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Der Israelit · 1900-10-29 · Heft 86 (29.10.1900) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 86 (29.10.1900)
Date
1900-10-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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\ 1758 beginnende Schuljahr läßt uns die ganze Tragweite der durch die Jgnattew'schen Maigesetze für die russischen Juden erfolgte Sperrung der Schulen von Neuem schwer empfinden. Der Bildungsdrang unter den Juden ist ganz enorm und wächst immer noch fortwährend. Der Zutritt zu den bestehenden Bildungsanstalten ist ihnen aber sehr bedingungsweise gestattet und hängt stets von der Zahl der sich meldenden Christen ab. Die Beschränkung der aufzunehmenden jüdischen Schüler auf einen kleinen Bruchtheil (3—10 pCt.) aller Schüler der betreffenden Anstalt hat in diesem Jahre zu schweren Mißständen geführt. So haben sich aus der Kiewer Universität 861 Personen, darunter 240 Juden, zur Aufnahme gemeldet, von diesen haben 649, darunter 166 Juden, eben das Reisezeugniß erlangt, 116 waren schon aus anderen Universitäten immatrikulirt, darunter bezeichnenderweise 84 Juden. Kaum 70 von den 240 jüdischen Candidaten werden Ausnahme finden können. Schlimmer noch sind die Verhältnisse beim Kiewer Polvtechnikum. Hier haben sich 876 Personen um Aufnahme beworben, davon ebenfalls 240 Juden. Da das Polytechnikum 16 pCt. Juden vertragen kann, so würden von den 240 jüdischen Bewerbern 135 zurückgewiesen werden, während ca. 96 Juden Aufnahme finden müssen. Leider sind aber für dieses Jahr nur noch 308 Plätze frei, so daß von den 240 jüdischen Bewerbern nur 46 Aufnahme finden können. Ebenso liegen die Verhältnisse auf der Odessaer Universität, wo sich nur 294 Christen gemeldet haben, die natürlich alle ausgenommen wurden. Dagegen können von den sich 200 meldenden Juden nur 25 — 10 pCt. der aufgenommenen Christen, Zutritt finden. Die Zurückgewiesenen müssen auf das Studium verzichten und zum Handel greifen . . . wer das nicht will, der geht in's Ausland oder bleibt zu Hause und erwartet bis — etwa nach 5—6 Jahren — auch er an die Reihe kommt. Weit ärger als auf den Universitäten ist es auf den Gymnasien, welche den kolossalen Andrang nicht im entferntesten genügen können. Hier bildet die Schulnoth eine beständige Einnahmeguelle für Lehrer und Direktoren, welche nur die Kinder reicher jüdischer Eltern aufnehmen und zwar gegen einen Bakschisch von 600—1000 Rubel. Wie groß der Andrang der Juden zu den Gymnasien und sonstigen Mittelschulen ist, beweist die Thatsache, daß sich für die erste Klasse der hier eben eröfsneten Handelsschule, welche, wie wir s. Z. mittheilten, 40 vCt. Juden aufnehmen kann, für die 60 offenen Plätze resp. für 24 für Juden offene Stellen sich nicht weniger als 500 jüdische Candidaten gemeldet haben. Von diesen werden 467 zurückgewiesen werden und nur 24 — 1 pCt. aller sich meldenden Juden ihr Ziel, die Aufnahme in der neuen Schule, erreichen. Das Ziel in dem großen Rennen wird aber von den wenigen Glücklichen erst nach bestandener Conkurrenzprüfung erreicht, bei der vermuthlich weniger die Höhe des Wissens als die des gehörigen Ortes gezahlte Bakschisch ausschlaggebend sein dürfte. Solche Zustände sind eines großen Culturvolkes unwürdig und dürften in Folge dessen als gänzlich unhaltbar in absehbarer Zeit beseitigt werden. Odessa. Die Jmmatriculation an den russischen llniversitäten ist nun geschlossen. Jüdische Studenten sind definitiv ausgenommen worden: In Odessa 43, Kiew 69, Petersburg 12 und in Tomsk von 80 sich meldenden nur einer. Als Grund für diese Erscheinung ist nebst der Beschränkung der zum Universitätsstudium zuzulassenden Juden auf 3—10 pCt., noch die allgemeine aus der Zeit der Studentenunruhen vor zwei Jahren noch herrührende Vorschrift anzuführen, laut welcher jede Universität nur die Abiturienten ihres Ravons aufnehmen darf. Auf Grund dieser Vorschrift bleiben die Juden aus allen außerhalb des Ansiedes'ungsrayon gelegenen Universitäten ausgeschlossen. Es lommen für sie fetzt im wesentlichen nur noch die Universitäten Warschau, Odessa, Kiew und Charkow in Betracht, und da trifft sie die Beschränkung auf 10 pCt. umso härter, als die Juden im Ansiedelungsrayon nicht 10, sondern 16 pCt. ausmachen. Durch die erwähnten Hindernisse, welche erst in diesem Jahre ihre volle Wirkung entfalten konnten, wurde bewirkt, daß allein auf der Kiewer Universität hundert jüdische Abiturienten leer ausgingen. Die hundert Zurückgewiesenen richteten gemeinsam an den Minister für Volksaufklärung die Bitte, sie zum Universitätsstudium zuzulassen. Diese Bitte wurde zwar kurzweg abgeschlagen, aber die große Zahl der in diesem Jahre von den schmachvollen Maigesetzen betroffenen jüdischen Abiturienten machte doch den Minister bedenklich, und so wird jetzt in Erwägung gezogen, ob man nicht an den drei südrusfischen Universitäten für die nächsten zwei Jahre den Procentsatz der zuzulassenden Juden wenigstens soweit erhöhen könnte, daß alle mit der Zensur „gut" entlassenen Abiturienten Aufnahme finden könnten. Ferner wird noch erwogen, ob den jüdischen Abiturienten nicht ausnahmweise gestattet werden könnte, auch in außerhalb ihres Bezirks gelegenen Universitäten einzutreten. T. vermischtes Preßbnrg. Der hiesige katholische Preßverein wallte am 14. dss. tin großen Saale des Stadtbaufes eine Konferenz halten. Den ersten Punkt des Programms sollte ein Vortrag über den Antisemitismus bilden. Infolgedessen zog der Bürgermeister Brolly die Erlaubniß zur Benützung des Saales zurück. Die Konferenz wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.

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