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Der Israelit · 1900-11-19 · Heft 92 (19.11.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 92 (19.11.1900)
Date
1900-11-19
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41* Jahrgang. Zweite Beilage zu Jf& 92 des „Israelit". Der Zweite Prozeß Hilsner. Piset, 14. November. Der Staatsanwalt über den Ritnalmord. Ich tonuue zu einem heiklen Thema, zum Motiv Ver That. Es läßt sich nicht apodiktisch behaupten, warum die Morde verübt wurden, aber die Einen haben leichtfertig, die Anderen mit Absicht Gerüchte über das Motiv in Umlauf gefetzt, von welchen man heute leider vergebens die Massen zu befreien sucht. Ich halte dafür, daß der Mord nicht aus jenem Motive verübt wurde, das turze Zeit nach der Ermordung der Agnes Hruza colportirt wurde, daß nämlich die Israeliten >> bristenblut zu rituellen Zwecken gebrauchen. Ich bin nicht berufen, und es ist auch nicht hier der Ort, vom allgemeinen Standpunkte aus dieses Märchen ui widerlegen. Aber im vorliegenden Falle muß ich mich doch darüber äußern, und da dient mir das Gutachten der medicinischen Facultat als Grundlage. Dieses weiß aber nichts davon, daß ans dem Körper der Agnes Hruza Blut fehlte. Als man bei dem in Kattenberg abgeführten Prozesse diesen Punkt zu berühren genöthigt 'var, wurde angenommen, daß sich im ganzen Körper der Hruza fünf Liter Blut befunden haben. Die Gelehrten an der Universität in Prag haben aber wissenschaftlich begründet, daß höchstens 3\A Liter Blut im ganzen Körper sein tonnten; gleichzeitig führte die medicinische Farultät an, daß aus dem menschlichen Körper niemals das ganze darin enthaltene Blut entfernt 'verden kann, sondern mindestens 50 Prozent des Blutgehaltes in: menschlichen Körper bleiben. Dazu kommt noch, daß ein gewisses Quantum Blut auf dem Thatorte und an den .Kleidern der Ermordeten, welche ja von Blut durchtrankt waren, gefunden wurde. Die Fakultät lagt darüber, daß die Menge des aufgefundenen Blutes dem Blutverluste vollkommen entspricht, und wir sollten diesen Männern der Wissenschaft nicht glauben?! Sollen wir vielleicht mehr den vagen, allgemeinen Gerichten glauben, die schon so viel Unheil angeftiftct und zu einer heftigen Erbitterung zwischen den verschiedenen Bolksstämmen und Confefsionen beigetragen haben? Berneigen wir uns, fuhr der Staatsanwalt mit erhobener Stimme fort, vor diesem Gutachten, welches jenes unsinnige Märchen, das so viel Unglück bereits anrichtete, widerlegt hat. Damit fällt auch das Märchen von den Blutkügelchen im Parfümfläschchen und die Geschichte mit dem Schächkmesser. Das einzige räthselhafte Moment in dieser Asfaire ist das merkwürdige Umgehen mit den Kleidern; das Zerschneiden, Zerreißen und Zerstückeln derselben. Das Fakultäts-Gutachten nimmt an, daß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß der Mord von einem pervers veranlagten Menschen verübt wurde, daß also ein Fall von Fetischismus oder Sadismus vorliege. Ich gebe zu, daß einer der unbekannten Mitthäter pervers gewesen sein kann; es ist aber nicht unmöglich, daß er es nur gethan hat, um die Spuren zu verwischen. Ich erwähne noch die Widersprüche der Zeugen; Sie müssen selbst, meine Herren Geschworenen, beurtheilen, welchen Eindruck die Aussagen gemacht haben, und Sie werden sofort erkennen, ob die Widersprüche absichtlich waren oder nicht. Die Strafprozeßordnung gestattet dem Angeklagten das Leugnen, aber wer alles leugnet und nicht angeben kann, wo er war, der ist verdächtig, das ist der letzte Versuch eines Angeklagten, sich aus dem Netze zu reißen, das ihn umstrickt. Bezüglich der Verleumdung verweise ich einfach auf Hilsner's Geständniß. Zum Schlüsse möchte ich mir an die Herren Geschworenen den Appell erlauben: Achten Sie in diesem Falle nicht auf fremde Einflüsse, stellen Sie Ihr eigenes Ich in den Hintergrund, ja, unterdrücken Sie Ihr eigenes Ich und beurtheilen Sie den Fall rein nach der Sachlage. Erheben Sie sich zu idealer Höhe und urtheilen Sie. eingedenk des Eides, den Sie geschworen, wie es recht schaffnen. ehrlichen und freien Männern ziemt! Der Appell des Staatsanwalts übte ans alle Anwesenden sichtlichen Eindruck, und feierliche Stille herrschte, als der öffentliche Ankläger sein Plaidoyer beendet hatte. Der Präsident unterbrach nach diesem Plaidoyer die Sitzung für eine Stunde. Die Ausfübrungen Dr. Bara's haben nun auch von gerichtswegen die entsprechende Kritik erfahren, und die Angriffe, welche der Vertreter der Privatbetheiligten gestern gegen die medieinische Fakultät und deren Gutachten und damit auch gegen den Obersten Gerichtshof erhoben hatte, trugen ihm zu Beginn der heutigen Verhandlung auf Grund eines Gerichtsbeschlusses eine Nüge ein. Nach Verkündigung dieser Disziplinarstrafe durch den Präsidenten begann der Vertheidiger Dr. Aurednicek sein Plaidoyer. Er trat in den einleitenden Worten den Angriffen des Dr. Baxa auf das Gutachten der Leuchten der czechischen Wissenschaft entgegen. Das Auditorium benahm sich zu Beginn der Rede des Vertheidigers mit derselben Ruhe wie gestern. Die Verhandlung wurde um %9 Uhr eröffnet. Nachdem sich die im Saale herrschende Unruhe gelegt hat, giebt der Präsident folgende Erklärung ab: Wie ich aus dem stenographischen Protokolle ersah, sagte gestern der Vertreter der Privatbetheiligten Dr. Bara

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