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Der Israelit · 1900-12-27 · Heft 102-103 (27.12.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 102-103 (27.12.1900)
Date
1900-12-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2153 haben den Frieden in allen Tonarten, in Prosa und in Versen gepriesen und besungen, von dem alttestamentarischen Priestersegen angefangen, der in den erhebenden Wunsch ausklinget: Und verleihe Dir Frieden! — bis hinab zu dem Schiller'schen Ausrufe: Holder Frieden, süße Eintracht! Was dann erst, wenn der wirkliche, leibhaftige Krieg gewüthet bat mit all' seinen Schrecken, als welcher der grausigste der ist, daß die Vlüthe der menschlichen Jugend das Vaterhaus und die greisen Eltern verlassen muß, um hinaus zu ziehen zum eisernen Würfelspiel, die unbewehrte Brust dem tädtlichen Geschosse preiszugeben? Das gänzliche Stagniren von Handel und Wandel, zerstörte Saatfelder, niedergebrannte Ortschaften. das Heer furchtbarer Krankheiten, welche die Kriegsfurie im Gefolge hot, lassen dann die Friedensbotschaft zu einem einzigen Jubelschrei werden, welcher Stadt und Land bis in den entlegendsten Erdenwinkel durchhallet, und die Herzen von Millionen Menschen in einem, einem Dankgebete vereinet! Diese Wirkung hakte auch der Prager Frieden vom 3. August hervorgebrachk. Während das aus tausend Wunden blutende Oesterreich in dem Friedensschluffe das Ende so vieler Qualen und Demüthigungen erblickte und sich freute, in ruhiger, friedlicher Arbeit alsbald die Schäden auSzubeffern, welche dieser kurze, aber desto unglücklichere Krieg ihm geschlagen, durchbrauste das siegreiche Preußen wohlbegründete Siegesfreude. Ueberall wurden Vorbereitungen gemacht, die beimkehrenden Sieger auf's Festlichste zu empfangen. Dollar Goldenkron's Vaterstadt hatte ebenfalls Festgewand angelegt, als das heimische Regiment vom Kriegsschauplatz heimkehrend. hier einrücken sollte. Die treue Schlesierstadt hatte nicht nur alle Häuser, Tbürme bis in die entlegendste Vorstadt beflaggt, auch Gewinde von Reisig, mit Blumen untermischt, schlangen sich von Fenster zu Fenster, von Balkon zu Balkon. Umgeben von Blattpflanzen und Blumenschmuck waren in den Fenstern die Bilder und Statuetten des Königs und der Königin, des Kronprinzen und aller Mitglieder des königlichen Hauses, sowie der vornehmsten Heerführer ausgestellt, inzwischen Bibelverse angebracht, welche auf die Bedeutung des Tages hinwiesen. Eine festlich geputzte Menge in gehobener Stimmung durchwogte alle Gaffen und Plätze der Stadt. Aus dem Rathhause wurden große Vorbereitungen getroffen, weil daselbst am Abend dem Offizierskorps von der Stadt ein Banket gegeben werden sollte. Wohl gab es in dem glückstrahlenden Breslau gar viele, welche mit stillem Schmerze dem allgemeinen Jubel gegenüberstanden. Es waren diejenigen, loelche mit dem Leben oder der Gesundheit ihrer Theueren die Kriegsschuld ablegen nrußten, die unglücklichen Mütter, ) Kinder, doch alle diese waren so taktvoll gewesen, den so vollberechtigten Schmerz in ihren vier Wänden zu j verbergen, um keinen Mißton in die allgemeine Freude > hineinzutragen, und nur höchst selten gewahrte man eine in Trauer gehüllte Damengestalt flüchtig über die Gasse eilen. — Schaarenweise strömte Alles dem Platze zu, wo die kunstvolle Triumphpforte errichtet war. durch welche die siegreichen Truppen einrücken sollten. Die Stadtvertretung, mit dem Bürgermeister an der Spitze, erwarteten die Ankommenden; die Studenten in voller Wichs, die sämmtliche Schuljugend mit dem Lehrkörper, alle unisormirten und nicht uniformirten Vereine bildeten Spalier von der Triumphpforte bis zum weitentlegenen Rathhause, vor welchem die katholische und protestantische Geistlichkeit nebst dem Rabbinat der israelitischen Enltnsgemeinde Aufstellung genommen hatte, um die Heimgelehrten zu begrüßen, und den Gefallenen einige Worte treuen Gedenkens zu widmen. Hinter dem Spalier stand eine nach Tausende zählende Menge dichtgedrängt, Kopf an Kopf. Die Fenster der Straßen, durch die sich der Zug bewegen sollte, waren dichtbescpt von geputzten Damen und lieblichen Kindern. Die auf den Ballonen sitzenden Damen hatten vor sich einen Korb mit Blumen stehen, welche sie den einziehenden Siegern zuwersen wollten. Gar manches Herz bebte da in freudiger Erwartung, wenn es desjenigen gedachte, der nach langer, langer Abwesenheit heute wieder zurückkehren sollte in die Arme derjenigen, die um ihn so schmerzlich gebanget und so andächtig gebetet hatten. Alle diese Vorbereitungen galten dem Regiment, in dem auch Doktor Goldenkron diente. — Da mit einem Mal ging ein Gemurmel durch die tausendtöpfige, erwartungsvoll erregte Menge. Eine Staubwolke wurde sichtbar, man vernahm Pferdegetrappel and Gewehrsalven kündigten die Ankunft der Erwarteten an. Rach kurzer Zeit zog das Regiment unter klingendem Spiele durch die Triumphpforte ein. Da wurde Halt gemacht. Ein liebliches Mädchen im weißen Kleide mit einer Schärpe in den Landesfarben trat hervor und überreichte dem Führer mit einer kurzen Ansprache Namens der Bürgerschaft einen silbernen Lorbeerkranz, und nach kurzem Aufenthalte zogen sie weiter durch die festlich geschmückten Straßen, unter einem nicht endewollenden Blumenregen und begeisterten Zurufen, dem Rathhause zu. Während alle Soldaten freudig und stolz umherblickten, die Zurufe und Grüße von Bekannten mii Lächeln enlgegennahmen und durch freundliches Kopfnicken erwiederlen, war es Einer, welcher es nicht zu wagen schien, den Kops zu erheben und die Augen aufzuschlagen. Dieser Eine war Doktor Goldenkron. Doch, als er an einem alterlhümlichen Giebelhause, an der Ecke einer zum Rathhanse führenden Gaffe, vorüberritt, konnte er es sich nicht versagen, auszublicken. um die beiden Frauen, die dort sicherlich standen, begrüßen zu können. Der Balkon, der die Vorderseite des Hauses schmückte, war wohl, wie alle anderen in dieser Reihe, dicht besetzt, jedoch von den beiden Frauen, welche er dort sicher zu sehen erwartete, war nur die eine anwesend. Tante

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