Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1901)
- Date
- 1901-01-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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185 ist Gartenbau- und Handfertigkeitsunterricht im späteren Leben nützlich, sondern für alle Berufsarten aus praktischen, ethischen und sozialen Gründen. Abgesehen von der durch diese Arbeiten bewirkten Kräftigung der Muskeln und der Gesundheit, wird Auge und Hand geübt, was für jeden Stand von großem Außen ist. Durch den Gartenbau!vir der Sinn für Pflanzen und die Natur geweckt, und Jeder, dem dieser Sinn anerzvgen ist, wird bei Spaziergängen, sowie bei größeren Fußtouren, einen Genuß haben, welchen derjenige, der gleichgiltig an Pflanzen vorübergebt, gar nichr kennt. Ein Kaufmann oder ein Gelehrter, der später in die Lage kommt, ein Gärtchen pachtweise oder als Eigenthum zu besitzen und darin einige Stunden ain Tage arbeiten kann, verschafft sich dadurch eine Erholung und ein Vergnügen, weit heil sanier für seine Gesundbeit, als Kartenspiel übe-- ähn - liebe Unterhaltungen. Nicpts ist bester geeignet, die soziale Kluft uoischen den einzelnen Ständen zu überbrücken, als wenn junge Leute, Ke sich den sogenannten höheren Ständen, beispielsweise dein Gelehrtenstand widmen in ihrer Knabenzeit Handsertigteits- und Gartenbau! unterricht genossen haben und später zu ihren- Vergnügen das eine oder andere iveiter betreiben. Sie wissen dann, welches Ar aß von Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit für die einzelnen Arbeiten erforderlich und und lernen nicht nur die Arbeit, sondern auch den guten 'Arbeiter schätzen, tuährend dieser, Ivenn er sieht, wie der Kaufmann r-ner Gelehrte sich nicht schärnt. dieselbe Arbeit wie er zu verrichten, das Mißtrauen gegen die ihm geistig überlegenen Klassen verliert. Einige hervorragende Pädagogen Deutschlands, noch inehr aber die Schulmänner Frankreichs und Englands haben die Ueberzengung gewonnen, daß während der Schulzeit nicht nur die intelektuellen, sondern auch die praktischen und pbnnwben Fähigkeiten der Kinder geweckt tvcrden müssen. Der Franzose nennt diese Erziehungsmethode öckiu'utiou inthounlL- Auf der letzten Ausstellung in Paris konnte man beobachten, welche Fortschritte auf diesen! Gebiete in Frankreich, nainenk- 1 icii in Paris gemacht sind. Mit dem Kindergarten, der in Frankreich anch zu dein öffentlichen Schulivesen gehört, beginnend, konnte inan an den angefertigten Gegenständen und an den ausgestellten Schulheften beobachten, wie die praktischen und intelektuellen Fortschritte Hand in Hand gingen. Auch in London ist in den meisten öffentlichen Schulen der Handfertigkeitsunterricht obligatorisch eingeführt. Giebt man den Kindern Gelegenheit, während ihrer Schulzeit ihre verschiedenen Fähigkeiten zu entwickeln, so können Eltern und Lehrer aus den Anlagen und Neigungen derselben Schlüsse ziehen, für welchen Beruf sich der Einzelne besonders eignet und ihren Einfluß geltend machen, damit der betreffende Knabe das ibn passende Fach wählt. Zwang sollte in dieser Be-; ziehung niemals ausgeübt werden, denn nur in einem Beruf, den Jemand von Anfang an mit Lust und Liebe betreib!, wird er voraussichtlich etwas Tüchtiges leisten, und dadurch sich selbst und der Allgemeinheit nützen, l Wenn die Einführung dieser Erziehungsmethode '■ an Den öffentlichen Schulen aus verschiedenen Gründen i vortäufig in manchen Fällen noch kaum zu überwinj benDc Schwierigkeiten verursacht, so sollte doch darauf! Bedacht genommen tvcrden, an allen jüdischen Waisen-! Häusern und geschlossenen Erziehungsanstalten damit! zu beginnen, soweit dies nicht bereits geschehen ist. Ein! Jeder, der dafür Interesse hat, kann durch einen Besuch der Jsraelitisehen Erziehungsanstalt in Ahlem sich von! der heilsamen Wirkung dieser Erziehungsweise über-! zeugen. Die dort befindlichen Knaben unter 14 Jahren! erhalten neben dem Unterricht einer guten Volksschule, > Unterweisung in Papp-, Hobel- und anderer Holz- 1 üiLu'ir und bearbeiten ganz allein, allerdings unter Aufi ficht und Anleitung der Lehrer, einen Schulgarten von , ungefähr 1 Morgen. Es ist wahrhaft herzerquickend, | zu beobachten, mit welcher Luft und Liebe die Kleinen; in Krem Garten graben und alle Arbeiten verrichten. ■ welche für den Gemüsebau, die Blumenzucht, die Ddst i baumpKkge w. erforderlich sind. Diese Arbeiten be- - reiten den Kindern ciu solches Vergnügen, daß sie une-n.'msorder: einen großen Tbeit ihrer freien Zeit im Sehnigen ..on zubriugen. Mit Stolz zeigen sie dann : Fremden die rinnen Früchte, welche sie gezogen haben, s die auf jeder Ansstellnng prämiirt werden würden. Die! Frückue. tvelche rob zu verspeisen sind, ner leiten die! Kna.d-m unter sieb zum eigenen Genuß, während die : auoe.u zum '.'A'arttpreise in die Küche geliefert werden. Das Geld wird alsdann zu einem gemeinsamen Ans! sing oerloendet. Einige der besonders schönen Früchte! und B!rnnen oflegen die Knaben aus eigenem Antriebe j ihren Wohltbätern. beispielsweise den Aerzten, welche! ße behandeln, und den Ehrendamen zum Gescheut zu j machen. Das Gefühl, wenn auch nur einen Keinen i Tbeit ihrer Dankesschuld auf diese Weise abtragen zu können, erbebt ihr Selbstbewußtsein. Dasselbe ist der Fall, ivenn sie die selbstgesertigten Papp- und Holz-! arbeiten ihren Verwandten und Freunden schenken ( können. IKn Knaben in dieser Weise zu unterrichten, sind aber Lehrer erforderlich, die nicht nur in Handfertigkeit oder Gartenbau geübt sein müssen, sondern denen diele Beschäftigung anch Vergnügen bereitet. Folglich! muß unser Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein, jüdische Lehrer derart gründlich auszubilden. Vor l einiger Zeit schrieb mir ein mehrfach genannter jüdischer : Schulmann, der zweifelsohne von den besten Absichten j geleitet wurde, er habe für jüdische Lehrer einen 10- I tägischen Kursus für Gartenbau und Handfertigkeit eingerichtet. In dieser kurzen Zeit also mit Berückj sichtignng des Sabbaths in 9 Arbeitstagen, sollten die i jungen Leute nicht nur die verschiedenen Zweige des