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Der Israelit · 1900-12-20 · Heft 101 (20.12.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 101 (20.12.1900)
Date
1900-12-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2121 -«i'r’-■ Aeuilletorr Bon Babette Arie-.?J ■Jiad) kurzem Nachdenken fuhr der Doktor fort: „Wer Ihnen auch glauben könnte?! Ich bin schon so oft von Frauen getäuscht und dadurch recht skeptisch geworden. Bitte, Fräulein Anna, schwören Sie mir. daß zwischen Ihnen und dem Sohne des Hauses wirklich ein zartes Verhältniß bestanden, und Sie sollen Alles wissen." Der Doktor sprach dies wohl mit ernster Miene, jedoch mühsam unterdrücktem Lachen. Anna aber fuhr entrüstet in die Höhe. „Was fordern Sie da von mir. Sie, der erst gestern der armen Rosa trotz des Zornes, in dem Sie sich befanden, solch' glänzenden Beweis von achter, jüdischer Gesinnung gegeben, Sie wollten mich verleiten, um solcher Lappalie willen zu schwören, den Namen Gottes, den wir Beide als fromme Juden so hoch halten, vergeblich auszusprechen, mich, die in streng-jüdischen Prinzipien erzogene Rabbinerstochter?" Nun konnte Goldenkron seine ausbrechende Heiterkeit nicht länger unterdrücken. „Was ich weiß, so wenig es im Grunde auch ist, null ich Ihnen erzählen, aber nicht der Anderen zu Liebe, sondern weil Sie solch ein braves tapferes Mädchen sind, welches sich aus Gefälligkeit der Freundin gegenüber sogar in die Höhle des erzürnten Löwen ge wagt hat: denn von dem Märchen Ihres Verhältnisses zu dem verschollenen Karl glaube ich natürlich kein Sterbenswörtchen, denn man geht nicht die ganze Zeit über mit solch' lachenden Augen, ein Liedchen trällernd, im Hause umher, wenn man den Geliebten in Gefahr weiß, oder gar wie in diesem Falle, gegründete Ursache zu haben glaubt, ihn als todt zu betrachten. Da werden Sie mich dock hoffentlich für erfahrener und praktischer in dieser Beziehung halten. Also jetzt setzen Sie sich wieder ruhig nieder und hören Sie zu. Als richtiger Kriegsberichterstatter sollte ich eigentlich den Kriegsschauplatz und die sich darauf abspielenden Scenen beschreiben, jedoch, liebes Fräulein, taugt eine derartige Schilderung nicht für Sie, trotzdem Sie ein so tapferes Mädchen sind. Ich übergehe daher gänzlich alles, bis auf das, was zu meiner Erzählung nothwendig ist. Nach mühsamem Tageswerke, welches sich für uns Aerzte bis tief in die Nacht hingezogen, wollten wir endlich etwas ausruhen. Der Sieg, den unsere tapferen Truppen bei Skaliz erfochten, war theuer erkauft worden, und unablässig folgten sich die Tragbahren, welche Todte und Verwundete zu uns brachten, nacheinander. Nachdem wir den blessirten Soldaten den ersten Verband angelegt hatten, überließen wir sie der Pflege der Sanitätswärter und gingen zur Ruhe. Als es im Lazareth ganz ruhig geworden, warf ich mich auf eine leere Matratze und, von Müdigkeit überwältigt, schlief ich ein. Ich mochte noch nicht lange geruht haben, als ich geweckt wurde. Unweit N. hatte wieder ein Vorpostengefecht stattgefunden und ein österreichischer Korporal, der sich im Eifer des Gefechtes zu weit vorgewagt hatte, fiel, von einer Flintenkugel getroffen, den Unseren in die Hände. Seine Gefährten hatten die Flucht ergriffen, aber er, am Fuße verwundet, konnte nicht fort und wurde gefangen. Während des Transportes war er aus Schmerz oder Blutverlust ohnmächtig geworden und mich weckte man, um dem Gefangenen ärztliche Hilfe zu leisten. Ich half ihn vorsichtig entkleiden, und da bemerkte ich, daß der Verwundete einen Gegenstand fest in der geschlossenen Hand hielt. Nach längerer Mühe gelang es mir, die fast todesstarre Hand zu öffnen, und siebe, ein kleines Bild, ein junges, blühendes Mädchen von hervorragender Schönheit darstellend, uiuschlosscn krampfhaft die kalten Finger. Ich nahm, von Allen unbemerkt, das Bildchen an mich, um es dem Besitzer wiederzugeben, wenn er am Leben bliebe, andern Falls aber, durch dieses Bild einmal die Identität des Armen beweisen zu können. Nach sorgfältiger Untersuchung fand ich die Verwundung als eine sehr leichte. Indessen waren andere Verwundete gebracht worden und ich mußte von einer Lagerstätte zur anderen gehen. Als ich mich später dem Oesterreicher zuwenden wollte, war er nicht mehr da, er war in ein anderes Lokal transportirt worden, damit auf der Verbandstätte Platz für frisch angekommene Bleffirte sei. Tags daruf mußten wir weiter ziehen, die Verwundeten der Obhut ziveier Aerzte und einer Anzahl freiwilliger. doch aut geschulter Pflegerinnen zurücklassend. Das Bildchen zurückzugeben, fand ich keine Gelegenheit mehr. Jetzt willen Sie alles, Fräulein Anna! Nun urtheilen Sie selber, ob ich ein Leichenräuber, eine Schlachtfeldhväne bin!" „Verzeihen Sie meiner armen Freundin dies rasche Wort, dessen Bedeutung sie gewiß nicht erwogen hatte und sagen Sie mir lieber, wie sich indessen das Schicksal des armen Karl gestaltet haben mag, wenn er nämlich am Leben geblieben ist." „Nach der Art seiner Verwundung zu schließen, haben wir keinen Grund, daran zu zweifeln, und Sie brauchen sich seinetwegen gar keiner Vesorgniß hinzugebne, denn die beste und aufopferndste Pflege ist ihm sicher. Wir machen bei einem Kranken oder Verwundeten keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Jude und Christ. Da wird jeder nur als Mensch, als Soldat betrachtet und behandelt. Was für ihn geschehen kann, das geschieht auch tatsächlich, dessen seien Sie versichert. Natürlich bleibt er bis zum Friedensschluß und Auswechslung der Gefangenen als Gefangener zurück, als welcher er aber eine anständige Behandlung genießt und später zu seiner Familie zurückkehren darf."

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