Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 99 (13.12.1900)
- Date
- 1900-12-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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F HW. WW'., v,i'-w ,».--..ju*w 41. Jahrgang. Erste Aeikage zu Jß 99 des „Israelit". sich da nicht vielleicht auf unsere verlorenen zehn Stämme schließen? Ich werde jedenfalls Gelegenheit haben, hierüber mehr zu erfahren. Dieser Pater Frömes (ein geborener Bregenzer) sagte mir, daß etwa Blies eines Wische» Soldaten aus Khj««. Von befreundeter Seite wird uns folgender Brief eines deutschen Marinesoldaten zur Verfügung gestellt: K i a u t s ch o u , 28. September 1900. Meine Lieben! Heute will ich wieder einmal die Gelegenheit benützen, Euch ein Brieflein zukommen zu lassen, weil ich weiß, daß Ihr gerne ausführliche Berichte habt. Der Rosch Haschonoh wäre Gott s. D. vorüber. Ich sage Gott s. D>, denn es ist eine gewagte Behauptung, wenn ich sagen wollte, ich hätte einen Jomtof gefeiert. Der erste Tag ging noch an. Wir waren dienstfrei (mein Kollege Aaron und ich). An einer einsamen Stelle hinter den Mauern von Kiautschou setzte ich mich auf einen Steinhaufen zum Gebete nieder und ich glaube, ich hätte in keiner Synagoge mit mehr Andacht oren können. Nachmittags durften wir ausgehen, was sonst nicht der Fall ist, da keiner von uns allen die innere Stadt betreten darf. Wir nützten dies auch aus und mir hatten die Gelegenheit, viel Merkwürdiges und sogar Schönes zu sehen. Prachtvoll steinerne Triumpfbogen, wunderschöne ausgehauene Figuren zieren die allerdings engen und theilweise schmutzigen Straßen der Stadt. Man muß sich wundern, was die Chinesen in der Bildhauerkunst geleistet haben; auch wunderliche Malereien kann man viele sehen. Es herrscht da ein lebhaftes Getriebe auf den Straßen; alle möglichen Früchte, Getreide. Fische. Würmer, Krebse u. s. w., lverden da angeboten. Gewöhnlich geht man gerne seines Weges weiter, denn es ekelt einem alles an. Man schätzt Kiautschou auf etwa 60—70,000 Chinesen, diese leben jedoch so dicht zusammengedrängt, daß man es sehen muß. um es glauben zu können. Nachdem wir genug gesehen hatten, gingen wir zu einem katholischen Missionar, welcher hier schon lange szahre lebt. Dieser empfing uns äußerst freundlich und ich habe urich wirklich sehr gut mit demselben unterhalten. Er erzählte mir, was mich besonders interessirte, unter Anderem, daß hier in China viele eingeborene, natürlich bezopfte Juden wohnen, welche auf Chinesisch unter dem Namen Hui-ze-djau bekannt sind. — lieber ihr religiöses Leben konnte er mir jedoch wenig Auskunft geben, versprach mir aber, darüber Erkundigungen einzuziehen. Ließe 40 Stunden von hier eine Stadt sei, welche meist von Juden bewohnt wäre. Zum Schluffe lud er uns ein, am Jom Kippur bei ihm ungestört unsere Andacht zu verrichten, was ich mit Dank annahm. Nun muß ich Euch aber auch meine Erlebniffe am zweiten Tag Rosch Haschonoh erzählen. Da hieß es nämlich morgens in aller Frühe: Heute wird ein Streifzug gemacht nach einigen rebellischen Dörfern; da gab es kein Pardon, ich mußte auch mit. Wenn mir auch beim Gedanken an den heiligen Tag und wie schön es jetzt zu Hause wäre, ordentlich das Herz schwer wurde, so haben solche Streifzüge für uns Soldaten einen eigenen Reiz (ein Beweis, wie gerne ich Soldat geworden bin). Da zeigte sich, was für einen höllischen Respekt die Chinesen vor uns haben. Es müffen schon deren tausende sein, wenn sie einen Versuch wagen, sich gegen vielleicht 40—50 Mann von uns zur Wehr zu setzen. Im anderen Falle suchten sie schleunigst das Weite und so war es auch hier. Wir fanden die Dörfer verlassen, höchstens ein paar alte Männer und Weiber waren da, welche zitternd vor uns ihre Kotou (Bücklinge bis zur Erde) machten. Nachdem verschiedene Tempel und Häuser nach Waffen und Munition durchsucht waren, zogen wir mit einiger Beute den Rückweg an. Etwas wirklich Werthvolles findet man hier höchst selten, es ist meist alles farbiges Flitterzeug, das die Chinesen haben; blos Seide gibt es ziemlich viel. Wenn ich wieder einmal bei Kaffe bin, werde ich Euch etwas schicken. lieber unser Leben hier kann ich Euch nicht viel Nennenswerthes erzählen; es ist ein recht rohes und es ist gut, daß man schon abgehärtet ist. Ich bin Gott s. D. immer gesund und wohlgemuth. Des Abends sitzen wir gewöhnlich Alle zusammen, singen Lieder und erzählen uns Dinge aus der Heimath, und vertreiben uns die Zeit, so gut es geht. Bitte, schickt mir doch öfters ein paar Zeitungen, damit man auch erfährt, >vas bei Euch vorgeht. Hoffe, das; Ihr alle gesund und >vohl seid. Ich bin schon drei Wochen ohne Brief von Euch und bitte, mich nicht so lange warten zu lassen. Biele Grüße an alle lieben Geschwister und besonders an Euch von Eurem treuen Jakob.