Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1901)
- Date
- 1901-01-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449150--52385-2502929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
51 für verrückt erklärte. In seinem berühmten Romane „Perewal" figurirte ein verthierter Gutsverwalter, der ein besonderes Vergnügen darin fand, ein jedes wehrlose Geschöpf, sei es Mensch oder Thier, zu martern. Diese Bestie in Menschengestalt läßt Bobrykin auch in Judenhaß machen und beim Peinigen von Juden einen Hochgenuß empfinden. „O könnte ich ste doch in ihrem eigenen Fett schmoren lasten!" läßt er seinen antisemitischen Helden ausrufen. In einer anderen Erzählung „Mit dem Mörder" stellt er die Antisemiten allen Ernstes als Verrückte hin, die an der bekannten von Charcot beschriebenen Krankheit der räsonnirenden Manie (Manie raisonante) leiden. „Die Leute gehen wie geladen umher," so kennzeichnet Bobrykin den Antisemitismus, „und ihr Stimulus ist der Judenhaß. Ein solcher Antisemit verfolgt selbst seine oberflächlichsten Bekannten unablässig mit dem, was sein krankes Gehirn stets beschäftigt. Er kann buchstäblich nicht den Mund aufthun, ohne daß sein drittes Wort „die Judenmauschels" wäre. Manche von ihnen sind überhaupt nicht im Stande, von etwas Anderem zu reden, als von den Juden. Und solche maniakalischen Leute gelten als ganz normal, so lange sie überhaupt noch im Stande sind, zusammenhängend zu reden." Diese seine Beobachtung des berühmten russischen Dichters wird Mancher bestätigen können, welcher oft Gelegenheit gehabt, das Gebühren der Antisemiten zu beobachten. Schon das Bestreben, die überall in verschwindender Minderheit lebenden Juden als den Mittelpunkt der gesammten Menschheit und die einzige Quelle aller Uebel hinzustellen, ist eine pathologische Erscheinung. Dennoch aber wäre es gewiß falsch, wollte man alle Antisemiten als verrückt hinstellen. Reben den vielen, an der „Manie raisonante" leidenden gibt es unter den Antisemiten unzweifelhaft ganz vernünftige und kluge — Schufte, die, ohne im geringsten verrückt zu sein, aus gewinnsüchtigen Motiven mit kaltem Blute gegen die Juden Hetzen. Bobrykin aber hat mit seiner psychologischen Beobachtung eine neue antisemitische Spielart entdeckt, welche wohl werth ist. von Aerzten und Psychologen eingehender studirt zu werden. T. — Das provisorische Comitee zur Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden Rußlands, welches trotz des Provisoriums schon seit 20 Jahren thätig ist, wird demnächst einen Bericht über seine 20jährige Thätigkeit veröffentlichen. Die Einnahmen des Eomitees für die Zeit von 1880—1899 erreichte die stattliche Summe von 1,881,000 Mk. Davon waren 616,000 Mk. Einnahmen aus zinstragenden Papieren und 266,000 Mk. laufende Einnahmen. Den Rest bilden einmalige Spenden für spezielle Zwecke. Mschenrw. Das Hilfswerk in Bessarabien ist nahezu beendet und die einzelnen Eomitees, welche das große Werk edelster Bruderliebe bis jetzt geleitet haben, beginnen über ihre Thätigkeit Rechenschaft abzulegen. Die Hungersnoth brach im Herbst vorigen JahreS aus. Im Dezember begannen gleichzeitig an vielen Stellen die Sammlungen für die nothleidenden Juden, nachdem es bekannt wurde, daß die Regierung, welche für die Bauern in Bessarabien viel gethan hat, für die nothleidenden Juden dieses Gouvernements nichts zu thun gedenke. Die an Hunderten von Stellen gesammelten Gelder flössen;a drei Kanälen nach Bessarabien ab, indem sich a. mählich drei Eomitees gebildet hatten, welche die nothleidende Gegend derart unter sich vertheilten, daß jedes Comitee einen genau umschriebenen Wirkungskreis erhielt. Das Petersburger Comitee, welches durch die Redaktion des in russischer Sprache erscheinenden „Woschod" 64,966 Rubel gesammelt batte, verausgabte in seinem Wirkungskreise, in den Gebieten von Akkermann, Saroki und Bjeletz 57,012 Rubel. Das Moskauer Comitee. welches die Beiträge aus dem ganzen Innern Rußland sammelte, konnte nur 18,000 Rubel aufbringen. Sein Vertrauensmann, Herr Dr. Ollenstein, dessen segensreiches Wirken an dieser Stelle s. Zt. mehrfach gewürdigt wurde, hat sich den Kreis Ismail als Schauplatz seiner Thätigkeit gewählt. Da ihm aus diesem Kreise selbst über 7000 Rubel zugeflossen sind, konnte er 26,000 Rubel für das Hilfswerk verwenden. Den überwiegenden Theil der Beiträge erhielt jedoch das Odessaer Comitee, dem nebst reichen Beiträgen aus Rußland selbst, noch sämmtliche Erträgnisse aus den im Auslande veranstalteten Sammlungen zugeflossen sind. Der Rechenschaftsbericht dieses Eomitees ist aber noch nicht erschienen, da noch viel Elend in der von der Hungersnoth heimgesuchten Provinz zu beseitigen ist und das Odessaer Comitee seine Thätigkeit noch nicht für abgeschlossen hält. T. Türkei. Konstantinopel. Die „Pol. Corresp." schreibt: Die kürzlich signalisirte Verfügung der Pforte, welcher zufolge sich die, sei es zu Handelszwecken oder als Pilger, nach Palästina begebenden Israeliten daselbst nicht länger als drei Monate aufhalten dürfen, bildet, wie man aus Constantinopel berichtet, die Fortsetzung einer seit Jahren eingeleiteten Action, die auf die Verhinderung der dauernden Niederlassung ausländischer Juden in der bezeichneten Provinz abzielt. Trotz der jedesmal wiederholten Proteste der Botschaften, die sich auf das im Anschlüsse an den Pariser Vertrag erlassene Gesetz berufen, welches den Angehörigen der fremden Staaten das Recht freier Ansiedelung in allen Theilen der Türkei zuerkennt, hat die türkische Regierung die betreffenden Anordnungen mehrere Male erneuert. In die Reihe dieser Maßnahmen gehört auch das Verbot, demgemäß Israeliten überhaupt in Palästina keine unbeweglichen Güter erwerben dürfen, womit man auch für die Verhinderung von Bodenerwerb durch aus ländische Israeliten eine Rechtsgrundlage gewinnen zu