Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1900)
- Date
- 1900-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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scheint über Josef Kiß ein mißgünstiges Verhängniß zu walten. Noch immer befand sich der Dichter in prekären und nichts weniger als günstigen Verhältnissen und wieder war es der wackere Gelehrte Toldy, der hierin Wandlung schaffen sollte. Er legte seinen ganzen bedeutenden Einfluß für seinen Liebling in die Wagschale. Er plante, Cisch in der Akademie der Wissenschaften unterzubringen und war mit den maßgebenden Persönlichkeiten wegen eines eigens hierfür zu creirenden Amtes in Fühlung getreten — da kam jäh der Tod dazwischen und beraubte den Dichter seines einzigen Gönners! Franz Toldy sank in rüstigem Mannesalter ins Grab und Lisch stand wieder so verlassen und einsam da, wie zuvor. Von sein n vielen Bewunderern rührte keiner einen Finger für ihn. Nichtsdestoweniger aber entfaltete er eine rege literarische Thätigkeit. In den Jahren 3—75 gab er ein jüdisches Jahrbuch heraus. Da erging an ihn von Seite der jüdischen Gemeinde Temesvür der Ruf als Sekretär und Cisch, der wohl nun schon daran verzweifeln mochte, in der Hauptstadt festen Fuß fassen zu können, nahm diese Berufung auch an. Der Abschied von dem faszinirenden Milieu der Weltstadt dürfte ihm gewiß nicht leicht geworden sein, andererseits aber durste die Aussicht auf eine sichere Lebensstellung nicht ausgeschlagen werden. Sechs Jahre hindurch wirkte Lisch m der Metropole Südungarns, die wie ein Paradies, umgeben von herrlichen Gärten und den gesegnetsten Gefilden des Landes sich an den Ufern der Bega ausdehnt. Doch die sonnige, duftschwangere Lust dieser südlichen Stadt ist von dem Gift des Malariaftebers gesättigt; über dem blumengeschmückten Paradiese schwebt unsichtbar der Tod. Josef Cisch kränkelte fast die ganze Zeit seines Temesvarer Aufenthaltes und zunächst Rückfichten auf seine Gesundheit waren es, die ihn abermals veranlaßten den Wanderstab zu ergreifen und das mittlerweile liebgewounene Heim wieder zu verlassen. Und wieder war es die Hauptstadt, welcher er im Jahre 1882 seinen Schritt zuwendete. Seine nunmehr unbestrittene Popularität, welche namentlich seit der Zeit einen mächtigen Umschwung gewonnen hatte, als der berühmte Schauspieler des Wiener Burgtheaters, Josef Lewinsky, gelegentlich einer künstlerischen Tournee die seelengewaltigen Gedichte Kisch's zum Vortrag gewählt hatte, mochte ihn mit der Hoffnung erfüllen, daß die Auspizien für sein materielles Auskommen nunmehr günstiger sein würden. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht ganz, sein altes finanzielles Pech klammerte sich immer noch hartnäckig an seine Fersen. Wohl fanden seine Gedichte reißenden Absatz und verursachten ein neues Werk von ihm stets tiefgehendste Sensation — doch was will das in dem verhältnißmäßig kleinen Ungarn bedeuten? Ja, wenn er ein Possen- und Komödienschreiber gewesen wäre — dieses Tictier ernährt heute auch in den kleinsten Sprachengemeinschaften seinen Mann! So aber war er ja „nur" ein Lyriker und Epiker — und bei dieser Kunstgattung kann man selbst bei den großen westlichen (Kulturvölkern in allen Ehren Hungers sterben, insofern man bloß auf seine Feder angewiesen wäre, geschweige denn bei einem Volke von der beschränkten Zahl des magyarischen. Vorübergehend machte er einen Versuch mit der Vüreaukratie und wir sehen ihn eine kurze Zeit als Beamten der französisch-ungarischen Versicherungsgesellschaft. Doch als ob sein persönliches Pech stark genug wäre, eine ganze Gesellschaft zu ruiniren, geht diese in die Brüche, kaum daß sich Kisch bei ihr befindet. Und er ist wieder einmal ohne sichere Stellung und ohne alle Aussicht aus eine solche. Zwischen den Gedichten dieser Periode ist insbesondere eines, welches für uns Juden von ganz besonderem Interesse ist, denn es bezeugt, wie kein anderes, das tiefe jüdische Empfinden des Dichters. Es beleuchtet das Verhältnis des Dichters zu seinem Volke und zeigt, wie blutig der gegen dasselbe geführte Schlag auch seine Seele verwundete. „Gegen die Fluth" betitelt sich das Gedicht und die beigedruckte Jahreszahl 1882 will vermuthlich sagen, daß damit jene schlammige Fluth gemeint lei, welche der eben ab gelausene Tiszar Eszlarer Prozeß unsel. Andenkens aufgewühlt hatte. Mit elementarer Gewalt bricht die Verzweiflung über die fast unmöglich scheinende Infamie hervor und droht selbst den Glauben an eine waltende Gerechtigkeit zu erschüttern. Freilich — das war im Jahre 1888! Heute, nach bem Verlaufe von anderthalb Dezennien unseres gepriesenen Sieclc, hat sich unsere „Empfindlichkeit" beträchtlich abgeknhlt und ein kleines Blutb'.z'^z seitens unserer edlen arischen Zeitgenossen vermag uns nicht mebr in diese grenzenlose Aufregung zu versetzen. Unter den leuchtenden Strahlen der Civilisation des herrlichen neunzehnten Jahrhunderts gewöhnt man sich allmählich eben auch an Derartiges. —- Das Gedicht wirkte in Ungarn tief und nachhaltig, ja sogar weit über die Grenzen Ungarns hinaus. ES wurde in mehrere Sprachen, darunter auch in's Hebräische übersetzt. Sein deutscher Uebcrsetzer war kein geringerer, als Maks Falk, der von jüdischen Eltern abstammendc große ungarische Staatsmann und Herausgeber des „Pester Lloyd". Leider steht mir diese Uebersetzung nicht zur Verfügung und ich muß den geehrten Lesern das Gedich: in meiner eigenen Uebersetzung bieten, wobei mich jedoch der Gedanke tröstet, daß die unverwüstliche Schönheit des Gedichtes auch aus einer minder guten Uebertragnng sieghaft durchschimmert. Ich lasse es hier folgen: Gegen die Fluth. 28. 8. 1882. Dräuend Gewölk in finsterer Wacht Ob wohl ein Gott dort oben wacht^