Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-11-22 · Heft 93 (22.11.1900) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 93 (22.11.1900)
Date
1900-11-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449135--52032-2502649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1945 Zeitungsttachrichtc» und Corrcsponderizerr. Deutschland. Berlin, 19. 3tov. Aus der Schreibstube des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" geht uns nachstehende Mittheilung zu: Am 1. April 1901 tritt bekanntlich für den ganzen Umfang des preußischen Staates das Gesetz vom 2. Juli 1900 „über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger" in Kraft. Dieses Gesetz erweitert in Uebereinstimmung mit den schon in anderen Bundesstaaten in Kraft befindlichen gesetzlichen Bestimmungen, den Kreis der Zwangsweise zur Fürsorgeerziehung zu überweisenden Minderjährigen ganz bedeutend. Diese Art der Erziehung soll ausschließlich auf konfessionellem Boden stattfinden. Allein bisher bestehen für solche verwahrlosten Kinder, die nicht in Familien untergebracht werden können, nur Anstalien mit ausgesprochenem christlichen Charakter. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" hatte diese hochwichtige und dringende Angelegenheit längst zum Gegenstände seiner Berathungen gemacht. Er kann jetzt mit Genugthuung und Freude konstatiren, daß ein wohlthätiges Ehepaar ihm ein Schloß in Pommern, mit dazu gehörigen 40 Morgen Park, Garten, Wiesen und Ackerland zur Errichtung einer „Israelit. Fürsorge-Erziehungsanstalt" geschenkt und er solches zu dem gedachten Zwecke angenommen hat. Im kommenden Mai wird die Anstalt zur Aufnahme von Zöglingen bereit sein. Ellwangen (Württemberg). Ein schöner Beweis von Toleranz wurde der seit 1. April d. I. neu gebildeten israelitischen Gemeinde Ellwangen von Seiten der dortigen politischen Gemeindevertretung geliefert. Die israelitische Gemeinde Ellwangen hat an die dortigen bürgerlichen Kollegien das Ansuchen gestellt, diese Ivollten ihr ein geeignetes Grundstück zur Errichtung eines israelit. Friedboses anivcisen lasten. Dem Gesuche wurde in liberalster Weise entsprochen und zu diesem Zwecke ein der Sadt Ellwangen gehöriges Grundstück angewiesen. Die israelitische Gemeinde ist der politischen Gemeinde für dieses Entgegenkommen zu größtem Danke verpflichtet. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Budapest, 17. Nov. Mit Misten und Willen des hohen Eultusministeriums und Zustimmung des Budapester Magistrats hat der Communallehrer Julius Gabel, Redacteur der „Ungar. Wochenschrift", zum Andenken an Ihre kais. und kgl. Majestät, unsere geliebte Königin Elisabeth, deren Namenstag aus Anordnung des Herrn Cultusministers von Wlastits in allen Schulen Ungarns für ewige Zeiten jährlich gefeiert wird, ein Gedenkbuch verfaßt. Für dieses Buch lieferten die Mitglieder des allerhöchsten königl. Hauses, die ganze ungarische Regierung, die Minister, Staatssekretäre, Hofwürdenträger, alle unsere Kirchen-Oberhäupter des Landes. Rabbiner, Magnaten u. s. w. Beiträge. Das Werk erschien im Verlage des Athenaeums und ist insofern interestant, als es ein Jude, und noch dazu der Redakteuer eines gutjüdischen Blattes herausgab, der — wie dies in Regierungskreisen gesagt wird — den herrlichsten Lorbeerkranz auf den Sarg der sei. Königin legte. Frankreich. Paris, 18. Nov. Die Federation de Ia Jeunesse hüque hat heute ein großartiges Meeting veranstaltet, das sich zu einem wuchtigen Protest gegen das unwürdige Treiben der Klerikalen und der mit ihnen vereinten Antisemiten gestaltet hat. Den Vorsitz führte der Senator Delpech, der aus der Dreysusaffare rühmlichst bekannte wackere Kämpfer für Wahrheit und Recht. In seiner Eröffnungsrede führte Delpech ungefähr Folgendes aus: Im Quartier Latin seien jetzt die Klerikalen und Antisemiten die eigentlichen Herren. Es sei eine Schande für die französische Jugend, daß ein Mann wie Vriston in seinen Vorlesungen wegen seines tapferen Eintretens für einen Unschuldigen beschimpft werden konnte. Die französische akademische Jugend sei immer die Trägerin der hohen Ideale der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Toleranz gewesen. Sie müste sich jetzt eifrig bemühen, ihre alte Ehre zu retten und gegen die mächtg anschwellende Woge der klerikal-antisemitischen Reaktion mit aller Kraft zu kämpfen. Den Glanzpunkt des Meetings bildete die Rede, die Francis de Pressence gehalten hat. Der tiefblickende Politiker wurde vom ganzen Auditorium enthusiastisch mit den Rufen „Vive Prestense!" „Bive l'Aurore!" empfangen. Auch er kam auf die Dreyfusaffäre zu sprechen. Wie wichtig diese Affäre für das ganze politische und geistige Leben Frankreichs sei, möge man daraus ersehen, daß Männer, die niemals den öffentlichen Kampf gekannt haben, es für ihre Pflicht hielten, zur Ehre Frankreichs und der Gerechtigkeit in diesen Kamps einzutreten. So hat Durlaux, der geistreichste und berühmteste Schüler Pasteurs, sein Laboratorium verkästen, um in Volksversammlungen für den Sieg der gerechten Sache zu plaidiren. Und der große Romancier, auf den Frankreich mit Recht stolz sein kann, ist aus seinem stillen Arbeitszimmer in die breiteste Oeffentlichkeit getreten, um seine ganze Persönlichkeit dem Dienste der Wahrheit zu widmen. Und diese Beispiele sollen auf die französische Jugend keinen Eindruck machen? Rein, ihre Parole muß lauten: unversöhnlich mit antisemitischer Verlogenheit und klerikaler Heuchelei! Die Versammlung nahm einen prächtigen Verlauf, und jeder Freund der Wahrheit und des Fortschrittes kann mit ihrem Erfolge zufrieden sein. Pi. 'i i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.