Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1900)
- Date
- 1900-10-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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41. Jahrgang. Iweite Meilage zu M 86 des „Israelit". Trr Sionitjer Mckeills>>r»jttz MaslE. i Könitz, 25. Oktober. Vor dem Konitzer Schwurgericht begann heute i Vormittag der Meineidsprozeß Maslofs, i der angeblich Licht in die Winter'sche Mordaffaire bringen soll. Angeklagt ist der Arbeiter M a s l o f f , aebft Frau und die Frauen Roß und Berg. Der I Andrang des Publikums ist bei Beginn der Verhandlung mäßig, später stärker. Die Presse ist stark vertreten. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Schwedowitz, als Beisitzer fungiren die Landrichter Ihme und Sage und als Hülfsrichter Assessor Mürau. Die Anlage vertritt Staatsanwalt Settegast. In Amtsiracht anwesend ist auch Oberstaatsanwalt Lautz und der Oberlandesgerichtspräsident Hahn aus Marienlverder. Als Zeugen sind 117 Personen geladen, unter denen sich fünf medicinische Sachverständige befinden. Es melden sich aber fortgesetzt noch neue Zeugen, die angeblich über wichtige Dinge auszusagen in der Lage sind. Als neues bedeutsames Moment würde die Aussage zweier Frauen zu betrachten sein, welche bekunden wollen, daß der Frau Roß, der Schwiegermutter des Mitangeklagten Maslofs von antisemitischer, noch nicht näher bezeichneter Seite für ihre Aussagen gegen die! ^uden Geld gezahlt wurde, sowie daß ihr noch weiteres versprochen wurde für Aussagen, die die Familie Lewa belasten könnten.! Rach Erledigung der Formalitäten beginnt das I Verhör der Angeklagten. Bernhard Maslofs ist ein j Ewas blöde aussehender junger Mann von 25 Jahren. Er ist katholisch und vorbestraft wegen Körperverletz- 1 ung und Beihilfe zur Röthigung. Frau Roß, Masloff's Schwiegermutter, die Gesindevermieterin ist, ist evangelisch, 44 Jahre alt, wegen Beleidigung und Körperverletzung vorbestraft, Frau Martha Maslofs, die Tochter der Vorigen, ist 21 Jahre alt und katholisch. Auch sie ist vorbestraft, und zwar als Kind wegen Diebstahls und Beleidigung; Frau Berg, ebenfalls eine Tochter der Frau Roß, ist 24 Jahre alt, evangelisch und wegen Uebertretung polizeilich vorbestraft. Es handelt sich in der Hauptsache um Folgendes: Frau Roß hat ausgesagt, sie habe aus dem Keller des Fleischermeisters Lewy am Mordtage Abends zwischen 7 und 8 Uhr ein Stöhnen gehört, und sowohl an diesem Abend als auch später den Lewy belastende Beobachtungen gemacht. Maslofs hatte zuerst ausgesagt, er habe, als ihm auf der Danzigerstraße seine Dose zur Erde gefallen war und er sich bückte, um sie aufzubeben, gesehen, wie im Lewy'schen Keller, dessen Fenster mit rothen Vorhängen verhängt gewesen, Licht brannte und mehrere Personen um einen auf dem Hauklotz liegenden Menschen beschäftigt waren. Als dem Maslofs nachgewiesen worden, daß diese seine Aussagen unmöglich der Wahrheit entsprächen, änderte er die Aussage dahin, er hätte am Mordabend einen Diebstahl bei Lewa geplant, und während er längere Zeit auf dem Bauche liegend, eine günstige Gelegenheit abwartete, hätte er um Mitternacht ein Stöhnen, das aus dem Keller Lewy's kam, gehört. Später sei dann der alte Lewy mit einem Lichte in der Hand aus seinem Hause getreten, gefolgt von vier Männern, die ein langes Packet trugen. Die Männer seien mit ihrer Last zum See gegangen, und er habe inzwischen den geplanten Diebstahl ausgeführt. Alle diese Aussagen hält die Anklagebehörde für wissentlich falsche. Maslofs bleibt in seinem Verhör dabei, daß er die Wahrheit gesagt habe; er verwickelt sich aber wiederholt in Widersprüche, die mit seinen früheren Aussagen nicht in Einklang zu bringen sind. Er sagt aus, daß er am Sonntag, den 11. März, Abends zwischen 7 und 8 Uhr, seine Sckwiegermutter besucht und auch zu Hause angetroffen habe. Frau Roß wollte aber fortgehen. Danach ging er in die Wirthschaft von Sänger, wo er drei oder vier Glas Bier und einige Schnäpse trank. Von da aus ging er zu seinem Schwager Berg zurück, trank dort noch Rum und spielte Karten. Nach 10 Uhr begab er sich nach Hause. In der Danziger Straße, so erzählt er, nahm er eine Prise, wobei der Pfropfen der Dose zur Erde fiel. Er bückte sich danach und habe in zwei Kellerfenstern des Levy'schen Hauses, vor dem sich der Vorgang abspielte, Licht gesehen; er habe das Gespräch von mehereren Menschen von dorther gehört, sowie ein langgezogenes Geheul. Der Präsident weist auf die Widersprüche in seinen früheren Aussagen gegenüber den heutigen hin. Maslofs ist nicht im Stande, sie aufzuklären. Er bleibt dabei, daß er Licht durch eine Ritze gesehen habe, obwohl er vorher das Gegentheil beschworen hat. In seiner weiteren Aussage, welche den Eindruck macht, als ob er ein eingelerntes Pensum heruntersage, gibt Maslofs an, daß er sich vor dem zweiten Fenster einige Augenblicke auf die Erde niedergelegt u. gehorcht habe. Dabei will er ein „Gedabbere," anscheinend von mehreren Leuten herrührend, gehört haben. Außerdem hätte er auch gurgelnde Laute gehört, als ob Jemand gewürgt würde. Auf die Frage des Präsidenten, warum er gerade an dieser Stelle neugierig gewesen sei, während er doch an zahlreichen anderen beleuchteten Fenstern achtlos vorüberging, weiß Maslofs nur zu sagen, die Neugierde hätte ihn dahingetrieben. Darauf sei er in die Mauerstraße gegangen, um, wie er ausgesagt, zu sehen, was in dem Keller in der Danziger- ' u *! m