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Der Israelit · 1900-11-05 · Heft 88 (5.11.1900) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 88 (5.11.1900)
Date
1900-11-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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41. Jahrgang. - M 88. Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Br. teftuwnn in IKitint. Montag, den 5 November 5661 (I960). Leitender Artikel. Kikie Milcht «tilge för iiir Klitschen Ziiilt». Unter diesem Titel hat Herr Eugen Rosenstiel— Berlin in Ihrem Blatte (Nr. 82 u. 83) die schon viel behandelte Angelegenheit der Zuführung der israelitischen Jugend zur Landwirthschaft besprochen und namentlich den n i ch t unbemittelten Eltern empfohlen, ihre Söhne zu diesem Berufe zu erziehen, während er für unbemittelte Knaben weniger günstige Aussichten bei diesem Erwerbszweige erblickt. Ich kann dem verehrten, sich um das Wohl seiner Glaubensbrüder so eisrig bemühenden Herrn nur beipflichten, wenn ich auch seinen Ausführungen aus einem anderen und zwar dem wichtigsten Grunde, vollkommen widersprechen mutz, nämlich aus religiösen Bedenken. Ob solche schon von irgend einer Seite geltend gemacht und vielleicht auch widerlegt worden sind, ist mir nicht bekannt.*) Eine Widerholung und eingehendere Besprechung dürfte bei der Wichtigkeit der Sache sich trotzdem empfehlen. Meine Heimath ist ein süddeutsches Landstädtchen. In demselben wohnten gegen 40 jüdische Familien, welche allesammt neben dem Handel auch etwas Landwirthschaft trieben. Mein Vater, der ein Manufakturwaarengeschäft hatte, das ihn aber nur am Sonntage beschäftigte, während im Laufe der Woche meine Mutter die wenigen Kunden zu bedienen sehr gut mit ihren umfangreichen Hausfrauenpflichten zu vereinigen verstand, war der einzige Jude am Platze, welcher den Feld- und Gartenbau in größerem Maßstabe und fast ausschließlich mit eigenen Kräften ausführte. Diese Kräfte waren, außer dem Vater, alle zu Hause anwesenden Brüder und Schwestern und ich selbst. Die Brüder sollten Kaufleute werden, ich selbst besuchte vom 10. *) In diesen Blättern wurde auf derartige und noch andere Bedenken schon öfters binaewieftn. Red. d. Jsr. Lebensjahre an das Gymnasium in der benachbarten Kreisstadt, wohin ich täglich d n Weg von einer Stunde hin- und zurücklegen mußte. Das entband mich jedoch nicht von der Pflicht, manchmal, noch ehe ich meine Schulaufgaben ganz beendet hatte, bei den Haus- und Feldarbeiten mitzuhelfen und in der Ferienzeit bildeten die Anstrengungen bei der Getreide- und Heuernte und dergl. die Erholung und das nöthige Gegengewicht gegen die geistige Anspannung in der Schule. Selbst als ich schon die Universität bezogen hatte, scheute sich mein Vater nicht, wenn ich nach Hause kam, von mir den vor dem Hause anfahrenden Wagen abladen zu lasten, so wenig, wie er es unter der Würde meiner Schwestern hielt, wenn sie, statt der gerade verhinderten Dienstmagd, die Kühe melkten oder Master vom Brunnen zu deren Tränke nach Hause holten. Ich erwähne das alles nur, um zu beweisen, daß die Oekonomie bei uns nicht mit Lästigkeit, sondern mit einem Fleiße wahrgenommen wurde, wie in wenigen Bauernhäusern meines Heimathortes. Mein seliger Vater war auch nicht wenig stolz darauf, wenn in den Bier- und Wirthshäusern und Abends auf den Bänken vor den Häusern die Rede auf das .... sche Haus kam und man von uns behauptete, daß wir es getrost mit jedem Bauernsohne aufnehmen könnten. Und meine Brüder sind heute noch meinen Eltern dankbar dafür, daß sie in der Jugend so stramm arbeiten gelernt. Und dennoch mußte, als meine Brüder erwachsen waren und Ein- und Uebersicht über die Erfolge dieser Thätigkeit gewannen, mein in die Landwirthschaft förmlich verliebter Vater zugestehen, daß der Nutzen nicht der Mühe entsprach und mußte, weil die Söhne nicht bei diesem Berufe bleiben wollten und einer nach dem andern in die Stadt verzogen, aller helfenden Arme beraubt, sich endlich mit schwerem Herzen dazu entschließen, seine Aecker und Wiesen, seine Kühe und Ochsen zu veräußern. Waren diese „Güter" uns Kindern auch nicht so an's Herz gewachsen wie dem Vater, so erfüllte es uns doch mit Wehmuth, als dieses

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