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Der Israelit · 1900-10-25 · Heft 85 (25.10.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 85 (25.10.1900)
Date
1900-10-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1729 sprechen Sie einmal mit ihm über meinen Fall. Und fragen Sie vor Allem darnach, wieso es denn kam. daß die Polizei von Allem so schnell unterrichtet war. Das begreife ich bis letzt noch nicht!" Gott schien mir thatsächlich den richtigen Weg gewiesen zu haben. Denn als der Aufseher am nächsten Morgen in aller Frühe zu mir kam, erzählte er mir Folgendes: „Also, ich war da, und ich kann Ihnen sagen, Ihr Einfall war gut. Hören Sie: Gleich vom Dienst aus. um acht Uhr, ging ich nach der Breitenstraße. Lina war erstaunt und fragte, was geschehen sei. Wir standen im Korridor und ich hatte ihr eben gesagt, daß es sich um Sie handle, als ein älterer Herr vom Flur eintrat. „Ach, Herr Fromann," redete ihn Lina an, „das ist mein Vater, er kommt von Herrn Gottschalk!" „Ihr Chef, sofort Feuer und Flamme, führte mich in die Stube und fragte mich nach jeder Kleinigkeit. Er war trostlos über das Unglück, das Sie betroffen. Nie und nimmer glaube er an Ihre Schuld. Die Polizei sei sofort von Ihrer Thäterschaft überzeugt gewesen. Zufällig war bei der Entdeckung des Diebstahls ein Herr zugegen — Meyer, glaub' ich, heißt er — der am Morgen gekommen war, um sich von Fräulein Fromann, die kurz vorher abreiste, zu verabschieden. Dieser Herr sei sofort, als er von seiner Bekanntschaft mit Ihnen sprach, eingehend vernommen worden. Da habe er denn Alles sagen müffen, was er über Sie wußte, über Ihre Geldverlegenheit. die Höhe der Summe, den Termin zur Bezahlung, kurz über Alles! Der Lehrling sei dabei geblieben, die Thüre geschloffen zu haben u. der gefundene Brief, im Verein mit Ihrer Abwesenheit oben in der b-tresfenden Nacht habe dann das Uebrige gethan. Zudem hätten Sie sich gerade an diesem Morgen krank melden lasten, was den Verdacht erhöht habe. Ihr Chef sprach der Polizei von Ihrer Frömmigkeit, von Ihrer langjährigen Treue, dem unbedingten Vertrauen, das er in Sie setze — vergebens, die Polizei hielt nun mal die Spur fest und verbot Ihrem Chef ausdrücklich, Sie von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen-" „So so," sagte ich, als der Aufseher eine Pause machte, ..also in dieser Weise hat sich die Sache abgespielt! Nun ist mir Alles klar. Also, weiter!" „Ja, weiter," fuhr der wackere Mann eifrig fort, „das Beste kommt nämlich noch! Also, wir sprechen so zusammen, er fragt mich nach Ihnen, und ich erzähle ihm unter Anderm von der Idee, die Sie gestern entwickelt haben. „Na, da wollen wir doch mal die Lina gleich fragen," sagte Ihr Chef. Er rief sie zu uns in die Stube und fragte sie, ob sie vielleicht am Donnerstag irgend eine verdächtige Person im Hause gesehen habe. Nein, erwiedcrte sie nach kurzem Besinnen, sie habe Niemand gesehen, als die Herren, die zum Feste kamen. „Na, und die waren doch den ganzen Abend Alle in der Stube!" sagte Ihr Ches, „außer Gottschalk, der unglücklicherweise gerade um die kritische Zeit weggegangen war!" Da erwiedcrte Lina: „Herr Fromann, es war noch Einer weggegangen!" „Noch Einer? Na, wer denn?" „Ich kenne ihn nicht! Also, es mag so gegen ein Uhr gewesen sein, als es leise an die Korridorthüre klopft. Ich öffne u. es kommt ein junger Mann herein, der mich um ein Glas Master bittet; er sei im Garten ein bischen spazieren gegangen und habe mit einem Male solchen Durst bekommen. Ich hole ihm aus der Küche ein Glas Wasser, er trinkt und sagt, er wolle noch ein Weilchen gehen, er habe Kopfschmerzen. Und er ging. Ich dachte, er gehört mit zu der Festgesellschaft, da er jüdisch aussah und auch ganz anständig. Blos ein bischen erhitzt im Gesichte war er und ich glaubte ihm, daß er Durst habe. Also, es war noch Einer weggegangen, außer Herrn Gottschalk!" „Kann sein", sagte jetzt Ihr Chef, „ich kann das nicht so genau wissen." Mit einem Male wird Ihr Cbes nachdenklich. „Ein junger Mann, sagen Sie?" fragte er Lina. „Ja," erwiederte sie. „kaum älter als Herr Gottschalk!" „Wie sah er denn aus?" „Nun, er war von mittlerer Größe, hatte ein glattrasiertes Gesicht, nur einen kleinen, schwarzen Schnurrbart. Er trug einen mausgrauen Sommerpaletot und einen braunen, steifen Filzhut. Als er trank, sah ich an seiner rechten Hand einen Ning mit einem breiten grünen Stein." Da begann Ihr Chef mit wachsender Aufregung: „Lina! Misten Sie ganz genau? Glattrasiert, mit einem schwarzen Schnurrbärtchen?" „Ganz gewiß, Herr Fromann!" „Nun, Lina, ein junger Mann von diesem Aussehen war nickt in unserer Gesellschaft. Außer Herrn Gottschalk, den Sie ja kennen, und dem Karl waren lauter altere Herren da! Kein Einziger sah so aus wie der, den Sie beschreiben! Lina, das war der Dieb! Hatte der Mensch auch noch die Frechheit, sich oben seinen Durst zu löschen, nachdem er unten seine verbrecherische Arbeit gethan hatte! Und jüdisch sab er aus?" Ja," antwortete Lina, „entschieden!" „Was brauche ich mir den Kopf zu zerbrechen? Die Polizei wird's schon herausfinden! Sofort gehe ich auf das Büreau und melde von dem neuen Moment, das da aufgetaucht ist und wünsche mit Ihnen zusammen, Lina, vernommen zu werden!" Und gesagt, gethan! Ihr Chef geht zur Polizei und meldet alles. Ich begleitete ihn und wartete unten. „Jetzt werden wir bald Klarheit haben!" ruft er mir zu, als er loteber berunter kommt, „morgen früh um neun Uhr werde ich mit Lina vor dem Untersuchungsrichter erscheinen!" Na, junger Freund, wie gefällt Ihnen dies Resultat? Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, daß ich zu Ihrer Befreiung beitragen darf, nachdem Sie mir durch Ihre Frömmigkeit das Leben gerettet haben!" „Hu jauzi mierescheß ragloj!" so rang es sich in dumpfen Tönen wie ein ungeheures Donkgebet aus meiner Seele!

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