ueberresten der Judensteuer (Karobka) für dies? Zwecke eine reichlich fließende Quelle zur Hand. Alljährlich bleiben nämlich aus dieser Steuer Hunderttausende von Rubel zurück, die sich in den Kassen der Regierung anhäufen und dort auf die Herren Beamten

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