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Der Israelit · 1901-01-17 · Heft 5 (17.1.1901) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 5 (17.1.1901)
Date
1901-01-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nach beendetem Morgengottesdienste begaben sich die Gemeindemitglieder sämmtlich in die Wohnung des Jubilars und wurde ihm, nach einer Ansprache des Cultuskassiers, Herrn Josef E p st e in , worin derselbe die ersprießliche Wirksamkeit des Jubilars würdigte, als Ehrengabe ein prächtiger silberner Pokal mit Widmung überreicht. Der Jubilar dankte in bewegten, herzlichen Worten für die ihm zu Theil gewordene Ehrung. Zahlreiche Glückwünsche aus Nah und Fern liefen im Laufe des Festtages ein. Herr Stadtpfarrer Frhr. v. Löffelholz. Vorstand des Armenpflegschaftsrathes der Stadt Harburg, welchem der Herr Jubilar in seiner Eigenschaft als Cultusvorstand angehört, sowie auch Herr Bürgermeister Lindenmeier, gratulirten in herzlichen Worten, nachdem der Herr Jubilar auch längere Zeit das Amt eines Gemeindebcvollmächtigten in hiesiger Stadt bekleidete. Insbesondere dankte Herr Stadtpfarrer Frhr. v. Löffelholz für die Treue und Gewissenhaftigkeit, mit der der Gefeierte seinen Verpflichtungen als Mitglied des Armenpflegschaftsrathes nachgekommen ist. Möge es dem Herrn Cultusvorstand Stein vergönnt sein, noch recht viele Jahre sein Amt in Rüstigkeit und Gesundheit weiter zu führen, zum Segen und Wohle seiner Gemeinde! Aus Süddeutschland. Man kann über das Wirken des „Badischen Oberrathes der Israeliten" in reli-, giöser Beziehung verschiedener Ansicht sein; sein Wirken für die soziale Besserstellung der Juden in Baden müssen auch seine Gegner rückhaltlos anerkennen. Sein neuester Aufruf nach dieser Seite lenkt die Aufmerksamkeit der Juden auf wahrhaft große Ziele; diese näher zu beleuchten soll nicht die Veranlassung dieser Zeilen sein. Aber eine Thatsache, die uns schon früher ausgefallen, erscheint uns in diesem Aufrufe noch auffallender. Unter den 70 Unterzeichnern des Aufrufs findet sich nicht e i n Lehrer, weder ein Hauptlehrer, noch ein Religionslehrer; während mit einer einzigen Ausnahme sämmtliche Rabbiner unterzeichnet sind. Wer verbreitet denn die Ideen des Oberrathes auf dem Lande? Doch meistens die Lehrer, und da sollte sich in Baden, das einen gediegenen Lehrerkreis besitzt, nicht ein Lehrer finden, der würdig gewesen wäre, den Aufruf mit zu unterzeichnen? Es ist dies wirklich merkwürdig! O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 16. Jan. (Reichsrathswahlen.) Die Niederlage des Antisemitismus ist unstreitbar. Die Antisemiten geben zwar zu, daß die Christlich-Sozialen eine Niederlage erlitten haben, aber sie trösten sich damit, daß die antisemitischen Stimmen und Mandate im Ganzen einen namhaften Zuwachs erfahren hätten. Die genaue Rechnung über den Zuwachs ist noch nicht aufgestellt, also ein endgültiges Urtheil darüber noch nicht möglich. Dagegen bleibt 106 die Thatsache bestehen, daß der Antisemitismus in der Neichshauptstadt eine schwere Schlappe davongetragen hat; zwei Sozialdemokraten sind gewählt, Geßmann ist geschlagen und Lueger selbst hat nahezu 2000 Stimmen weniger erhalten, als vor vier Jahren. Auch bei den gestrigen Wahlen in der Städtekurie haben die Antisemiten schlecht abgeschnitten. Wien hat dem Antisemitismus die Macht gegeben, und Wien fängt auch zuerst an, sie ihm wieder zu nehmen. Mit dem Antisemitismus hat auch der Klerikalismus, der ihn offen und insgeheim mit dem größten Nachdruck unterstützte, eine schwere Schlappe erhalten. Es ist dies die gerechte Strafe für die hinterlistige Politik der katholischen Volkspartei. Ihre Führer waren es, die das christlich-soziale Antisemitenthum als Vortruppe hielt und sogar in die deutsche Gemeinbürgschaft eintreten ließ, um die Wirksamkeit dieser Gemeinbürgschaft desto sicherer zu verhindern. Die Führer der katholischen Volkspartei waren es, die dem Dr. Lueger das Aufkommen ermöglichten, ihm die Wege bahnten, ihn mit der Regierung und mit dem Hofe versöhnten und ihn bei allen Wahlen mit Geldmitteln reichlich unterstützen ließen. Aber die Nemesis blieb nicht aus, und sie ist nicht ohne ironischen Beigeschmack. Die Klerikalen haben sich in Dr. Lueger einigermaßen getäuscht. Der gegenwärtige Bürgermeister von Wien ist kein Mann, der immer nur nach der Pfeife Anderer tanzt, sondern er will auch selbst pfeifen und Andere tanzen lassen. Als Baron Di Pauli im Kabinet Thun Handelsminister war und nicht that, was Dr. Lueger wünschte, hat er es mit diesem gründlich verschüttet. Dr. Lueger zeigte nun, daß er den geistlichen Herren im Agitiren über ist, indem er geschickt die deutschen Interessen gegen den slavenfreundlichen Führer ausspielen ließ. Im Uebrigen bestätigt die gemeinsame Niederlage der Antisemiten und der Klerikalen die enge Verbindung, die zwischen beiden Parteien besteht. Es mögen manche Antisemiten es nicht ahnen und nicht glauben, daß ihre Agitation die Vorbereitung der klerikalen und dann auch der politischen Reaktion ist und daß der Antisemitismus im Grunde nur für den Klerikalismus arbeitet, aber die Geschichte ist da, um diesen Zusammenhang auch sonst zu beweisen. Michelet sagt in seiner Geschichte Frankreichs: „So oft im Mittelalter das Uebermaß des Elends die Bevölkerung zur Verzweiflung trieb und der menschliche Geist sich fragte, warum denn diese schöne Erde, die der Kirche sklavisch diente, in eine Hölle verwandelt war, beeilte sich die Kirche, den Sturm zu ersticken, indem sie die Schuld auf die Juden schob. So 1348, als die Flagellanten die Priester, als Ursache des Elends, zu morden begannen; der Streich wurde geschickt auf die Juden abgelenkt, indem man den Fanatikern das Blut gab, nach dem sie dürsteten. Im 16. Jahrhundert wiederholte sich derselbe Vorgang. Die Bauern empörten sich und hatten es namentlich auf die geistlichen Grundherren und den enormen Reichthum

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