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Der Israelit · 1901-01-10 · Heft 3 (10.1.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 3 (10.1.1901)
Date
1901-01-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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42. Jahrgang. Erste Anlage zu Jß 3 des „Israelit". Leitender Artikel. > Assimilation. 4 ^- Unter diesem Titel ist soeben eine Broschüre in französischer Sprache erschienen, welche die jüdischen Ässimilationsbestrebungen in gründlicher Form einer eingehenden Betrachtung unterzieht.*) Der Ursprung, aus dem sich diese Bestrebungen herleiten, was an ihnen berechtigt und nicht berechtigt ist, ihre Erfolge und vor allem ihre Mißerfolge, die betrübenden Consequenzen, zu welchen diese Bestrebungen bereits führten und noch in Zukunft führen werden, sind in so warmer, überzeugender, von acht jüdischem Geiste getragener Darstellung hier behandelt, daß das Buch nicht verfehlen wird, das aktuelle Interesse, welches dieser jüdischen Zeit- und Streitfrage jetzt allgemein entgegengebracht wird, noch wesentlich zu steigern. Wir glauben den Geist und die Gesinnung der trefflichen Schrift nicht bester charakterisiren zu können, als indem wir das Schlußkapitel hier in deutscher Uebersehung folgen lassen. Der „Dringende Aufruf" enthält in Kürze Tendenz und Inhalt der ganzen Broschüre und wird nicht verfehlen, viele der französischen Sprache kundige Leser zu veranlassen, sich die Schrift selbst anzuschaffen und sich in deren reichen Inhalt zu vertiefen. Dieses Capitel lautet: Dringender Aufruf. Wollt Ihr ihn, junge Generation in Israel? j Wollt Ihr den Verlust, den Ruin, das Verschwinden der jüdischen Eigenart? Könnt Ihr das wollen? Wollt Ihr so viele Jahrhunderte des Sieges und der Leiden verleugnen? Verleugnen Eure Vorfahren, all' die Märtyrer, die, inmitten der Versuchungen, felsenfest ihrem Gesetz treu blieben, die, um ihre Mission zu erfüllen, jeden Tag ihres Daseins, so trübe es auch war, diesem weihten? Könnt' Ihr dies wollen, ohne gleichzeitig die großen Ideen zu verleugnen, die Israel berufen, in der Menschheit zu verwirklichen, die messianische Idee, die Idee der Verbrüderung aller Menschen, des Friedens und des Glückes? Es ist nickt zu verkennen. Die jetzige Generation bat schon sehr empfindliche Verluste erlitten, in Beziehung auf ihre ererbten Eigenschaften, Verluste, die i von Jahr zu Jahr sich vergrößern: Das Familienleben wird vernachlässigt, das Band zwischen Eltern *) Der volle Titel tautet: Assimilation par L. K. Amitai. Braxelle« Voc. Michel van Pantzig, rue du Midi 29. 1900. und Kindern, zwischen Geschwistern wird gelockert J) , die heiligen Ueberlieferungen des Familienlebens, die Sittenreinheit verlieren sich allmälig,?) die Bescheidenheit wird immer seltener, die Mäßigkeit ist im Vergleich zu früher nur noch wie ein Schatten, das Pflichtgefühl sinkt von Tag zu Tag und die Opferfreudigkeit ist im Aussterben begriffen. Wenn der Idealismus auch noch in manchen edlen Herzen sortbesteht, so hat leider auch er die Richtung geändert. Nicht mehr die heiligen Regungen der Seele sind sein Gegenstand, sondern die auf das materielle Wohl sich beziehenden Probleme. Die Wissenschaft, indem sie sich zu seiner unterthänigen Dienerin macht, ist, indem sie sich zu dieser entwürdigenden Rolle hergibt, dem Materialismus dienstbar geworden. Das Judenthum verdammt mit Nichten den Genuß eines materiellen Wohlergehens; aber dieser Genuß darf nicht das höhere Interesse des Idealismus vergessen lassen. Und ich frage nochmals: Könnt Ihr, Söhne Eurer Väter, Nachkommen Eurer Ahnen, für immer aufhören Ihr selbst zu sein? Könnt Ihr Eure Rasse beleidigen, Euer Blut verleugnen? Aber o wunderbare Erscheinung! O geheimnißvoller Weg der Vorsehung! Wenn Ihr es auch wolltet, Ihr entarteten Kinder, Ihr wäret nicht im Stande. Eure widersinnigen Träume, Eure verbrecherischen Wünsche zu verwirklichen. Leugnet nur die Mission Israels, sie wird darum nicht weniger siegen; leugnet nur die Vorsehung, sie wird deßhalb nicht weniger die Schicksale der Völker vorbereiten und wird die Handlung der durch sie gewählten Faktoren mit dem gewünschten Endziele zusammen fallen lassen; ihr Werk wird sich trotz Euch vollenden! Ihr werdet den Boden mit vertrockneten Blättern bedecken, aber nicht im Stande sein, den Baum zu entwurzeln, denn sein Stamm ist unerschütterlich, seine Wurzeln sind in den Grund fesiversenkt, der mit der Erde ein Ganzes bildet. Sonderbare Thatsache übrigens, die ihre Klügelei zerstört; die trockenen, durch den Wind fortgetragenen Blätter vermischen sich nicht mit den anderen Blättern, liegen gesondert auf dem Boden und selbst, nachdem sie Staub geworden, bleibt dieser widerspänstig, vermischt sich nicht mit dem ibn umgebenden Erdstaub und wird nur Dornen und Disteln Hervorbringen. (Nach einem Bilde des Propheten Ezechiel.) Wahrlich, es ist eine wunderbare Anordnung der Vorsehung, die Völker weigern sich, Euch als gleichj werthigen Theil ihres sozialen Körpers aufzunehmen, sie stoßen Euch zurück, und wenn Ihr Euren Ursprung. Eure Bestimmung vergessen wolltet, so vergessen s i e 1) Micka VII. 0. 2) Ezech. XII. 2.

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