Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 101 (20.12.1900)
- Date
- 1900-12-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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41. Jahrgang. Zweite Aeilage zu M101 des „Israelit". Leitender Artikel. Meine schwerste Sorge, Von einem L a n d m a n n. (Schluß aus Nr. 08.) Bevor ich meine Kritik eröffne, mutz ich zu meiner Legitimirung als Kritiker ein Begegniß vorausschicken, das ich dieser Tage mit meinem Schuhmacher hatte, der mir schmunzelnd ein paar neue Stiesel ablieserte. Ich probire sie an und finde sie an der Ferse zu weit, an der Spitze zu eng, die Schäfte waren mir zu hoch und die Absätze zu niedrig, kurz, ich hatte eine ganze Menge voll Ausstellungen zu machen, bis meinem Meister Knieriem, der ohnehin dünne Geduldfaden ritz und er mich halb unwirsch, halb lächelnd fragte, ob ich die Stiefel denn besser machen könne, tadeln sei leicht, aber Bessermachen schwer. Ich entgegnete dem Frager, datz mir nichts ferner liege, als die Absicht zu tadeln. Aber unbeschadet seiner zweifellosen Ueberlegenheit als Schuhmachermeister, müsse ich doch besser wissen, wo mich der Schuh drückt, als er. Um das besser zu wissen, brauche ich nicht professioneller Schuhmacher, sondern nur Besitzer von zwei Füßen zu sein und hätte das Recht, zu kritisiren, ohne die Kunst des Bessermachens zu verstehen. Auch wo mich bei der Erziehung meiner Kinder der Schuh drückt, kann ich oft besser wissen, als der tüchtigste Schulmann, wenn ich auch nicht verstehe, es besser zu machen. Für unsere einsichtigen Pädagogen braucht das gar nicht erst gesagt zu werden. Die Verbindung von Schule und Haus, das Correktiv, das der eine Theil durch den anderen erfahren soll, ist ja der stehende Wunsch unserer Schulmänner und ist genau genommen dasselbe Berhältniß, wie es zwischen dem Schuhkünstler und den Fützen besteht, für die er arbeitet. Auch der Kranke weitz besser, was und wo es ihm fehlt, als der ihn behandelnde Arzt. Dieser Umstand gibt dem Kranken das Recht, seine Schmerzen zu klagen und die Mängel der bisher verordneten Rezepte zur Sprache zu bringen. Mehr will ich nicht; mehr kann ein simpler Landmann nicht wollen, dem die Sorge um die jüdische Erziehung seiner Kinder die Feder in die Hand drückt. Ich bin aus der Suche nach einer jüdischen Schule für meine Kinder und möchte die Gründe angeben, die mich bis jetzt nicht das finden ließen, was ich suchte. Ich suche eine Schule, in welcher jüdisches und anderes Wissen in gleicher Weise gepflegt wird, eine Anstalt, in welcher das alte jüdische Prinzip 'nsbn ne’ px -p-i oy nun mit Rücksicht aus die Anforderungen der Zeit seine volle unverkürzte Verwirklichung finde; nicht mehr, aber auch nicht weniger. -Um nicht mit leeren Worten zu streiten, füge ich sofort das Maß des px pn und der Thora bei, die eine solche Anstalt ihren Schülern beibringen soll. Die Grenze für das allgemeine Wissen wird zu verschiedenen Zeiten verschieden sein; heute geht man wohl nicht fehl, wenn man den Grad wissenschaftlicher Bildung als allgemeine Norm annimmt, den der Staat zur Berechtigung des Einjährig-Freiwilligen Dienstes vorfchreibt. Was eine solche Anstalt ihren Schülern an Thora beibringen soll, ist die hinlängliche Vertrautheit mit rnsse' min und mit ns hviv min um nach Verlassen der Schule selbstständig weiter bauen zu können. Also eine gewisse Routine in “pn und die Fähigkeit, ein Blatt ms: ohne Hilfe eines Lehrers selbstständig „lernen" zu können. „Dieses Matz von jüdischem Wissen habe ich noch bei keinen Schülern gefunden, welche die mir bekannten Anstalten verlassen haben." Wohl kenne ich Schüler, die diese Grenze erreicht und überschritten haben, aber das verdanken sie nicht der Schule, sondern einem sehr umfangreichen Privatunterricht, den sie neben der Schule genossen haben. Ja, ich habe gefunden, datz das speziell im Talmud in diesen Schulen erreichte Maß, ohne häuslichen Privatunterricht, nicht von den Schülern bewältigt werden konnte. Als ich mir daraufhin den Lehrplan, die Einrichtung und die ganze Organisation der hier in Betracht kommenden Unterrichtsanstalten ansah, fand ich denn auch sofort, daß es gar nicht anders sein kann, als es in Wirklichkeit ist. Ick kann nicht oft und entschieden genug betonen, datz mir mit diesen Bemerkungen nichts ferner liegt, als eine Herabsetzung dieser Schulen, die in der That trotz ihrer Mängel, fast durchgehends wahre Musteranstalten sind und jedenfalls von keiner anderen Schule übertroffen oder auch nur erreicht werden. Es mag Schulen geben, welche ihren Schülern noch ein größeres Matz von Wissen und allgemeiner Bildung beibringen, es mag ganz sicher Lehrstätten der Thora geben, an welchen mehr Thora gelehrt wird, aber es dürfte kaum Unterrichtsanstalten geben, welche in der Vereinigung dieser beiden Disziplinen so Hervorragendes leisten, als diejenigen, die ich hier im Auge habe. Ja, es ist sicher, daß den Begründern und Leitern dieser Schulen deren Mängel noch bekannter sind und von ihnen noch schnierzlicher empfunden werden, als von mir. Aber sie befinden sich Verhältnissen, Schwierigkeiten und Hindernissen gegenüber, die stärker sind, als ihr guter Wille, die ich selber nur kritisiren, aber nicht bewältigen