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Der Israelit · 1900-10-22 · Heft 84 (22.10.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 84 (22.10.1900)
Date
1900-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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bestraft." Das schien mir, genau betrachtet, auch in meinem Falle zuzutresfen! Wie? Ich entrüstete mich darüber, daß man mich für einen Dieb hielt, daß man mir zutraute, ich hätte mich in einer so schamlosen Weise an dem Eigenthum eines Andern, noch dazu an dem Eigenthum meines Chef vergriffen? War ich denn nicht ein Dieb? Hatte ich mich denn nicht lautlos und heimlich hinausgeschlichen in den nächtlichen Garten, und dort — war es denn dort nicht in der That das Cigenthum meines Chef, sein kostbarstes Eigenthum, nach dem ich hinter seinem Rücken die Hand ausstreckte? Hatte mich nicht dieser theuerste Besitz meines väterlichen Berathers noch mehr geblendet, als gleißendes Gold? Hatte ich nicht um seinetwillen in leichtfertiger Weise das Heiligste mit Füßen getreten, um seinetwillen die stille Weihe der Schowuausnacht mit dem unreinen Feuer meiner Leidenschaft entweiht und entheiligt? Ja, ich w a r ein Dieb — und als ein Dieb mußte ich büßen! Ein ungeheurer Schmerz begann nun mein ganzes Sein zu erfüllen. Thränen entstürzten meinen Augen, weinend und schluchzend schritt ich hin und her — eine hilflose Beute der Neue und der Selbstpeinigung! — Weinend und schluchzend griff ich endlich nach meinem Gebetbuch, schlug es auf und begann mit thränenerstickter Stimme in jenen herrlichen Dichtungen zu lesen, die für jedes Leid einen Trost, für jeden Schmerz einen lindernden Balsam enthalten — in den Psalmen! Wohin mein Auge gerade traf, fand ich die Beziehung auf mich. Wir war, als flössen die David'schen Gebetsworte unmittelbar aus meiner Seele! „Du Heiliger, der da thronet in den Lobgesängen Israels, auf Dich vertrauten unsere Väter und Du rettetest sie. Zu Dir schrieen sie und wurden gerettet, auf Dich vertrauten sie und wurden nicht zu Schanden. Ich aber — ich bin ein Wurm und kein Mann, eine Schande den Menschen, ein Verachteter vor allem Volke.! Alle, die mich sehen, spotten meiner, schürzen die Lippe, schütteln das Haupt-" Erschütternd wirkte die Wahrheit dieser Worte auf mein Gemüth. Riesengroß schienen die heiligen Buchstaben vor meinen Augen emvorzuwachsen, als lebendige Verkündigung der Schande und der Verachtung, die nun auch auf mir ruhte, der im Gefängniß saß, mit einem entehrenden Verdachte belastet! llnd weiter und weiter las ich, weinend und schluchzend: „Denk' an Dein Erbarmen, Ewiger, und an Deine Gnade, denn seit Ewigkeit sind sie. Der Sünde meiner Jugend und meiner Vergehungen gedenke nicht, nach Deiner Gnade denke mein, um Deiner Güte willen. Ewiger. Gut und gerade ist der Ewige, darum zeigt er den Sündern den Weg.um Deines Namens willen, Ewiger, verzeihe meine Schuld, denn sie ist groß .meine Augen sind beständig auf den Ewigen gerichtet, ja, er wird herausführen aus dem Netz meinen Fuß.Hüte meine Seele und errette mich, ich werde ancht zu Schanden, denn ich baue auf Dich. Frömmigkeit und Geradheit sollen mich bewahren, denn Du bist ineine Hoffnung-" Endlich, je weiter ich las und betete, stieg ein fort und fort sich festigendes Gefühl der Sicherheit in meiner Seele auf. Ja, Gott wird mich dem Netze entrinnen lassen, das nun so verhängnißvoll seine Maschen um mich breitete. Wohl war ich schuldig. Aber hatte ich denn nicht schon gebüßt? llnd wie gebüßt in diesen zwei Tagen!? Sollte ich wirklich nun auch noch für die Schuld eines Andern büßen? Eines Andern! Wer war es, dieser Andere? Wer? Wie geheimnißvoll, wie unverständlich, dieser Diebstahl! llnd wie viel Räthsel, die dieser Diebstahl in meinen Weg gewälzt! Dieser Brief auf dem Fußboden des Komptoirs! Dieses Zutreffen der gestohlenen Summe auf die. die mir fehlte! Dieses unverständliche Vorfinden der Geschäftsschlüssel in meinem Paletot. Ich war in tiefes Sinnen versunken, beschäftigt mit dem Versuche, all diesen Räthseln auf die Spur zu kommen, als um die Mittagszeit' mein Freund, der Gefängnißausseher, dessen Dienst jetzt wieder begann, zu mir eintrat. Er schien in großer Aufregung zu sein. „Sie sind doch der junge Mann von dem Geschäft Leopold Fromann?" rief er laut. „Ganz richtig," crwiederte ich. „Na also! Ta kenne ich ja schon Ihren ganzen Fall! Wenigstens so ungefähr! Denken Sie, gestern Abend lammt in einer Aufregung meine Tochter nach Hause und erzählt meiner Frau die ganze Diebstahlsgeschichte. Meine Frau hat mir heute Früh alles haarklein berichtet-" Ich verstand ihn nicht recht. „Ihre Tochter?" fragte ick, „woher wußte sie denn?" „Ach ja! Das ist das Wichtigste! Meine Tochter, die ist ja das Stubenmädchen bei Fromann!" „Was Sie sagen!" rief ich verwundert. „Ja." fuhr er eilig fort, „das war keine kleine Aufregung, wie die Geschichte herauskam! Ihr Chef hatte selbst am Donnerstag Nachmittag ein Packetchen mit fünf Tausendmarkscheinen in den Geldschrank an eine bestimmte Stelle gelegt und wie er es am Sonntag Früh öffnet, sind's nur noch drei! Sofort dachte er an die Geschichte von der Thür. Die hatte doch der Lehrling am Donnerstag Nacht offen gefunden! Da mußte der Diebstahl geschehen sein, durch den Leichtsinn dieses Burschen! Ein Dieb mußte sich eingeschlichen und die Gelegenheit benützend, mit einem Nachschlüsiel den Geldschrank geöffnet haben. Die sofort geholte Kriminalpolizei stellte sofort umfassende Erhebungen an. Wie das nun genauer war, wußte meine Tochter nicht. Sie wußte nur das Resultat, daß die Polizei schließlich auf den Buchhalter und Kassirer des Geschäfts, Leo Gottschalk gekommen sei. Leo Gottschalk, rief ich meiner

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