Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 85 (25.10.1900)
- Date
- 1900-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4t* Jahrgang. Erste Anlage zu M 85 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin. (Historischer P a r a l l e l i s m u s.) Juli 1099. Am 16. Juli 1099 war das Kreuzheer unter Gottfried von Bouillon in die heilige Stadt eingezogen. Wie rasende Thiere wütheten und raubten die Sieger in Jerusalem. Die Juden Jerusalems zogen, da aller Widerstand als vergeblich erkannt wurde, unter Führung ihrer Rabbiner in die Synagoge und erwarteten dort den Tod. Die Kreuzfahrer steckten das Gotteshaus in Brand, und die ganze Gemeinde fand den Tod in den Flammen, unter den Jubelrufen der Mörder. (Witten, Gesch. der Kreuzzüge, 296: Juli 1900. Der Bischof Guillon. zwei Priester, zwe^ Nonnen und gegen dreihundert christliche Chinesen wurden von den Boxern angegriffen. Anfangs verteidigten ste sich gegen die Feinde: als aber Artillerie aufgefahren wurde und der Bischof erkannte, daß aller Widerstand umsonst sein würde, befahl er den Christen, sich in die Kirche Zurück zu ziehen. Dort erwartete er an der Spitze der Gemeinde den Tod. Die Boxer legten Feuer an die Kirche und die ganze Gemeinde fand den Flammentod. (Brief von Missionspater Choulet, abgedruät in Sept. 1900.) Homburg, 24. Okt. (Antisemit contra Antisemit.) Bor dem Schöffengericht IV sollte eine Brivatklage, die der antisemitische Redacteur I. Golle gegen den Antisemitenführer F. Raab wegen Beleidigung und Mißhandlung erhoben hatte, verhandelt werden. Da aber zur festgesetzten Terminstunde beide Parteien nicht erschienen waren, so stellte das Gericht das Verfahren unter Belastung des Klägers mit den erlvachsenen Kosten ein. Die Angelegenheit, um die es sich in der Klage bandelt, hat sich im Redaktionszimmer des „Deutschen Blatt" abgespielt und ist folgende: Raab, der Mitglied des Aufsichtsrathes des Blattes ist, machte dem Redakteur Golle eines Tages die Mittheilung, daß ein zweiter Redakteur angestellt sei und daß er, Raab, erwarte, daß Gotte den neuen Redakteur nach besten Kräften in die Verhältnisse einführen werde. Gleichzeitig aber machte Raab dem Herrn Golle die Mittheilung, daß er die längste Zeit Redakteur am „Deutschen Blatt" gewesen sei, da man ihm kündigen wolle. Bald darauf fragte Golle Herrn Raab, wie lange er wohl noch in seiner Stellung bleiben werde, woraus Herr Raab die Antwort ertheilt haben soll- „Ich habe Ihnen die Stellung schon mehrfach gekündigt." Bei dieser Gelegenheit soll Raab den Herrn Golle auch Lump genannt haben. Golle will nun Herrn Raab gesagt haben, er müsse sich doch schämen, ihn einen Lumpen zu nennen und Raab ist dann über die Zumuthung, daß er sich schämen solle, so erregt geworden, daß er sich nach Golle's Darstellung hat zu Thätlichteiten Hinreißen lassen. Posen, im Okt. Der vor einigen Monaten hier versammelt gewesene Rabbinerverband der Provinz Posen hat unter anderm auch die Einrichtung getroffen, daß die Rabbiner der größeren Gemeinden in den benachbarten kleineren, die ohne Rabbiner sind, von Zeit zu Zeit Predigten abhalten, um diesen verwaisten Gemeinden Belehrung und Erbauung zu verschaffen. Diese Einrichtung ist mit Recht freudig begrüßt worden und hat namentlich in den betreffenden kleineren Gemeinden Anklang gesunden. Schon hat Herr Rabbiner Dr. F e i l ch e n f e l d von hier an dem Sonntag vor den in dem benachbarten Schwersenz eine Predigt gehalten, der fast die ganze Gemeinde beiwohnte. Für nsitr T)2v hat ferner Herr Rabbinats-Candidat Dr. Mannes von hier es übernommen, in dem einige Meilen von hier entfernten Tirschtiegel einen Vortrag zu halten. Er hat nicht nur dieser Aufgabe genügt, sondern ist noch darüber hinausgegangen, indem er sich erbot, am Nachmittag des Sabbat einen belehrenden Vortrag über nvv noSn .2"' wvbn u. s. w. zu halten, was von den Gemeindemitgliedern dankbar angenommen wurde. Dies hat jedenfalls eine wohlthuende Wirkung geübt: doch hat Herr Dr. Mannes sich nicht nur darauf beschränkt, in seinen Vorträgen zu belehren und zu erbauen, sondern auch in Privatgesprächen mit einzelnen Mitgliedern sie angeregt, die jetzt leider arg vernachlässigte 7!2v juxe wieder zu beachten und, was noch wichtiger ist, die in Verfall gerathene wieder Herzusteven. So wird hoffentlich diese Einrichtung segensreich wirken, wenn berufene Persönlichkeiten ihre Kraft in den Dienst derselben stellen. Die kleinen Gemeinden, unter denen sicherlich noch viele sind d'KOjh Ti “c-6 werden nun doch von Zeit zu Zeit belehrende Worte hören und dadurch vor dem einreißenden Jndifferentismus bewahrt bleiben. Die Frage der Dispensirung jüdischer Schüler an jüdischen Festtagen ist wieder einmal akut geworden. Bisher war es an dem königl. Friedrich Wilhelms- Gvmnasium und dem königl. Marien-Gymnasium, an denen kein jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird, konstante Praxis, die jüdischen Schüler auf Wunsch der Eltern an jüdischen Festtagen vom Schulbesuche zu dispensiren. Nur an der königl. Oberrealschule, resp. dem Berger-Gymnasium, an dem jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird, war der Usus schwankend.