Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 99 (13.12.1900)
- Date
- 1900-12-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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3073 i > Und doch gerade sie, von der er es am allerwenigsten erwartet hätte, hatte augenscheinlich mit der Versuchung zu kämpfen, einen Blick in das Zimmer des Fremden zu werfen, nur einen Blick, um sich zu überzeugen, ob es wahr sei, was ihre alte Magd ihr erzählt, daß nämlich auf dem Schreibtische des Doktors eine große Photographie mit einem grünen Sammtrahmen stehe, welche eine Dame von außerordentlicher Schönheit darstellte, so schön, hatte sie gesagt, wie, und nach einem Weilchen, als hätte sie inzwischen nach einem paffenden Vergleich gesucht, zugefügt, so schön, wie Sie selber. Slecinto!*) Und am unteren weißen Rande wäre noch etwas geschrieben gewesen, was sie selbst jedoch nicht lesen könne, da sie blos der czechischen Sprache mächtig sei. Rosa war nur ein schwaches Mädchen, und trotzdem das Schicksal gar strenge Anforderungen an sie stellte, siegte doch in diesem Falle ihre weibliche Schwäche gegen die sich ihr aufdrängenden Bedenken. Sie konnte ihre Neugierde nicht bezwingen, sie mußte das weibliche Bildniß sehen, welches auf seinem Tische stand. Nach kurzem inneren Kampfe öffnete sie die Thüre des ihr von früher wohlbekannten Zimmers und trat hinein. Tiefe Schwermuth überkam sie. Dies war ja das Zimmer des theuren Bruders und Jugendgefährten gewesen. Hier waren sie oft stundenlang zusammen, hatten geplauscht, gelesen oder Schach gespielt. In jener Ecke stand ja noch der Spieltisch, in deffen Fache die zierlich geschnitzten Figuren aufbewahrt waren, mit denen er ihr, der Anfängerin, gegenüber gar manche Feldzüge gewonnen. Jetzt war er ausgezogen, einen anderen König zu bekämpfen, als den elfenbeinernen. dorten, und er war in dem grausigen Spiele gar bald schachmatt geworden. Hinter jenem Vorhänge war seine Lagerstätte, die jetzt von diesem Fremden benützt wurde, während der rechtmäßige Besitzer vielleicht schwer verwundet, und von Fieber verzehrt, sich irgendwo auf einem elenden Strohlager herumwälzt, oder gar schon in der kalten Erde ruht. Schaudernd schloß sie die Augen. Alles nur das nicht! Gib uns ihn wieder, Du guter Gott, wir wollen ihn pflegen und lieben, nur laß uns nicht so einsam in Sehnsucht nach ihm verkümmern. Die Mutter hat uns Deinem unerforschlichen Rathschluffe gemäß verlassen, der Vater lebt nur seinem Grame, kümmert sich nicht einmal um die dem Geschäfte drohenden Verluste, welche die Kriegskatastrophe und seine gänzliche Unthätigkeit zur Folge hat, ich habe hier nichts mehr als die Hoffnung auf die Rückkehr des Bruders, dem einzigen Mittel, um den zerstörten Geisteszustand des theuren Vaters wieder in richtige Bahnen zu lenken. Hingerissen von den auf sie einstürmenden Erinnerungen und Gedanken, welche der Anblick dieses Zimmers entfesselte, hätte sie wahrscheinlich an den *) Fräulein. Zweck ihres Hierherkommens gänzlich vergessen; jedoch das Bild, um dessentwegen sie gekommen, stand derart, daß es jeder Besucher sofort bemerken mußte. Neugierig ergriff sie dasselbe, trat damit an's einzige Fenster des Zimmers und schob die dunklen Gardinen zur Seite, um es besser betrachten zu können. „O, es ist wahr, daß dies ein herrliches Frauenbild ist, seiner würdig! Diese klugen Augen, dieses süße Lächeln um die vollen Lippen, diese holden Grübchen in Kinn und Wangen, und über das ganze Gesicht der Ausdruck von ächt weiblicher Sanftmuth und Sittsamkeit ausgegossen.' Was bin ich, die Unbedeutende, im Vergleiche zu dieser strahlenden Schönheit? Und was steht denn da unten geschrieben: „Ihrem Ludwig! Deloria." Jetzt war's heraus, was sie befürchtet hatte; ihrem Ludwig! Er gehörte ihr, diesem schönen Mädchen, sie hatte unbestrittene Rechte an ihn. an seine Liebe. Und sie, Rosa, hatte sich bisweilen vermessen, zu glauben, daß sie selbst Eindruck auf ihn gemacht habe, wenn seine tiefen Augen so freundlich auf ihr ruhten. „Ja. Soldatenweise/' fügte sie in Gedanken bitter hinzu. „Ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen!" Sie stellte den Rahmen mit dem Bilde wieder an seine Stelle und wollte sich wieder aus dem Zimmer entfernen, um eine Enttäuschung reicher, einen Schmerz mehr den alten Leiden zugesellend. Als sie am Tische alles wieder zurechtstellen wollte, verschob sie aus Unachtsamkeit ein Blatt Papier, und siehe, vor ihr lag ihr eigenes Bildniß, dasjenige, das sie dem Bruder gegeben. Verziveifelt schrie sie auf: „Mein Bild, mein Bild, eine Geisterhand hat es hier niedergelegt. Jetzt weiß ich mit Sicherheit, Karl ist todt!" Zu viel war in dieser traurigen Stunde über sie gekommen; alle ihre Stärke, welche in der Hoffnung auf Wiederkehr des geliebten Bruders gewurzelt hatte, verließ sie, ihre Sinne verwirrten sich, schwarz wurde es vor ihren Augen, und ohnmächtig sank sie auf den Teppich des Zimmers nieder. Viertes Kapitel. Der Doktor war trotz seines schleunigen Aufbruches und. der größten Eile, mit der er zu seinem Patienten ging, dennoch zu spät gekommen. Der Hauptmann war schon todt. Es war da gar nichts zu machen. Goldenkron erledigte mehrere in diesem Falle nothwendigen Formalitäten, eilte dann, ohne sich von irgend Jemanden aufhalten zu lassen, zu seiner Wohnung zurück, nachdem er sich unterwegs erinnert hatte, daß er bei seinem hastigen Aufbruche vergessen hatte, die Thüre abzuschließen und er befürchten mußte, daß sich ein Fremder einschleichen könnte. Von den Hausbewoh nern fürchtete er so was nicht, denn sogar die Dienerschaft in diesem nach jeder Richtung hin feinen Hause bestand aus erprobten, gut geschulten Leuten. Das Vorzimmer war leer, und er ging direkt zur Zimmerthür, welche er hastig öffnete.