Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1901)
- Date
- 1901-01-24
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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W 160 hielt, mittheilte, sind die meisten Manuscripte von ihm druckreif hergestellt, und es wäre eine edle Aufgabe der jüdischen Kunstmäcene, der hochverehrten Wittwe die Mittel zu bewilligen, damit diese herrlichen Geistesschätze zur allgemeinen Benutzung den wiffenschaftlichen bezw. den gebildeten Kreisen zugänglich gemacht würden. Man kennt im Allgemeinen Salomon Löbel Pleßner in seiner Eigenschaft als Gelehrten und Forscher, man weiß auch, daß er ein vorzüglicher Redner war, welcher die deutsche Sprache wunderbar meisterte, und zwar schon zu einer Zeit, als die deutsche Bildung und Homiletik noch nicht Gemeingut aller jüdischen Kanzelredner in Deutschland war. Daß er aber auch zu den bedeutendsten und glühendsten Patrioten gehörte, ist nicht so allgemein bekannt geworden. Ich erfülle deßhalb heute hier ein Vermächtniß, welches mir von meinem verewigten Freunde übertragen wurde, diesen Zug in dem Charakter Pleßner's zu vervollständigen, indem ich aus der Fülle der von ihm gehaltenen vaterländischen Reden einige der bedeutendsten hier hervorhebe, welche den Beweis dafür liefern werden, daß auch die jüdischen Prediger schon in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ihr Schärflein dazu beigetragen haben, innerhalb des Judenthums die Liebe zu König und Vaterland zu hegen und zu pflegen. Anläßlich der 26jähr. Thronbesteigung Friedrich Wilhelm III. am 17. November 1822, hielt Salomon Löbel Pleßner, der damals israelitischer Religionslehrer in Breslau und noch ein sehr junger Mann war. eine intereffante Predigt über die „wahre Königswürde," welche auf Verlangen viele seiner Verehrer in Druck gegeben wurde und im genannten Jahre in Breslau erschien. Als Motto ist der Predigt das Wort Koheleths vorgedruckt: „Heil Dir, o Land, dessen Fürst ein Biedermann ist!" Als Text ist der Psalmist, Kapitel 46, Vers 6—8, gewählt und führt der Redner des Textwortes den Gedanken durch, daß Gott von den Landesfllrsten ein Dreifaches fordere, er solle standhaft, gerecht und wohlwollend sein. — Diese drei Tugenden seien die schönsten Edelsteine im Diadem der Krone. Auf das Leben Friedrich Wilhelm III. hinweisend, verglich er ihn mit einem zweiten David und sagte dann wörtlich: „Wenige Jahre nur nach seiner Thronbesteigung genoß er eine ungestörte Ruhe. Ja, bald ward der heitere Himmel seiner Regentschaft von einem verderbendrohenden Gewitter umzogen, kaum hörte man am entlegenen Himmel Frankreichs den heranziehenden Donner, als auch schon unser Landesvater von der zermalmenden Gewalt des Ungewitters ergriffen wurde, und wir sein theures Haupt schon verloren glaubten. Auch den einzigen Trost, seine holde Gemahlin, „die Freude seines Auges," die Königin Louise, riß der Sturm jener unheilvollen Tage ihm von der Seite und, was brauche ich es Euch zu schildern, was unser vielgeliebter Monarch zu bestehen hatte! Ihr kennt sie, Ihr habt sie gesehen und gehört. Ihr wisset es, wie ich, daß er in jenen Tagen sich in einer solchen Lage befand, daß er mit dem Propheten ausrufen konnte: „Nie, Ihr Wanderer alle, ist ein solches Unglück Euch begegnet, schaut nur her und seht, ob auch der Wunden eine meinen Wunden gleichet. Mich nur stellt das Unglück zur Zielscheibe seiner alten Pfeile auf.*) Aber sein Geist pflanzte die Hoffnung auf, ließ den Muth nicht sinken, verzweifelte nicht an seines Volkes Treue, an seiner gerechten Sache, an seiner Gottesrettung. Er erhob sich und hauchte durch die Kraft seiner Worte Muth und Leben seinem Volke ein. Und selbst zog er, ein kämpfender Held, an seiner Streiter Spitze, und immer rüstigere Standhaftigkeit und immer festerer Muth beseelte ihn, gebaut auf seine eherne Zuversicht zu Gott, und sein begeistertes Losungswort: „Gott mit uns, und ihm allein die Ehre!" entflammte das treue, deutsche Heer und lieferte glorreich jene weltberühmten Schlachten, die unvergeßlich bleiben werden, so lange es Menschen aus der Erde geben wird. Gebeugt war jetzt das stolze Haupt des Weltbezwingers und gestopft die Quelle, aus welcher Jahrzehnte lang der schreckhafte Blutstrom erwürgter Millionen geflossen, und entwölkt war der Himmel des preußischen Thrones, und ihm aufgegangen eine goldene Sonne des Friedens in verjüngter Heiterkeit und blühender Schönheit." Doch nicht allein den standhaften, sondern auch den gerechten König, der das Wort des Propheten Jesaias (32,1) beherzigt, daß ein König nach Gerechtigkeit regieren und die Fürsten nach ihm im Reiche herrschen müßten, feierte Pleßner in Friedr. Wilhelm III.; er rühmte ihm nach, daß er sich zu keiner Zeit einer Rechtsverleugnung und Willkür im Thun und Handeln zu Schulden kommen ließ. Stets sei er darauf bedacht gewesen, jedem seiner Unterthanen Gerechtigkeit zu Theil werden zu lassen, nach dem Motto der Hohenzollern: 8uuin cuique. Auch Wohlwollen habe er in reichstem Maße besessen. Selbst die Strafen, welche er für Missethäter angeordnet, haben das unverkennbare Gepräge sanfter Menschlichkeit und nachsichtsvoller Milde an sich gehabt. Menschenleben und Menschenwürde habe er ungemein hochgeschätzt. Besonders die „preußischen Juden" hätten daher alle Ursache, anläßlich der 26jährigen Feier der Thronbesteigung des Königs, ihm ihren innigsten Dank an den Tag zu legen. „Was waren wir vor ihm," ruft er aus. „und was sind wir unter seiner sorgsamen Aufsicht und wohlthätigen Regierung geworden? Wir waren der Gegenstand schnöder Verachtung, gebunden unsere Hände, an nichts durften wir Antheil nehmen, was den Menschen veredelte, nur auf eine entehrende, den sittlichen Menschen herabwürdigende Weise konnten wir unser Brod verdienen. Verschlossen hielt man uns die Tempel der Kunst und der Wissenschaft. Da erschien *) Jeremias Klagelieder.