Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 94 (26.11.1900)
- Date
- 1900-11-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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41* Jahrgang. Zweite Vertage zu M 94 des „Israelit". Leitender Artikel, Die MU des...i. kanten Maps. Zur Verhütung und Linderung von Magenkrankheiten. Mit besonderer Berücksichtigung der jüd, Speisegesetze. Von Dr. P. Münz, pract. Arzt, Nürnberg. (Fortsetzung.) Auf der anderen Seite Dt es verfehlt anzunehmen, dass der Körpeidurch das Aussetzen der Nahrung für einen Tag sehr viel von seinem Bestände einbüsst. Die einzelnen Nährstoffe werden nämlich vor dem Beginn des Fastens dem Körper in so reichlichem Maasse zugeführt, dass sie genügen, den Stoffverbrauch während des Hungerzustandes theilweise zu decken, den Gewichtsverlust zu beschränken. Dazu kommt, dass, wie von Manchen behauptet wird, in dem Blute und in den Gewebssäften ein beträchtlicher Vorrath, ein Ueberschuss von Eiweissstoffen circulirt, der, bevor der eigentliche Bestand des Körpers angegriffen wird, während des Fastens dem Organismus zu Gute kommt und dazu dient, ihn vor grösseren Gewichtsverlusten zu schützen. Daraus geht hervor, dass ein eintägiges Fasten keinen erheblichen Gewichtsverlust des Körpers zur Folge haben kann. Da der Körper im Hungerzustande ausser an Wasser und Eiweiss hauptsächlich an Fett einbüsst — im Mittel etwa öO Gramm Eiweiss und etwa 140 Gramm Fett—, so ist es klar, dass fettleibige Personen, bei denen eben viel Fett aufgespeichert ist und bei denen dieses als eiweisssparendes Mittel den Ei weissverbrauch herabsetzt, den entstehenden Gewichtsverlust, leichter ertragen und besser fasten als magere Personen; alte Leute empfinden die Nalmmgsentzieliung nicht so schwer wie junge, kräftige Personen, weil bei diesen letzteren der Zersetzungsprozess ein regerer und damit der StoflVerbrauch ein grösserer ist. Dementsprechend verlieren Personen, die während des Fastens arbeiten, sich im Freien aufhalten und viel Bewegung machen, mehr an Körpergewicht als andere, bei denen dies nicht der Fall ist. Damit hängt es auch zusammen, dass an dem Versöhnungstage diejenigen das Hungergefühl am wenigsten empfinden, welche den ganzen Tag ruhig in den Räumen des Bethauses verweilen. Das Hungergefühl macht sich erst mit dem Momente stärker bemerkbar, wo sie ins Freie treten und die frische Luft einathmen Woran liegt diese Wahrnehmung, welche von den Fastenden so oft gemacht wird? Die Verbrennungsprozesse im Körper sind, wie wir wissen, an die Anwesenheit von Sauerstoff, welcher aus der Luft eben eingeathmet wird, gebunden. In den engen Räumen des Bethauses aber, wo viele Menschen zusammengedrängt weilen und athmen, ist der Sauerstoffgehalt der Luft mehr verbraucht und verringert. Infolgedessen ist, da in diesen Räumen die Aufnahme von Sauerstoff leidet, der Verbrennungsprozess, der Stoffverbrauch im Körper behindert, kann sich nicht so lebhaft entfalten, wie in frischer, freier Luft, wo eben Sauerstoff in genügenden Mengen eingeathmet wird. Aus dem Gesagten geht jedenfalls zur Genüge hervor, dass es sich sehr wohl mit den Grundsätzen der Hygiene vereinbaren lässt, wenn die Religion von Zeit zu Zeit ein Aussetzen von Nahrung vorschreibt. Das Religionsgesetz ist ja so tolerant, dass es bei allen seinen Verordnungen auf den Gesundheitszustand des Menschen stets Rücksicht nimmt und darum auch in jenen Fällen, wo aus dem Fasten eine Gelahr für Leben und Gesundheit zu befürchten ist, die Nahrungszufuhr und selbst am Versöhnungstage nicht nur gestattet, sondern sogar zur heiligen Pflicht macht. Die gewissenhafte Prüfung und Entscheidung dieses Punktes ist nicht etwa einem jüdischen Scliriftgelehrten überlassen, sondern ruht in den Händen eines Arztes, dem auch die religiöse Bedeutung des Fastens wohl bekannt ist. Die Frage, ob das Fasten zu unterlassen ist, tritt heran bei allen schweren Erkrankungen, bei denen die Nahrungsentziehung eine ernste Gefahr bedeutet und es darauf ankommt, die Kräfte des Kranken zu erhalten. Bei Magenerkrankungen dürfte dies am ehesten beim Magengeschwür und den Spätformen des Krebses zutreffen. Das religiöse Gesetz erwähnt auch den Heisshunger als eine jener krankhaften Erscheinungen, in denen von dem Fasten Abstand zu nehmen ist. Der Heisshunger ist kein abgeschlossenes Krankheitsbild für sich, sondern bildet nur eine Theilerscheinnng von verschiedenen Krankheiten, zu-