Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1900)
- Date
- 1900-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1749 hat der Prozeß auch auf das Post- und Telegraphenamt gewirkt, das erst seit Kurzem in einem eleganten Neubau untergebracht ist. Dank der Zuvorkommenheit der Postdirektion und des das hiesige Amt leitenden Ober-Verwalters Nowak wurden direkte telegraphische Verbindungen mit Wien, und zwar jetzt auch schon für die Vormittage geschaffen, und es wurde ein besonderer Schreibsaal für Journalisten zur Erleichterung des complicirten Berichterstatterdienstes eingerichtet. Im klebrigen aber weist nichts im Aeußeren des Stadtbildes auf den morgen beginnenden Monstreprozeß hin. Ein Rundgang durch die reinliche, des Abends elektrisch beleuchtete Stadt gibt auch dem geübtesten Auge keine Gelegenheit, Anlaß zu Befürchtungen zu entdecken, und competente Kenner der Verhältnisse halten eine Störung der Ruhe durch die Ortseinwohner selbst für ausgeschlossen. Weniger optimistisch lauten die Berichte über die Verhältnisse in den umliegenden Dörfern, wo das sattsam bekannte antisemitische „Rechtskomitee" seit Wochen durch Colportirung von Broschüren, Flugblättern und Tendenzbildern mit Erfolg eine künstliche Erregung zu schaffen sucht. Welcher Mittel man sich hierbei bedient und bezeichnender Weise bedienen darf, beweist der Umstand, daß in der Landbevölkerung der Glaube wachgerufen wurde, die schädliche Dürre des heurigen Jahres sei nur eine Strafe des Himmels für die noch immer ungesühnten Mordthaten Hruza und Klima und sie werde erst weichen, bis Hilsner der verdienten Todesstrafe durch den Galgen zugeführt sein werde. Daß der Fluchtversuch, den ein Zellengenosse Hilsner's vor drei Tagen unternommen hat, von den Agitatoren nicht werde unbenützt gelassen werden, war vorauszusehen. Ein wesentliches Moment der Beruhigung bietet wohl die 600 Mann starke Garnison von Pisek, bestehend aus je einem Bataillon des 11. Infanterie-Regiments und des 7. Landwehr-Regiments. Die Kaserne befindet sich auf dem ein langgezogenes Rechteck bildenden Marktplatze, wenige Schritte von dem Gebäude des Kreisgerichtes, einem schmucklosen, stark altersgrauen Bau, der eine Ecke dieses Rechteckes einnimmt. Ein eisernes Gitterthor im Hausflur sperrt den Eingang zum Stiegenhause ab, rechts gelangt man in den Gefangenenhaustract, links steigt man zwei Stockwerke empor zum Schwurgerichtssaale, der für den Hilsner- Prozeß eine besondere Adaptirung erfuhr. An der Stirnseite des Gerichtssaales, auf einer verhältnißmäßig hoben Estrade steht der Tisch für den Gerichtshof; für die Geschworenen stehen zwei einfache Holzbänke bereit; links ist der Platz der Vertheidiger und des Staatsanwaltes. Den größten Theil des für das Auditorium bestimmten Raumes nehmen drei lange Tische ein, an denen die Journalisten sitzen werden; für das andere Publicum werden täglich nur vierzig Karten ausgegeben werden. Es sind strenge Vorkehrungen getroffen worden, daß nicht wie in Kuttenberg der Zuschauerraum überfüllt sein und ein Theil des Auditoriums sich durch Lärmen und Zwischenrufe wird bemerkbar machen können. Den Vorsitz in der Verhandlung wird der Präsident Winter des Kreisgerichts selbst führen; eine äußerst gewinnende Erscheinung, der Typus des correcten, bei aller Liebenswürdigkeit unnachsichtig strengen Beamten; ein imposanter, nach rechts und links abgetheilter Vollbart umrahmt das fcharfgeschnittene Gesicht. Der Staatsanwalt Malijovsky ist eine zierliche Erscheinung und hat durchaus nichts von dem gefürchteten Nimbus, der sonst Personen seines Berufes umgibt. Aus jeder seiner Gesten und Bemerkungen spricht ein von modernen Anschauungen erfülltes Wesen; er ist eine mäßig große Gestalt, mit kräftigem schwarzen Schnurrbart und scharfblickenden Augen. Dem Angeklagten stehen zwei Vertheidiger zur Seite: Dr. Aurednicek, der Hilsner schon in Kuttenberg vertheidigt hat, für den Fall Hruza, und der Piseker Advokat Dr. Vodicka für das Factum Klima. Ersterer ist eine elegante, schlanke Erscheinung mit weltmännischen Allüren; Letzterer ist eine mehr gedrungene Figur: die müden Augen des Blondkopfes verrathen deutlich die häufige Nachtarbeit, welche die Vorbereitung für den umfangreichen Prozeß erfordert hat. Der Prozeß beginnt morgen um 9 Uhr Vormittags. Die Zeit bis zur Mittagspause wird die Verlesung der Anklageschrift ausfüllen, Nachmittags beginnt das Verhör des Angeklagten, das bis zum Abend dauern wird. Die Vertreter der Privatbetheiligten, die Doktoren Baxa und Pevnv, sind zur Stunde noch nicht angekommen. Ersterer ist aus dem Kuttenberger Prozesse sattsam bekannt: wie verlautet, soll er in einer für Sonntag anberaumten Wählerversammlung sprechen, zu welcher ein größerer Zuzug aus den Dörfern zu erwarten steht. Auch Prof. Masaryk, der sich als Journalberichterstatter angemeldet hat, ist noch nicht angekommen: Heute Nachmittags hat der Vertheidiger Dr. Aurednicek eine halbe Stunde lang mit Hilsner in der Aufnahmskanzlei des Kreisgerichts - Gebäudes gesprochen. Aurednicek, der den Häftling schon vor zehn Tagen gesprochen hat, fand ihn wohl etwas magerer aussehend, im klebrigen ist aber in seinem Aeußeren seit dem Kuttenberger Prozeß keine wesentliche Veränderung vorgegangen; er trägt einen Schnurrbart. Der Angeklagte ist durchaus nicht apathisch, wie es in letzter Zeit vielfach hieß, sondern sehr lebhaft und betheuert unaufhörlich seine Unschuld. An seiner Taktik, Alles und Jedes zu leugnen, hält er aber trotzdem fest. Hilsner wird bei der morgigen Verhandlung den blauen Anzug tragen, den er am Tage der Ermordung der Hruza getragen haben soll. Als Zeugen sind der Bruder der Hruza, sowie die Mutter und der Bruder Hilsner's vorgeladen.