Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1901)
- Date
- 1901-01-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Es ist darum nicht zu verwundern, daß in ganz Italien sich überhaupt nur 40,915 Juden befinden. Gleichwohl senden diese 40,000 fünfzehn i Stammesgenossen in die italienische Zweite Kammer.! De anderen großen Staaten Europas beherbergen! weit mehr Juden als Italien. Allen voran Rußland j mit 2,050,000; Oesterreich-Ungarn mit 1,869,000; Deutschland mit 597,000; die Türkei mit 350,000; Rumänien mit 300,000. Frankreich (Algerien mit einbegriffen) hat deren 170,000; England 150,000; Belgien und Holland 100,000; Bulgarien 25,000; Serbien 15,000. All' die übrigen europäischen Staaten halten sich bescheiden unter 10,000; Spanien verzeichnet sogar nur 2500 Juden. Unter den Erdtheilen steht natürlich Europa j obenan: es zählt 6,400,000 Juden. Dann folgt Asien j und Amerika mit je 800,000; Afrika mit 660,000; i Australien mit 19,000. Die größte jüdische Gemeinde I der Welt besitzt Newyork: sie ist rund 350,000 Seelen stark. Auf Newyork folgt sogleich Warschau, das bei der letzten Zählung 231,678 Juden verzeichnete. In der ganzen Welt leben mithin 8,679,000 Juden. England. London. Dieser Tage starb dahier in ihrer Wohnung nach kurzer, aber heftiger Krankheit, im Alter von 66 Jahren, die bekannte Philantropin Frl. Emily Harris, die in Eastwie in Westlondon, in den Palästen der Millionäre wie in der Dachstube der Armen als „Tante Emily" sich einer großen Popularität erfreut hatte. Miß Harris entstammt einer jüdischen Lehrerfamilie, die fast das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch in London jüdischen Religionsunterricht ertheilt hat. Auch Miß Harris war, wie ihre Mutter, Religionslehrerin, und sie wußte ihre Schülerinnen derart an ihre Person zu feffeln, daß diese auch nach Verlaßen der Schule und ihr ganzes Leben hindurch mit abgöttischer Liebe an ihrer Lehrerin hingen. Andererseits besaß auch Tante Emily eine fast schwärmerische Vorliebe für junge Mädchen, die sie in Abendschulen und Clubs zu organisiren wußte. So entstanden in London die beiden jüdischen Mädchenklubs des West- und East-Ends, und so hielt sie die Freitag-Abendschule sowie die Sabbatschule zusammen. Um nach wie vor die Sabbatschule leiten zu können, verließ, sie ihre Wohnung im Westen und zog nach dem Osten, da es ihr immer schwerer wurde, am Sabbat den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Neben der Erziehung der jungen Mädchen zur Religiosität, Wohlthätigkeit und activen Theilnahme an den Leiden ihrer jüdischen Stammesgenoffen, opferte Miß Harris den Rest ihrer Zeit der werkthätigen Nächstenliebe. Sie begann damit schon zu einer Zeit, da die russischen Juden in London noch in geringer Anzahl vertreten und Noth und Elend unter den englischen Juden noch eine seltene Erscheinung waren. Sie stand mit allen jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen in lebhafter Verbindung und ihr Wohlthätigkeitssinn beschränkte sich nicht allein auf Juden, sondern erstreckte sich auf alles, was Gottes Antlitz trug. Wenn aber ihre Güte und Mildthätigkeit sich über Juden und Nichtjuden ergoß, so blieb doch die discrete Art, wie sie die Armen unterstützte, echt jüdisch, und nach der Art unserer frommen Väter gab sie so, daß die Linke nicht wußte, was die Rechte that. Die Mittel zu ihrer Wohlthätigkeit flössen ihr stets überaus reichlich zu, da die treue Helferin der Armen zugleich die vertraute Freundin der Reichen war, welche die von ihnen für wohlthätige Zwecke bestimmten Summen gern Tante Emily anvertrauten, wohl wissend, daß das Geld die richtige Verwendung finden wird. — Auch schriftstellerisch hat sich Miß Harris hervorgethan. Nebst einer großen Anzahl von Novellen und Erzählungen für jüdische Töchter, schrieb sie biblische Erzählungen und war eine fleißige Mitarbeiterin jüdischer Zeitschriften und Journale. Die Beerdigung gestaltete sich zu einem großen Kiddusch-Haschem und zu einer Manifestation der Londoner Bevölkerung für die überaus populäre „Anef Emily," die mit ihrem schlichten, schwarzen Kleide und dem glattanliegenden, in der Mitte gescheitelten Haare in mehreren Vierteln Londons eine wohlbekannte Erscheinung war. Zu den Rothschilds und anderen Londoner Millionären, die dem Sarg der Verblichenen folgten, gesellten sich Tausende von Armen, die ihrer Wohlthäterin die letzte Ehre erweisen wollten, und als die Erdschollen klirrend auf den Sargdeckel fielen, weinten Männer, Frauen und Kinder ihr bittere Thränen nach. Mit Miß Harris starb eine der edelsten Vertreterinnen des jüdischen Weibes in England.